Ironman

Vor diesem eisernen 74-Jährigen hat auch Jan Frodeno Respekt

Otto Tylkowski möchte 2020 seinen letzten Triathlon auf Hawaii bestreiten. Dann wäre er 75 Jahre alt.

Otto Tylkowski möchte 2020 seinen letzten Triathlon auf Hawaii bestreiten. Dann wäre er 75 Jahre alt.

Foto: Thorsten Ahlf / HA

Otto Tylkowski aus Rellingen ist eine Triathlon-Legende. 44 Langstrecken-Rennen hat er bislang absolviert – zuletzt auf Hawaii.

Rellingen. Das erste Mal vergisst man nie! Das ist auch bei Otto Tylkowski nicht anders. Um die Erinnerung zu unterstützen, hängt da allerdings die große Collage an der Wand zwischen Arbeits- und Wohnzimmer in seinem Bungalow in Rellingen.

Die Schwimmkappe ist da, Finisher-Medaille, Startnummer, Trikot, Fotos. Hawaii, Ironman, 1991. Seine Premiere, das war etwas Besonderes. Inzwischen sind zwölf weitere Rennen auf „Big Island“ über diese mörderische Langstreckendistanz von 3,8 Kilometern Schwimmen, 180 Kilometern Radfahren und 42,195 Kilometern Laufen hinzugekommen.

Jan Frodeno wartete beim Ironman auf Tylkowski

Tylkowski ist 74 Jahre alt. Bis heute hat er 44-mal an Ironman-Wettkämpfen in der ganzen Welt teilgenommen. Er ist eine Legende in der Szene. Sogar die ARD-„Sportschau“ hat ein Filmchen über ihn gedreht. Am Dienstag trat er in einer ARD Talkshow auf.

Als er in diesem Jahr am 12. Oktober nach 16:34:40 Stunden die Ziellinie in Kailua-Kona überquerte, wartete Sieger Jan Frodeno auf den Norddeutschen. Der Ausnahmesportler war fast neun Stunden vor Tylkowski ins Ziel gekommen. Jetzt stand er da, frisch geduscht, gesättigt. Und gratulierte dem Senior von Herzen, überreichte die Medaille.

„Das ist eine Tradition auf Hawaii, der Champion empfängt die Teilnehmer in der letzten Stunde“, erzählt Otto Tylkowski, „bisher war ich noch nie in dieser Gruppe, aber diesmal war meine Zeit eine Katastrophe.“ Gleichgewichtsprobleme nach einem Schlag aufs Ohr beim Schwimmen und Blasen an den Füßen behinderten ihn: „Ich musste beim Marathon die letzten 30 Kilometer gehen.“

Tylkowski lernte als Kleinster das Weglaufen

Nun heißt es, dass jeder, der ins Ziel kommt, ein Sieger ist. Da ist sicher etwas dran. Man mag sich die Anzahl der inneren Schweinehunde nicht vorstellen, die da verjagt werden müssen. Die Schmerzen, Anstrengungen, Qualen. Was soll das? Und das in diesem – Entschuldigung – fortgeschrittenen Alter? So richtig kann Tylkowski das auch nicht erklären. Es hat wohl mit Charakter, Erziehung, Talent zu tun, aber auch mit Ehrgeiz.

„Ich war in der Schule immer der Kleinste, ich musste oft weglaufen, sonst hätte ich den Arsch voll bekommen.“ In Kiel war das, in den 50er-Jahren. Laufen, das konnte er gut, und durchhalten. So kam er zur Leichtathletik. Wurde Landesmeister über 800 Meter. Sogar einen Zehnkampf gegen den späteren Weltrekordler Kurt Bendlin hat er einmal bestritten, „völlig chancenlos, natürlich.“

Triathlet Tylkowski: "Jedes Jahr kostet zehn Minuten"

Als BWL-Student in Hamburg hat er sich dann der Jollensegelei verschrieben, auch hier ehrgeizig und erfolgreich. 1989 hat er bei einer Regattapause wegen Flaute erstmals Menschen in Neoprenanzügen durch den Möllner See schwimmen sehen. Was ist das denn? Triathlon! „Da war das Interesse geweckt, ich kam relativ schnell rein.“

Zehn Stunden Training in der Woche, dreimal Schwimmen, dreimal auf der Fahrradrolle – „das ist langweilig“ – und zweimal Laufen, das ist sein Pensum, mehr nicht. Dazu gute ärztliche Betreuung durch einen befreundeten Orthopäden und Vernunft. Auf den Körper hören, ihn einzuschätzen lernen, dann geht das. 10:39:17 Stunden ist seine Bestzeit, aufgestellt 1992 in Roth. Das ist überhaupt nicht mehr möglich: „Die biologische Uhr. Jedes Jahr kostet zehn Minuten“, sagt er, „da kannst du machen, was du willst.“

Die Triathlon-Gebühren steigen exorbitant

Sein Geld verdiente er als selbstständiger Unternehmensberater, spielte Golf, sammelte Kunst. Neben der Hawaii-Collage vom Triathlon hängen Drucke, Grafiken, Gemälde. „Für unsere beiden Söhne, die Bilder kann ich nicht mit ins Altersheim nehmen später“, lacht er. Orientalische Plastiken gibt es, das Atrium ist gestaltet wie ein japanischer Garten. Da ist jemand herumgekommen in der Welt und hat sich nicht nur Erfahrungen und Eindrücke mitgebracht.

„Triathlon“, sagt er, „ist ein gigantisches Geschäft geworden.“ 950 US-Dollar zuzüglich acht Prozent Servicegebühr betrug das Startgeld für Amateure in diesem Jahr. 1986 waren es 100 Dollar. 2018 hat die chinesische Wanda Gruppe für 650 Millionen Dollar die World Triathlon Corporation und die Rechte an der Marke Ironman gekauft. „Die wollen natürlich Geld verdienen“, sagt Tylkowski. „Bei den Veranstaltungen aber werden immer mehr freiwillige Helfer benötigt, die unentgeltlich an der Strecke arbeiten“, weiß der Sportveteran, „das passt nicht zusammen.“

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Einmal will Tylkowski noch auf Hawaii starten

Zwischen 2010 und 2017 hat er pausiert und sich wieder seiner zweiten Leidenschaft, dem Segeln, verschrieben. Tylkowski ist Kapitän mit einem Traditionsschifferschein und bietet mit der historischen Kogge „Ubena von Bremen“ Unterhaltungstörns an. Langeweile wird also nicht aufkommen, wenn im nächsten Jahr Schluss mit dem Triathlon sein soll. Der 14. Start auf Hawaii, das soll der Abschied werden.

„Dann kann ich in der Altersklasse 75 starten und habe eine gute Chance, wenn alles gut geht, unter die ersten fünf zu kommen.“ Und damit auf´s Treppchen zu steigen. Dieses Ziel hat er noch. Er muss nur noch ein Qualifikationsrennen finden, wo er die Starterlaubnis für den Iron Man erwerben kann, irgendwo auf der Welt. Dann will er auf Hawaii einen 140 Jahre alten Schiffsnagel nach dem Rennen an passender Stelle einschlagen und seine Laufschuhe dranhängen. Damit das letzte Mal auf jeden Fall auch so unvergesslich wird wie das erste.