Profifußball

Coronavirus: Der HSV berät über Sofortmaßnahmen

DFL-Chef Christian Seifert sprach am Montag 35 Minuten lang über die schwerste Krise des Profifußballs.

DFL-Chef Christian Seifert sprach am Montag 35 Minuten lang über die schwerste Krise des Profifußballs.

Foto: dpa

DFL-Chef skizziert die Situation. Verantwortliche von HSV und St. Pauli wollen diskutieren, wie auf die Krise reagiert werden kann.

Hamburg.  Es war kurz vor 14 Uhr am Montagmittag, als Bernd Hoffmann unmissverständlich aufgezeigt wurde, dass es in Zeiten von Corona auf einfache Fragen nicht immer einfache Antworten gibt. Der HSV-Chef hatte die DFL-Versammlung aller 36 Proficlubs im Frankfurter Flughafenhotel Sheraton für eine kurze Pause verlassen und scheiterte bei der Rückkehr zunächst am Türknauf. Hoffmann wollte die Tür zum Sitzungssaal mit dem Ellbogen öffnen, um in den Zeiten der Pandemie höchstmögliche Vorsicht walten zu lassen. Doch weil die Tür nicht so wie der Vorstandschef wollte, nahm der entnervte Hoffmann schließlich doch die Hand zu Hilfe und eilte zurück in die Versammlung.

Eine gute Stunde später öffnete sich die Tür erneut – und diesmal war es statt Hoffmann DFL-Chef Christian Seifert, der herauskam. Gemeinsam mit Vertretern aller Proficlubs hatte der Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Fußball Liga dreieinhalb Stunden lang über die schwerste Krise in der Geschichte des Profifußballs gesprochen – und diese auf der anschließenden Pressekonferenz sehr deutlich gemacht. „Es fühlt sich an wie in einem Science-Fiction-Film“, sagte Seifert spürbar angefasst. Den obersten Knopf seines blauen Hemdes hatte der Chef der Bundesligen geöffnet, seine Stimme war belegt. „Es geht für die Clubs ums Überleben“, sagte Seifert, dem aufgrund von Vorsichtsmaßnahmen lediglich acht ausgewählte Journalisten Fragen stellen durften.

Intensive Suche nach Lösungsmöglichkeiten für Corona-Krise

Auf die Frage aller Fragen, wie und ob es mit dem Fußball überhaupt weitergeht, hatte der 50-Jährige genauso wenig eine einfache Antwort parat wie zuvor HSV-Chef Hoffmann vor der Tür. „Wir arbeiten mit hoher Intensität an Lösungsmöglichkeiten, die an Tag X hoffentlich greifen können. Und dieser Tag X ist hoffentlich nur so weit weg, dass alle 36 Proficlubs ihn erreichen können.“

Wer Seifert in der 35 Minuten langen Frage-und-Antwort-Runde aufmerksam zuhörte, der bekam einen Eindruck davon, wie ernst die Situation tatsächlich ist. „Es geht darum, dieses Virus einzudämmen. Das hat Priorität A, B und C“, sagte der DFL-Chef, der aber auch darum bemüht war, die Auswirkungen eines möglichen Crashs im Profifußball aufzuzeigen.

„Es ist lebensnotwendig, so viele Spiele wie möglich noch in dieser Saison zu spielen“, sagte Seifert. Welche konkreten Folgen ein vorzeitiger Abbruch der Saison auf die sportlichen Entscheidungen wie Aufstieg, Abstieg oder Meisterschaft hätte, konnte und wollte er noch nicht beantworten. Die Verantwortlichen werden sich noch einmal Ende März zusammensetzen, um nach einer wahrscheinlichen Verschiebung der Europameisterschaft über alles Weitere zu sprechen.

Einziges konkretes Ergebnis

Somit war das einzige konkrete Ergebnis, das Seifert in der bundesweit ausgestrahlten Pressekonferenz staatsmännisch verkünden konnte, dass die Bundesligen zunächst auch den 27. Spieltag aussetzen. Dass aber tatsächlich Anfang April wieder gespielt werden kann, glaubte auch in Frankfurt niemand.

Die HSV- und St.-Pauli-Verantwortlichen, die am Montag in Frankfurt waren, machten sich direkt nach der Versammlung auf den Rückweg nach Hamburg. Auf HSV-Seite war das neben Hoffmann Sportchef Jonas Boldt, der kurz nach Seiferts Ausführungen mit der Bahn zurück nach Hamburg reiste. Auf St.-Pauli-Seite bildeten Präsident Oke Göttlich, Sportchef Andreas Bornemann und Kolja Dickmann, der Leiter der Stabsstelle Präsidium und Clubentwicklung, eine Fahrgemeinschaft im Auto.

Spiele mit Zuschauern schloss DFL-Chef Seifert vorerst aus

Kuriosität am Rande: Damit verstieß vor allem der FC St. Pauli gegen die DFL-Richtlinie, lediglich einen Vertreter nach Frankfurt zu schicken. Der Hintergrund: Hessens Regierung hatte Veranstaltungen mit mehr als 100 Personen verboten, weswegen auch nur acht zuvor ausgesuchte Journalisten akkreditiert wurden.

Coronavirus: So können Sie sich vor Ansteckung schützen

  • Niesen oder husten Sie am besten in ein Einwegtaschentuch, das Sie danach wegwerfen. Ist keins griffbereit, halten Sie die Armbeuge vor Mund und Nase. Danach: Händewaschen
  • Regelmäßig und gründlich die Hände mit Seife waschen
  • Das Gesicht nicht mit den Händen berühren, weil die Erreger des Coronavirus über die Schleimhäute von Mund, Nase oder Augen in den Körper eindringen und eine Infektion auslösen können
  • Ein bis zwei Meter Abstand zu Menschen halten, die Infektionssymptome zeigen
  • Schutzmasken und Desinfektionsmittel sind überflüssig – sie können sogar umgekehrt zu Nachlässigkeit in wichtigeren Bereichen führen

Doch natürlich gab es in Frankfurt Wichtigeres als die Frage, ob die 100-Personen-Grenze überschritten wurde oder nicht. Zum Beispiel die Gewissheit, dass diese 100-Personen-Grenze selbst im Best-Case-Szenario bei einer Rückkehr in den Spielbetrieb in einigen Wochen definitiv nicht überschritten wird. „Niemand liebt Spiele unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Aber in nächster Zeit könnte das die einzige Chance zum Überleben für einige Clubs sein“, sagte Seifert. Und weiter: „Ohne Einnahmen durch die Medien und die Sponsoren geht es eine Weile gut, aber nicht sehr lange. Ich bitte die Fans um Verständnis für diese Überlegungen – sonst könnte es bald keine 20 Proficlubs mehr geben.“

Gedankenmodelle in alle Richtungen

Die Gewissheit, nach einer eventuellen Wiederaufnahme des Spielbetriebs lediglich auf Geisterspiele zu setzen, hatte sich natürlich auch bei den Chefs des HSV und des FC St. Pauli durchgesetzt. „Es ist allen Teilnehmern sehr klar geworden, dass es ums Eingemachte, also um das geht, was in 57 Jahren Bundesliga aufgebaut wurde“, sagte Oke Göttlich, der vor allem in seiner Funktion als DFL-Präsidiumsmitglied in Frankfurt war.

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Über die Maßnahmen, die es jetzt im eigenen Club zu ergreifen gilt, hatte St. Paulis Präsident schon zuvor gesagt: „Es gibt in einer Ausnahmesituation kein Gedankenmodell, das nicht gedacht wird.“ Gleiches gilt auch für den HSV. Bereits an diesem Dienstag will Boldt mit Team und Betreuern das Gespräch suchen, um über Sofortmaßnahmen zu beratschlagen. Dass dabei in vielen Clubs auch die Einführung von Kurzarbeit zum Thema werden kann, liegt nahe und wurde bei der DFL-Versammlung deutlich.

Freiwillige Gehaltsreduzierung?

Auch die Möglichkeit einer freiwilligen Gehaltsreduzierung wollen die Clubs mit ihren Profis erörtern. Dabei klang durch, dass es hier nicht darum gehe, Erster zu sein, sondern mehr darum, am besten vereinsübergreifend zu einer sinnvollen Lösung zu kommen.

Gesprächsbedarf gibt es auch weiterhin zwischen der Stadt Hamburg und den beiden Proficlubs. Bis Montagabend hatten die beiden Zweitligisten noch immer nicht die erbetene Ausnahmegenehmigung, um an diesem Dienstag wieder zu trainieren. Allerdings rechnen die Verantwortlichen fest mit einer Zusage. Und dass es derzeit Wichtigeres gibt, machte auch DFL-Chef Seifert mit seinen letzten Worten bei der denkwürdigen Pressekonferenz am Montag deutlich. „An unser Land“, sagte er mit ernster Miene, „lasst uns da durchkommen.“