"Get in the Ring"

Nach Tumor im Kopf: Hamburger Kickboxerin gibt Comeback

Meryem Uslu (32) betreibt seit 22 Jahren Kampfsport.

Meryem Uslu (32) betreibt seit 22 Jahren Kampfsport.

Foto: Roland Magunia / HA

Bei der ersten Kickboxgala in Wilhelmsburg steigt die ehemalige Weltmeisterin Meryem Uslu nach einem Jahr Pause wieder in den Ring.

Hamburg. Meryem Uslu geht es gut, und das ist die wichtigste Nachricht, die es geben kann vor diesem Sonnabend. Dem Tag, an dem die 32 Jahre alte Hamburgerin nach einem Jahr Pause ihr Comeback gibt bei der Kickboxgala „Get in the Ring“, zu der Veranstalter Till Görres erstmals in die edel-optics.de-Arena in Wilhelmsburg lädt.

Eine hartnäckige Rippenverletzung hatte die frühere Weltmeisterin zur Untätigkeit verdammt, doch das war nichts gegen das, was die türkischstämmige Athletin im März 2018 hinter sich bringen musste.

Meryem Uslus Schmerzresistenz ist legendär

Einige Monate zuvor war in ihrem Kopf ein Tumor entdeckt worden. Meryem Uslu, die im Trittauer X’ite Gym bei Lutz Burmester trainiert, ist bekannt als die Frau, die keine Schmerzen spürt. Ihre Schmerzresistenz ist legendär, „sie trainiert jeden Tag zweimal, und immer mit einem Lächeln im Gesicht“, sagt ihr Coach.

Doch diese Diagnose war auch für die Frohnatur Uslu niederschmetternd. „Die Ärzte wollten mir anfangs nicht genau sagen, was los ist. Zunächst hieß es, man wolle abwarten, wie sich der Tumor entwickelt“, sagt sie. Im März 2018 jedoch war der Fremdkörper am Hirn auf Hühnereigröße angewachsen. Eine Operation war unumgänglich.

Meryem Uslu muss noch Tabletten nehmen

Seit dem Eingriff im Krankenhaus Heidberg fühlt sich Meryem Uslu, die als Zehnjährige mit Kampfsport begann, wieder wohl im eigenen Körper. Zwar muss sie Tabletten nehmen, Rückschläge in Form von epileptischen Anfällen hat es bislang aber nicht gegeben, auch ihr Gleichgewichtssinn ist nicht gestört. „Ich bin meinen Ärzten unglaublich dankbar“, sagt sie.

Zu ihrem Comeback am Sonnabend haben sich die Mediziner als Ringgäste angesagt. „Die können es kaum glauben, dass ich überhaupt wieder kämpfen kann. Aber sie unterstützen es total, denn vor allem dank meiner körperlichen Fitness habe ich die Operation so gut überstanden“, sagt sie.

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Kickboxerin Uslu blendet die Psyche aus

Die lange Pause, verursacht durch eine Rippenverletzung, die sie im vergangenen November bei der letzten Auflage von „Get in the Ring“ erlitt, habe sie genutzt, um sich körperlich von Grund auf zu erholen. „Im Rückblick war diese Erholungsphase sehr wichtig. Jetzt bin ich physisch wieder auf dem Stand, auf dem ich vor der Tumoroperation war“, sagt sie.

Wie es mit ihrer Psyche aussieht, steht auf einem anderen Blatt. „Ich denke darüber nicht nach, sondern blende alles aus und mache es einfach. Ich genieße es, dass ich wieder das tun kann, was ich am meisten liebe“, sagt sie.

Meryem Uslu muss auch noch in der Bäckerei jobben

Die nächsten Kämpfe sind bereits in Planung, der Aberglaube verbietet es Meryem Uslu, darüber schon zu reden. Klar ist aber, dass die Rückkehr einen letzten Neustart markieren soll. 100 Kämpfe will sie in ihrer Karriere bestreiten, bei etwas mehr als 80 steht sie aktuell.

Weil die Kampfbörsen im Frauen-Kickboxen meist nur Aufwandsentschädigungen sind, muss die Jenfelderin auch weiterhin als Verkäuferin in einer Bäckerei jobben, um über die Runden zu kommen. „Auch in der Kampfvorbereitung musste ich arbeiten. Aber ich kenne das nicht anders“, sagt sie.

Uslu ist vor Kämpfen in Hamburg extrem aufgeregt

Für ihr Comeback in der Klasse bis 55 Kilogramm konnte Promoter Görres die Niederländerin Ella Grapperhaus als Gegnerin verpflichten. „Das ist meine Wunschgegnerin, wir wollten schon vor zwei Jahren gegeneinander antreten“, sagt Meryem Uslu, die vor Kämpfen in ihrer Heimatstadt extrem aufgeregt ist, aber in diesen Tagen spürt, dass sich angesichts ihrer Leidensgeschichte ein Stück Gelassenheit eingestellt hat.

„Ich weiß, dass meine Familie und Freunde Leistung von mir erwarten, und ich will niemanden enttäuschen. Aber ich versuche, alles etwas lockerer zu sehen. Das Schlimmste, was passieren kann, ist eine Niederlage.“ Und was ist schon eine Niederlage gegen die Erfolge, die Meryem Uslu im Kampf mit ihrem eigenen Körper errungen hat.