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Warum Serge Gnabry beinahe Weltmeister geworden wäre

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Kai Schiller und Marian Laske
Serge Gnabry sollte bei der WM 2014 dem Kader angehören, doch dann verletzte er sich.

Serge Gnabry sollte bei der WM 2014 dem Kader angehören, doch dann verletzte er sich.

Foto: imago / Bernd Müller

Vor dem EM-Qualifikationsspiel gegen Estland gibt Bundestrainer Joachim Löw eine Liebeserklärung an Überflieger Gnabry ab.

Tallinn. Als Manuel Neuer am späten Sonnabendnachmittag nahezu fertig mit seinen Ausführungen im fensterlosen Presseraum von Tallinns A. Le Coq Arena war, konnte sich DFB-Pressesprecher Jens Grittner einen Spaß nicht verkneifen. „Der Bundestrainer steht hinter Manuel Neuer“, scherzte Grittner, als er den wartendenden Joachim Löw hinter dem Podest erspähte.

Der Hintergrund: Kaum ein Thema hatte die Fußballnation in den vergangenen Wochen so beschäftigt wie der vermeintliche Torhüterstreit zwischen Neuer und Herausforderer Marc-André ter Stegen.

Macht Neuer nach der EM weiter?

Sei’s drum. Gegen Estland, da legte sich Löw bereits frühzeitig fest, wird an diesem Sonntagabend (20.45 Uhr MEZ/RTL) wieder Neuer im Tor stehen. „Ich hoffe, dass Sie uns gut beobachtet haben“, sagte der Münchner, als ihm ein Medienvertreter fragte, wie er nach dem Zwist in den vergangenen Tagen mit seinem Kontrahenten umgegangen wäre. „Ganz ehrlich: Wir haben ein Top-Verhältnis.“

Und erst einmal in Fahrt, relativierte der Bajuware dann auch noch die jüngsten Berichte über ein mögliches Karriereende nach der EM 2020: „Der aktuelle Stand ist, dass es nichts zu verkünden gibt. Ich denke nicht an ein Karriereende.“

Als also auch das Übermorgen geklärt war, konnte Löw, der Neuer auf dem Podest folgte, über das Morgen referieren. Der zuletzt angeschlagene Ilkay Gündogan werde definitiv gegen Estland spielen, verriet der 59-Jährige. Und Serge Gnabry im Sturm sowieso.

Löw wollte Gnabry mit zur WM 2014 nehmen

Überhaupt Gnabry. Auf den Überflieger, dem in den vergangenen Wochen in der Bundesliga, in der Champions League und auch im Nationalteam so ziemlich alles gelingt, hat es Löw nach eigener Aussage schon etwas länger abgesehen. So verriet Löw erstmals, dass er den gebürtigen Stuttgarter bereits vor fünf (!) Jahren auf dem Zettel hatte.

„Im Frühjahr 2014 war ich zwei oder dreimal in London und habe Serge Gnabry bei Arsenal London verfolgt. Obwohl er damals erst 17 oder 18 Jahre alt war, wollte ich ihn eigentlich mit zur WM nach Brasilien nehmen.“ Die Arsenal-Nationalspieler Per Mertesacker und Mesut Özil hätten ihm auch vorgeschwärmt, wie stark dieser junge Bursche im Training sei.

„Ich habe ihn dann selbst anschauen wollen und er hat mir echt imponiert. Er gefällt mir einfach von seiner Art“, schwärmte Löw, der den Youngster dann aber doch zu Hause lassen musste. „Leider hat er sich dann verletzt. Aber wie er sich im letzten Dreivierteljahr hier bei uns gezeigt hat, da muss er einfach auf dem Platz stehen.“ Gnabry wäre also beinahe Weltmeister geworden.

Stark bleibt der größte DFB-Pechvogel

Eine viel größere Liebeserklärung kann ein Trainer seinem Spieler eigentlich nicht machen. Bereits in Hamburg hatte Löw vor dem Länderspiel gegen die Niederlande (2:4) ultimativ verkündet: „Serge spielt immer.“ Auch in Estland.

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Nie spielt dagegen der Berliner Niklas Stark, der wahrscheinlich als größter Pechvogel aller Zeiten in die Nationalmannschaftshistorie eingehen wird. Sieben Mal stand der Herthaner bereits im Kader, spielte aber noch keine einzige Minute für Deutschland. „Das tut mir auch wirklich ein wenig Leid für ihn“, sagte Löw nun, nachdem sich Stark in der Nacht zum Freitag an einer Tischkante das Schienbein aufgerissen hatte und statt nach Tallinn zurück nach Berlin reisen musste.

„Ich habe Niklas aus dem Mannschaftsbus heraus angerufen und ihm gesagt, dass er logischerweise bei uns noch seine Chance bekommen wird.“ Auch bei Hertha-Trainer Ante Covic habe er sich telefonisch gemeldet. „Niklas hat genug Potenzial, um für die Nationalmannschaft wichtig zu sein.“

Löw bleibt auch bei Estland respektvoll

Und Estland? Wie über jeden Gegner kann man natürlich auch über Estland viel oder wenig sagen. Man kann es aber auch beim Verweis auf die aktuelle Fifa-Weltrangliste belassen. Die weist die baltische Republik auf Rang 102 aus – eingerahmt von Palästina (101) und Libyen (102). „Es soll nicht abgehoben klingen“, sagte DFB-Direktor Oliver Bierhoff bereits kurz vor dem Abflug. „Aber unser Anspruch ist es natürlich, in Tallinn zu gewinnen.“

Der 8:0-Sieg aus dem Hinspiel im Juni in Mainz schaffte es immerhin auf Platz acht der Rekordsiege der deutschen Nationalmannschaft. Viel höher dürfte es an diesem Sonntag allerdings nicht ausgehen, nachdem sich der Fußballzwerg unter Karel Voolaid, der nach dem 0:8 Martin Reim als Nationaltrainer ablöste, zuletzt stabilisieren konnte. Vor wenigen Tagen erst durfte sich der chronische Punktelieferant nach dem 0:0 in Weißrussland über den ersten Zähler der laufenden EM-Qualifikation freuen.

Löw wäre aber nicht Löw, wenn ihm nicht doch noch ein respektvoller Satz über den Gastgeber eingefallen wäre. „Das Spiel gegen Estland muss über die Konzentration und über die Seriosität gewonnen werden“, sagte der Bundestrainer – und verabschiedete sich. „Bis morgen.“

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