Handball

Emily Bölk und der Absprung ins Abenteuer nach Ungarn

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Nationalspielerin Emily Bölk (22)

Nationalspielerin Emily Bölk (22)

Foto: picture alliance

Die Handball-Nationalspielerin aus Buxtehude steht bei ihrer ersten Auslandsstation vor dem nächsten Karriereschritt.

Hamburg. Es waren gute Nachrichten, die Emily Bölk am Mittwochmorgen vernahm. Das Auswärtige Amt hebt die im Zuge der Corona-Krise getroffenen Reisewarnungen für 29 europäische Länder vom 15. Juni an auf. Darunter ist Ungarn, das neue Ziel der aus Buxtehude stammenden Handballerin des Jahres von 2019 und 2018. „Ein Hoffnungsschimmer“, sagt die 22-Jährige, „jetzt sieht es ganz gut aus, dass der Umzug tatsächlich klappt. Dass auch meine Möbel mitkommen, ein Speditionsunternehmen beauftragt werden kann.“ Die Nationalspielerin sitzt quasi auf gepackten Koffern, ehe zum 1. Juli ihr Ungarn-Abenteuer beginnt.

Die wurfgewaltige Rückraumlinke verlässt nach vier Jahren bei ihrem Heimatverein Buxtehuder SV und zuletzt zwei Spielzeiten in Erfurt beim Thüringer HC die Handball-Bundesliga der Frauen (HBF) und wechselt bis 2022 zum ungarischen Spitzenclub FTC, der Handballabteilung des Traditionsvereins Ferencvaros Budapest. Die „sportlich und menschlich neue Herausforderung“ auf ihrer ersten Auslandsstation im Profibereich war Anfang des Jahres kommuniziert worden. Ein gebührender Abschied blieb Bölk nach 132 Erstligaspielen (631 Tore) für den BSV und den THC wegen des Saison­abbruchs verwehrt. Ebenso verabschiedet sich die dreimalige Pokalsiegerin (2x BSV, 1x THC) vorerst ohne Meistertitel aus Handball-Deutschland.

Emily Bölk will sich mit den Besten messen

Für das einstige Supertalent, dem das Handballspielen in der Buxtehuder Heimat von Weltmeister-Mama Andrea (52) quasi in die Wiege gelegt worden war, steht mit dem Wechsel der nächste Karriereschritt an. Auch wenn sie selbst auf der handballerischen Leiter zum internationalen Topstar nicht davon sprechen würde, einen festen Plan zu verfolgen, ist der Schritt ins Ausland doch ein logischer. So wie es bereits der Wechsel vom Ausbildungsverein BSV, der auch wegen finanziell begrenzter Möglichkeiten nicht ganz vorne mitspielen kann, hin zum nationalen Titelaspiranten THC war, wo sie auch erstmals in der Champions League spielen konnte. „Meine Entwicklung ist noch lange nicht am Ende. Nur wenn man sich ständig mit den Besten misst, kann man besser werden“, sagt sie und berichtet von gestiegenen Ansprüchen an den Wettkampf, die Professionalität im Verein und in der Liga sowie in den sportlichen Zielen.

„FTC hat mir eine Vision gezeigt, die sich mit meinen Zielen deckt“, sagt Bölk. Ein Vor-Ort-Besuch im vergangenen Jahr habe sie trotz „anderer, toller Angebote“ zudem überzeugt. Der riesige Sportkomplex, in dem bei Ferencvaros zudem die Fußballer und Eishockey­profis trainieren, bietet alles, was das Sportlerherz begehrt: eigene Trainings- und Wettkampfhallen, therapeutische Versorgungsräume, eine Nachwuchsakademie. „Gerade der Kontrast zur Infrastruktur im Frauenhandball in Deutschland ist da krass“, sagt sie.

Wichtige Herausforderungen in den ersten Wochen

Und da ist es egal, ob der THC oder der BSV mit ihren Schulturnhallen als Vergleich herhalten. „Wir hätten unsere Spielerinnen unglaublich gerne gehalten, aber wir hatten nicht den Hauch einer Chance“, sagt etwa Thüringens Trainer Herbert Müller. Insgesamt sieben gestandene Bundesligaspielerinnen zieht es zur neuen Saison ins anscheinend gelobte Land nach Ungarn. Neben Bölk werden mit den Torhüterinnen Dinah Eckerle (24/Bietigheim) und Ann-Cathrin Griegerich (28/THC), Kreisläuferin Julia Behnke (27/Rostow am Don/Russland) und Linkshänderin Alicia Stolle (23/THC) fünf deutsche Nationalspielerinnen im Land der Magyaren auflaufen. Auch die DHB-Auswahl könnte am Ende profitieren.

Die beiden Letztgenannten wechseln gemeinsam mit Bölk zu FTC. Das erleichtere die Eingewöhnung, solle jedoch keinen Sonderstatus des deutschen Trios hervorrufen, macht Bölk deutlich. Die Integration ins Team und vor allem das Erlernen der Sprache seien die wichtigsten Herausforderungen in den ersten Wochen. Ungarisch lernt die BWL- und Wirtschaftspsychologie-Studentin bereits. „Es ist mühsam“, so ihr Urteil.

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Die ungarische Liga gilt als eine der weltbesten, „in der Breite ist es ein ganz anderes Niveau als in Deutschland“, sagt Bölk. Mehrere Clubs bilden die Ligaspitze, dazu genießt der vom Staat und von deutschen Sponsoren wie Audi und Lidl mitfinanzierte Frauenhandball einen hohen Stellenwert im Land. Serienmeister Györ gewann zuletzt dreimal in Folge die Champions League, dessen Final Four alljährlich in Budapest ausgetragen wird. Die Westungarinnen sind seit 2008 zweimal nicht Meister geworden: 2015, als zuletzt der zwölfmalige Champion FTC gewann, und 2020, als die Saison wegen Corona annulliert wurde.

„FTC will mit einem jungen Team an der Vormachtstellung Györs rütteln und in der Champions League das Final Four erreichen. Dabei will ich helfen“, sagt Bölk. Am 6. Juli ist Trainingsauftakt in Budapest. Sie ist zuversichtlich, dass dann zum einen ihre derzeit eingeschränkte Trainingstätigkeit endet – und dass zum anderen ihre Möbel pünktlich in der neuen Wohnung ankommen.