Gastbeitrag

Andreas Rettig: Verbänden fehlt Empathie für die Fanszene

Andreas Rettig (56) war bis September Geschäftsführer beim FC St. Pauli.

Andreas Rettig (56) war bis September Geschäftsführer beim FC St. Pauli.

Foto: Mark Sandten / HA

Der frühere DFL- und St.-Pauli-Geschäftsführer glaubt, dass die Fußballanhänger unter einem zugenommenen Bedeutungsverlust leiden.

Hamburg. Die jüngsten Geschehnisse in den Stadien kann man nur im historischen Kontext der Entwicklung des Profifußballs verstehen. Die Ereignisse sind der (vorläufige) Höhepunkt sich immer weiter voneinander entfernenden Protagonisten, hier die Fanszene, dort die Verbände. Es ist das Ergebnis eines fehlenden Dialogs, einer ungeklärten Verbandsstrategie, der es an tauglichen Argumenten, Formen der Ansprache der und Empathie für die Fanszene fehlt.

Die Fluktuation an der Verbandsspitze mit vier DFB-Präsidenten seit 2006 erschwerte dabei eine kontinuierliche, berechenbaren Sportpolitik. Die Fußball-Fans, genauso bunt wie unsere Gesellschaft, leiden an einem rasant zugenommenen Bedeutungsverlust. Ein warnendes Beispiel ist für mich die oft zu Unrecht glorifizierte Premier League, die vom Kapitalgesellschafts- bereits zum Investorenfußball mutierte.

Viele Ausgliederungen

In der Bundesliga hingegen „gehörten“ im Jahr 1963 alle 16 Gründungsmitglieder als eingetragene Vereine den Mitgliedern zu 100 Prozent. Wir sprachen vom Vereinsfußball, der Ende der 90er-Jahre durch Bayer 04 Leverkusen und den VfL Wolfsburg zum reinen Kapitalgesellschaftsfußball wurde, als diese als erste Ausnahmen von der 50+1-Regel (der Verein hält die Stimmenmehrheit) vom DFB zugelassen wurden.

Viele Ausgliederungen, vornehmlich zur Kapitalbeschaffung, folgten, jedoch immer unter Beachtung der dem Mitgliederschutz dienenden, in den Satzungen der Verbände verankerten Regel. Neue Gesellschafter kamen hinzu und schränkten Mitgliederrechte ein oder führten sie, ganz extrem beim Sonderfall RB Leipzig, durch Umgehung ad absurdum. Dieses Konstrukt habe ich als damaliger Geschäftsführer der DFL abgelehnt, diese Entscheidung wurde jedoch später verbandsseitig kassiert.

Ausnahmegenehmigung für Dietmar Hopp

Nach den beiden Werksclubs erhielt 2015 Dietmar Hopp eine Ausnahmegenehmigung. Auch diese Entscheidung fiel in meine Amtszeit, und ich habe sie unterstützt, da Herr Hopp damals alle Kriterien vollumfänglich erfüllte und in nahezu altruistischer Weise sein privates (bereits versteuertes) Geld nicht nur in Beine, sondern auch in Infrastruktur und Nachwuchs investierte.

Diese erstmalige Übernahme eines bis dato nicht überregional wahrgenommenen Vereins durch eine Privatperson war ein Angriff auf die traditionelle Fanseele. Das lag vor allem an der enormen Alimentierung des Vereins durch Hopp, kaum an dessen Entscheidungsbefugnissen. Dass ein Geldgeber alles bestimmte, war gerade in Köln kein Novum, erinnert sei an den legendären Jean Löring, der im Zusammenhang mit einer Trainerentlassung Folgendes zum Besten gab: „Ich als Verein musste handeln.“

Schlingerkurs des DFB

Dass sich der BVB als erster Club an der Börse mehr als 150 Millionen Euro Eigenkapital beschaffte, wird in schwarz-gelben Gedanken oft romantisch verklärt. Dass keiner der drei Clubs mit Ausnahmegenehmigung jemals aus der Bundesliga abstieg, steigerte den Frust vieler Traditionalisten. Die Aversion bestimmter Fanszenen gegenüber Herrn Hopp, den ich persönlich kenne und schätze, ist eine gewachsene, und sie schaukelte sich durch unkluge Aktionen auf beiden Seiten hoch. Sie ist aber nicht originär der Anlass der jüngsten Aktionen.

Im Kern geht es um den aus Fansicht praktizierten Schlingerkurs des DFB, die von allen Seiten abgelehnte Kollektivstrafe allen vorherigen Beteuerungen zum Trotz wieder einzuführen, indem BVB-Fans zwei Jahre nicht mehr zum Auswärtsspiel in Sinsheim dürfen.

Überhitzte Empörungskultur

Jemanden ins Fadenkreuz zu stellen ist natürlich inakzeptabel und aufs Schärfste zu verurteilen. Hier hätte ich mir mehr einen kreativeren Protest mit Augenzwinkern gewünscht. Dies wird ein Großteil der Fanszene mit dem nötigen Abstand sicher selbst erkennen.

Vor Augen führen sollten wir uns jedoch, dass nach den jüngsten Rassismusvorfällen wenig von denjenigen zu vernehmen war, die sich nun lautstark zu Wort melden und zu der um sich greifenden überhitzten Empörungskultur beitragen. Nicht unerwähnt sollte in diesem Zusammenhang auch das großartige Engagement vieler Fanszenen im Kampf gegen rechte Tendenzen bleiben. Was ist aber nun zu tun?

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Beide Seiten sollten nun schleunigst den Gesprächsfaden wieder aufnehmen, sich gegebenenfalls eines externen Mediators bedienen und konstruktiv nach für beide Seiten gesichtswahrenden Lösungen suchen. Zur Aufrechterhaltung der Kommunikation und vor allem des gegenseitigen Zuhörens gibt es keine Alternative. Deshalb war der öffentliche Auftritt von DFB-Präsident Fritz Keller im ZDF-„Sportstudio“ im Sinne einer Deeskalation nicht zielführend und zeigte die fehlende Tiefe im Umgang mit diesem Problem.