EM-Qualifikation

Durchatmen! Deutschland kämpft sich in Nordirland zum Sieg

Nach der Niederlage gegen die Niederlande stand die Nationalmannschaft unter Druck. Sie hielt ihm trotz einiger Wackler stand.

Belfast. Marcel Halstenberg schien gar nicht zu realisieren, was ihm da gelungen war, fast geschäftsmäßig nahm er die Szenerie auf: Der Linksverteidiger der deutschen Nationalmannschaft ballte die Faust, dann wandte er sich den Mitspielern zu, um ihre Glückwünsche entgegenzunehmen. Halstenberg hatte soeben ein wunderschönes Tor geschossen, ein Volley mit vollem Risiko in den Winkel. Und ein besonders wichtiges noch dazu: der 1:0-Führungstreffer in Nordirland, der ein kompliziertes Spiel vor 18.434 lautstarken Zuschauern im Windsor Park von Belfast in die richtigen Bahnen lenkte.

"Ich habe den Ball einfach überragend getroffen, er fliegt perfekt rein – das hat so ein bisschen die Dose geöffnet", sagte der frühere St.-Pauli-Profi: "Heute haben wir ein bisschen was gutgemacht.“

Der 2:0-Sieg (0:0) bringt das DFB-Team in der EM-Qualifikation vorerst wieder in die Spur und sogar an die Tabellenspitze – das Spiel aber konnte Bundestrainer Joachim Löw längst nicht alle Sorgen nehmen: "Wir hätten das zweite Tor früher nachlegen müssen. So ein Spiel dürfen wir nicht mehr aus der Hand geben, da müssen die Spieler noch zulegen.“

Löw besetzt zwei Startpositionen neu

Halstenberg durfte es an diesem Tag egal sein. Sein Glück war Folge eines anderen Pech: Er spielte nur deswegen, weil Nico Schulz verletzt ausfiel. Und noch eine Änderung hatte Löw gegenüber dem 2:4 von Hamburg gegen die Niederlande vorgenommen: Wie angekündigt wollte er mehr Offensive wagen, kehrte von der Fünfer- zur Viererkette zurück. Unglücksrabe Jonathan Tah musste auf die Bank, Julian Brandt rückte in den Angriff.

Was diese neu formierte Mannschaft zu erwarten haben würde, wurde schon vor Anpfiff deutlich: Da flimmerte ein Motivationsvideo über die Leinwände. Zu dessen Höhepunkten zählten natürlich auch Tore, darum geht es ja selbst im Fußball nordirischer Ausprägung. Deutlich mehr Anklang beim Publikum aber fanden die robust geführten Zweikämpfe und vor allem die brachialen Grätschen, die zu sehen waren.

Orsato versagt Werner den Elfmeter

Die Gastgeber setzten auf Kampf und auf läuferischen Einsatz, genau so war es ja vorhergesagt worden. Die deutsche Elf aber schien trotzdem überrascht, konnte sich gegen das aggressive Pressing nicht aus der eigenen Hälfte befreien – und hatte großes Glück, nicht in Rückstand zu geraten: Toni Kroos misslang ein Querpass, Conor Washington stürmte plötzlich alleine aufs deutsche Tor zu. Doch Manuel Neuer stürzte aus seinem Kasten und blockte den Schuss (7.).

Es dauerte eine Viertelstunde, bis die Gäste Ruhe ins Spiel bringen, ihre technische Überlegenheit ausspielen und längere Pass-Stafetten aneinanderreihen konnten. Und nach und nach verlagerten sie das Geschehen in die nordirische Hälfte und bald auch in den nordirischen Strafraum. Nach 22 Minuten wurde es dort erstmals brenzlig: Julian Brandt schoss aus zwölf Metern, Jonny Evans blockte mit dem Arm vor der Brust – weiterspielen, entschied Schiedsrichter Daniele Orsato. Ebenso fünf Minuten später, als Werner abzog und Craig Cathcart den Ball mit Hand zur Ecke lenkte – da hatten die Gastgeber Glück, dass die Pfeife stumm blieb. Das hatten sie auch beim anschließenden Eckball: Süle tauchte vollkommen frei am langen Pfosten auf, brachte den Ball aber nicht aufs Tor (27.).

Ginter muss verletzt runter

Damit war die deutsche Dominanz schon wieder verpufft. Löw musste seine Abwehr abermals umstellen, Tah kam für den verletzten Ginter, der eine Rippenprellung erlitt – und wurde schnell gefordert: Neuer ließ eine Hereingabe von Stuart Dallas prallen, und Tah verhinderte am Boden liegend, dass Washington den Ball über die Linie stochern konnte (45.). Es ging jetzt wild hin und her, auf der Gegenseite legte Lukas Klostermann auf Timo Werner ab – doch der scheiterte freistehend an Torhüter Bailey Peacock-Farrell (45.+1).

Doch die deutsche Führung, sie war nur aufgehoben: Klostermanns Schuss aus guter Position wurde noch gehalten. Seine Flanke aber landete bei Halstenberg – und der der Rest ist bekannt (48.).

Es folgte die beste Phase der Deutschen, die nun Mittel und Wege fanden, den gegnerischen Abwehrriegel zu knacken – allerdings fahrlässig mit ihren Chancen umgingen: Werner sowie Reus und Klostermann im Nachschuss vergaben aus bester Position (50.). Gnabry schoss aus kurzer Distanz knapp vorbei (52.), und Peacock-Farrell hielt stark gegen Werner (53.). Reus schoss einen Freistoß aus 25 Metern, doch wieder war der nordirische Torhüter auf seinem Posten (56.). Das Führungstor, es hatte erkennbar die Verkrampfung gelöst, sicher und blitzschnell zirkulierte der Ball nun durch die deutschen Reihen.

Dallas verpasst Ausgleich knapp

Reus erklärte das veränderte Bild so: „In der ersten Halbzeit war es schwierig. Der Gegner hat uns extrem hoch angegriffen. Wir wussten, dass wir zu unseren Torchancen kommen würden, dann haben wir ja auch das 1:0 gemacht. Die zweite Halbzeit war deutlich besser als die erste."

Ein weiteres Tor schien eine Frage der Zeit. Und wäre fast auf der Gegenseite gefallen: Nordirland konterte, Dallas schoss – vorbei (63.). Deutlich wilder ging es nun wieder auf und ab, der eingewechselte Kai Havertz setzte einen Kopfball hauchzart neben das Tor (69.).

Die deutsche Abwehr wankte noch einige Male, aber sie fiel nicht. Und mit dem letzten Angriff machte die deutsche Mannschaft alles klar: Havertz steckte durch, Gnabry vollendete aus spitzem Winkel. 2:0 – durchatmen!​

Niederlande siegen in Estland souverän

Der dreimalige Europameister übernahm in Gruppe C nun mit zwölf Zählern vor den punktgleichen Nordiren, die Niederländer (9 Punkte) sind in Lauerstellung. Drei Tage nach ihrem Coup von Hamburg gewannen sie in Tallinn gegen den Außenseiter Estland völlig verdient und äußerst dominant mit 4:0 (1:0). Ryan Babel (17./48.) erzielte die ersten beiden Tore, zudem trafen Memphis Depay (76.) und Georginio Wijnaldum (87.).