Plädoyer

Warum wir den Amateurfußball (trotz allem) lieben

"Asche", "Grand" oder "roter Rasen" - mit Plätzen wie hier am Neuenfelder Arp-Schnitger-Stieg verbindet viele Spieler eine Hassliebe. 

"Asche", "Grand" oder "roter Rasen" - mit Plätzen wie hier am Neuenfelder Arp-Schnitger-Stieg verbindet viele Spieler eine Hassliebe. 

Foto: Maximilian Bronner

Es gibt Tage, da hofft man auf einen Platz auf der Ersatzbank. Auch Maximilian Bronner kennt sie. Doch er kennt auch die Glücksgefühle.

Harburg/Umland. Es gibt Tage im Leben eines Amateurfußballers, da hofft man ausnahmsweise darauf, auf der Ersatzbank Platz nehmen zu dürfen. Es sind die Tage, an denen der Abend zuvor wichtiger erschien, als der anstehende Spieltag. Positionswunsch: Rechts-Draußen. Oder zentraler Bankwärmer.

Beim Donnerstag-Training versuchte der Trainer noch verzweifelt, seinen Spielern ins Gewissen zu reden. „Männer, ich erwarte eine angemessene Vorbereitung auf Sonntag. Ich weiß, dass wir alle keine Profis sind und manche von euch abends etwas vorhaben. Aber bitte übertreibt es nicht.“

Diese Weisungen des Trainers sind jedoch nur für wenige Pflichtbewusste ein Befehl. Die Mehrheit der Mannschaft nimmt diesen Appell längst als lockeren Vorschlag, als freundliche Empfehlung oder nett gemeinten Hinweis entgegen, einige Akteure senken bereits während der Traineransprache schuldbewusst ihre Köpfe.

Hastig werden die Spuren der Nacht beseitigt

Die Erkenntnis, dass der Trainer möglicherweise Recht hatte, erlangen jene Spieler in der Regel gegen zehn Uhr am Sonntagmorgen. Der Wecker piept - der Schädel brummt. Warum tu ich mir das überhaupt an? Unter schwelenden Selbstzweifeln gilt es, sich den Weg ins Badezimmer zu bahnen. Hastig werden die Spuren der Nacht beseitigt, der Stammdisko-Stempel vom Handrücken gescheuert. Für ein ausgiebiges Frühstück bleibt keine Zeit.

Mit zwei Bananen geht es in der selbstmanipulierenden Hoffnung der Kohlenhydratzufuhr zum Treffpunkt. Die Hoffnung, das Spiel bequem auf der Ersatzbank zu erleben, zerschlägt sich schnell. Der Trainer hat lediglich eine Rumpftruppe zur Verfügung, die Absagen der Spieler sind ebenso bekannt wie durchschaubar. „80. Geburtstag von Oma“, „im Urlaub“ oder „Hochzeit am Vortag“ zählen zu den beliebtesten Vorwänden, dem Sportplatz sonntags fern zu bleiben.

Die Anzahl der Alibi-Absagen korrespondiert traditionell mit Wetter, Anstoßzeit und Gegnerqualität. Spätestens während der Trainer seine Kabinenansprache hält, enttarnen sich einige Mitspieler. Nicht selten ist der Kasten mit Mineralwasser bereits vor Anpfiff geleert. Dies liegt jedoch weniger am sportmedizinischen Bewusstsein über Flüssigkeitszufuhr in Belastungssituationen, sondern vielmehr an den alkoholausdünstenden Aktiven.

Sobald der Trainer die Aufstellung samt Rückennummern bekannt gegeben hat, wartet der erste Belastungstest auf die verkaterten Köpfe. Traditionell dröhnt während des Umziehens ein „Scooter-Best-Of“ durch die viel zu enge Mannschaftskabine, der wummernde Elektro-Bass ist für manche nur schwer zu ertragen. Komisch – noch vor wenigen Stunden war es auf der Tanzfläche ähnlich laut.

Nun beginnt die Konzentrationsphase. Nur noch wenige, aber immer gleiche Sätze werden gesprochen. Hierzu gehören Fragen wie „Wo ist die Wertsachentasche?“, „Hat einer Tape dabei?“, „Wer hat ein zweites Paar Schienbeinschoner?“ oder „Gehen wir nochmal rein?“. Vor dem Anpfiff schwören einige Spieler auf die Kombination aus Energy-Drink und Pferdesalbe, die älteren Akteure bestehen zudem auf eine Ibuprofen 600.

„Ohne Ibu geht es heute nicht. Komm du mal in mein Alter!“, empören sich die älteren dann gelegentlich über ihre jüngeren Mitspieler. Doch spätestens nachdem die erste halbe Stunde auf dem Spielfeld überstanden ist, merken selbst die verkatertsten Akteure, dass Bewegung und frische Luft oftmals doch wahre Wunder bewirken können. Selbst Kopfbälle, die vor zwei Stunden noch unvorstellbar waren, sind spätestens ab der zweiten Halbzeit möglich – als wäre der Kater nie da gewesen.

Und auch das traditionelle Bier nach dem Schlusspfiff kann problemlos getrunken werden. Dabei gehört das Getränk in Amateurfußballkabinen zum guten Ton. Bereits nach wenigen Wochen bekommen Nachwuchsspieler eine umfassende Einweisung, wie eine Bierflasche geöffnet werden kann - ein Flaschenöffner existiert in der Regel nicht.

Das Repertoire umfasst eine Vielzahl von Gegenständen. Es reicht vom Bierkasten, über das Feuerzeug, eine zweite Bierflasche, der Umkleidebank, bis hin zu den Stollen der Fußballschuhe. Einige Vereine haben gar einen eigenen Kühlschrank in der Kabine verbaut. Ein kaltes Pils ist Fußball-Kulturgut - Spieler, die Cola oder gar Alsterwasser trinken, werden mit Ächtung gestraft.

Richtig teuer kann es werden, wenn der Kassenwart konsequent das Geld für die Mannschaftskasse eintreibt. Mithilfe eines Strafenkatalogs ahndet der Kassenwart Vergehen. So werden die Spieler beispielsweise für Eckbälle neben das Tor, falsche Einwürfe oder ein klingelndes Telefon während einer Besprechung mit fünf Euro noch vergleichsweise milde zur Strafkasse gebeten. Unpünktlich zum Spiel zu erscheinen, im Trikot Bier zu trinken oder zu rauchen (jeweils 10 Euro) kann bei wiederholten Vergehen jedoch teuer werden.

Der Geruch einer Mannschaftskabine ist für Außenstehende mitunter nur schwer zu ertragen. So kann es vorkommen, dass Spieler ihre Fußballschuhe während der mehrwöchigen Sommerpause in der Sporttasche vergessen. Der Mief nass gelagerter Fußballschuhe stellt selbst den belastbarsten Geruchssinn auf eine heikle Probe. Ähnlich verhält es sich mit Schienbeinschützern, in dessen Ritzen der Schweiß der Vorsaison verharrt.

Was daran schön sein soll? Ganz einfach: Das Vulgäre. Das Einfache. Hier in der Kabine ist jeder gleich. Alle einigen sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner – das Gesprächsniveau ist entsprechend. Niemand erwartet in der Kabine einen Wellness-Tempel – und das ist wohl auch gut so. Ähnlich verhält es sich mit dem Essen. Dass das kulinarische Angebot auf den Sportplätzen weitestgehend überschaubar ist, stört niemanden. Ein leckeres Drei-Gänge-Menü kostet 1,50 Euro und besteht aus: Brötchen, Wurst und Senf. Und natürlich Bier.

Sieben Millionen Amateure: Laut Statistik des Deutschen Fußball-Bund (DFB) sind im Jahr 2019 7.131.936 Menschen in 21 Fußball-Landesverbänden beim DFB gemeldet. Die Statistik umfasst sowohl den Jugend-, als auch den Seniorenbereich. Die mehr als sieben Millionen Spielerinnen und Spieler verteilen sich auf 24.544 Vereine und 149.735 Mannschaften. Im Vorjahr waren es noch 154.877 Mannschaften – das entspricht einem Minus von rund 3,3 Prozent.