Hamburg. Die Profiboxerin gibt in der EWS-Arena Göppingen ihr Comeback. Auch Ex-Weltmeister Firat Arslan hat Großes vor.

Aus einer Niederlage, sagen Leistungssportler, könne man mehr lernen als aus zehn Siegen, sofern man bereit ist, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Ob ihre Folgerungen korrekt waren, muss sich noch zeigen. Aber dass Christina Hammer bereit war, ihr Leben neu zu ordnen nach der ersten Niederlage ihrer Karriere im 25. Kampf, steht außer Frage.

An diesem Sonnabend (21.45 Uhr/Live­stream auf bild.de) steigt die Profiboxerin in der EWS-Arena in Göppingen erstmals wieder in den Ring, seit sie im April vergangenen Jahres ihren WM-Titel der World Boxing Organisation (WBO) im Mittelgewicht nach fast neun Jahren Regentschaft an US-Superstar Claressa Shields (24) verloren hatte.

Hammer betrachtet Wettkampf in Göppingen als Neustart

Acht Runden à zwei Minuten sind angesetzt, Gegnerin ist Florence Muthoni (34), eine in Deutschland lebende Kenianerin. Aber das ist nicht entscheidend. Entscheidend ist das Zeichen, das „Lady Hammer“ aussenden möchte: Dass sie mit 29 Jahren bereit ist, noch einmal von vorn zu beginnen.

„Ich sehe das schon als Neustart“, sagt sie, „ich musste nach der Niederlage einiges verändern. Für mich gilt: Jetzt erst recht!“ Und tatsächlich sind die Veränderungen, die die im Säuglingsalter aus Kasachstan nach Deutschland zugewanderte Athletin vorgenommen hat, einschneidend.

Neue Heimat Hamburg-Eppendorf

Christina Hammer hat sich von ihrem langjährigen Trainer Dimitri Kirnos (84) getrennt, ist aus Dortmund nach Hamburg-Eppendorf gezogen und arbeitet seit rund vier Monaten im Leistungszentrum am Braamkamp mit Landestrainer Christian Morales (38). „Ich hätte diesen Schritt schon früher gehen sollen. Herr Kirnos ist zwar für sein Alter noch sehr fit, aber ihm fehlte die richtige Strategie, und mit 84 ist es körperlich einfach nicht mehr möglich, eine Sportlerin auf WM-Niveau zu trainieren“, sagt sie.

In Dortmund sei alles auf sie zugeschnitten gewesen, „da war ich der Boss“. Aber es täte ihr gut, sich in Hamburg, wo Morales eine Reihe an aussichtsreichen Talenten aus dem Amateur- und Profibereich trainiert, neu ein- und auch mal unterzuordnen. „Für mich ist wichtig, dass ich im Boxen vorankomme. Und das Gefühl habe ich in Hamburg uneingeschränkt“, sagt sie.

Hammer möchte sich in Herausfordererposition bringen

Christian Morales teilt dieses Gefühl. „Man merkt, dass Christina jahrelang zur Weltspitze zählte und dort auch hingehört. Sie arbeitet sehr professionell und mit dem totalen Fokus darauf, an alte Erfolge anzuknüpfen“, sagt er. Man habe viel an der Athletik gearbeitet, die Beinarbeit und die rechte Schlaghand verbessert und dadurch einen ökonomischeren Boxstil eingeführt. „Auch taktisch gab es Optimierungsbedarf. Aber wir sind auf einem guten Weg“, sagt er.

Wie viel sie davon schon am Sonnabend wird zeigen können, vermag Christina Hammer, die sich der neuen Managementagentur Pyx des früheren Klitschko-Managers Bernd Bönte angeschlossen hat, nicht zu sagen. Wie ihr Neuanfang gestaltet werden soll, weiß sie dagegen schon genau. Zunächst möchte sie, ein Sieg über Muthoni vorausgesetzt, den vakanten WM-Titel der International Boxing Organization (IBO) – fünftwichtigster Verband hinter den vier Branchengrößen WBO, IBF, WBA und WBC – gewinnen, um sich wieder in gute Herausfordererposition zu bringen.

Firat Arslan will ältester Weltmeister werden

Und dann hofft sie auf einen Rückkampf mit Claressa Shields, auch wenn sie vor zehn Monaten chancenlos war und sich die US-Amerikanerin in Richtung Mixed Martial Arts zu orientieren scheint. „Ich hasse es zu verlieren. Deshalb würde ich sehr gern die Chance bekommen, um die Niederlage geradezurücken. Das Potenzial dazu habe ich, vor allem jetzt mit dem neuen Umfeld“, sagt sie.

Dass Christina Hammer nicht im Mittelpunkt steht an diesem Sonnabend, das liegt an einem Mann, der Großes vorhat. Firat Arslan, ehemaliger Weltmeister der WBA im Cruisergewicht und in der Nähe von Göppingen beheimatet, fordert im Hauptkampf (23 Uhr/bild.de) den südafrikanischen IBO-Champion Kevin Lerena (27) heraus.

Siegt der vom Hamburger Promoter Erol Ceylan gemanagte Deutschtürke, wäre er gewichtsklassenübergreifend der älteste Profiboxer der Geschichte, der sich einen WM-Titel sichern würde. Arslan ist seit Ende September 2019 49 Jahre alt. US-Superstar Bernard Hopkins war bei seinem letzten WM-Kampf im November 2014 zwar ebenfalls 49 (und einige Monate älter als Arslan), gewann den Titel aber mit 48 Jahren und 53 Tagen.

„Ich will beweisen, dass Alter kein Maßstab ist"

Firat Arslan war von 2007 bis 2008 bereits WBA-Weltmeister.
Firat Arslan war von 2007 bis 2008 bereits WBA-Weltmeister. © imago/Pressefoto Baumann | imago sportfotodienst

„Ich glaube an meinen Sieg, auch weil es meine letzte Chance ist“, sagt der Donzdorfer, der viele Jahre für den Hamburger Universum-Stall in den Ring stieg. Gesundheitliche Bedenken gibt es keine. Arslan, der über jede seiner Trainingseinheiten Buch führt, gilt als Musterathlet, er ist seit dem Einstieg in den Profibereich 1997 stets aktiv geblieben.

Allerdings werden ihm gegen den starken Lerena, der im März 2019 die deutsche Hoffnung Artur Mann (29/Hannover) in Runde vier ausknockte, nur geringe Siegchancen eingeräumt, auch wenn der Südafrikaner sagt: „Firat ist einzigartig, ich habe größten Respekt vor ihm und sehe ihn als Idol an.“ Firat Arslan freut sich über derlei Lob. „Ich will noch einmal zeigen, dass ich in die Weltspitze gehöre“, sagt er, „und ich will beweisen, dass Alter kein Maßstab ist.“