Deutschland-Achter

Steuermann Sauer: „Wir müssen nicht siegen, wir wollen es!“

Martin Sauer, Hannes Ocik, Richard Schmidt, Malte Jakschik, Jakob Schneider, Torben Johannesen, Christopher Reinhardt, Laurits Follert und Johannes Weißenfeld bilden den Achter.

Martin Sauer, Hannes Ocik, Richard Schmidt, Malte Jakschik, Jakob Schneider, Torben Johannesen, Christopher Reinhardt, Laurits Follert und Johannes Weißenfeld bilden den Achter.

Foto: Naomi Baker / Getty Images

Wie sich der deutsche Ruder-Achter mental auf die WM-Titelverteidigung einstellt. Am Sonntagnachmittag wird es ernst.

Linz. Was die Öffentlichkeit erwartet, weiß er, schließlich ist er ein Urgestein. Martin Sauer ist Steuermann des Deutschland-Achters, der 36-Jährige vom Berliner RC erlebt dieser Tage in Linz seine neunte WM im Paradeboot des Deutschen Ruderverbands (DRV). Er stand bei Welttitelkämpfen fünfmal auf der obersten Stufe des Siegerpodests, war Olympiasieger in London 2012 und erfuhr vier Jahre später in Rio de Janeiro, dass der Silberrang der erste Platz der Verlierer ist, wenn man im Deutschland-Achter rudern darf.

Nichts anderes als der Sieg zählt also, wenn die Crew um Sauer, zu der auch der Hamburger Torben Johannesen (24/RC Favorite Hammonia) zählt, am Sonntag um 14.12 Uhr auf einem Nebenarm der Donau in Linz-Ottensheim gegen Großbritannien, Australien, die USA, die Niederlande und Neuseeland an den Start geht. Und trotzdem sagt Martin Sauer, dass diese äußere Anspruchshaltung weder Druck noch Ansporn sei. „Wir alle haben selbst den Anspruch an uns, ganz oben zu stehen“, sagt er, „aber wir formulieren es nicht als ein Muss. Wir wollen gewinnen, das ist ein gewaltiger Unterschied.“

Ein Team von vier Sportpsychologen zur Seite gestellt

Sauer ist studierter Jurist, er weiß, dass es beim Formulieren von Aussagen auf die Feinheiten ankommt. Bewusst hatte er deshalb, als die nach Silber in Rio begonnene Siegesserie des Achters Mitte Juli beim letzten Weltcup in Rotterdam (Niederlande) mit einer Niederlage gegen Großbritannien gerissen war, von einem Wirkungstreffer gesprochen und nicht von einem Schuss vor den Bug wie viele andere. „Ein Schuss vor den Bug verändert nichts, er richtet keinen Schaden an. Aber wir mussten etwas verändern, also musste ich die Niederlage klar als eine solche benennen“, sagt er.

Nicht jedes Mitglied des im Vergleich zu den WM-Siegen von 2017 in Sarasota (USA) und 2018 in Plowdiw (Bulgarien) auf zwei Positionen veränderten Teams – Laurits Follert (23/Krefeld) und Christopher Reinhardt (22/Dorsten) ersetzten Felix Wimberger (29/Passau) und Maximilian Planer (28/Bernburg) – kann Rückschläge oder auch Anspruchshaltungen so professionell verarbeiten wie der Steuermann. Entsprechend groß ist der Stellenwert, der der psychologischen Betreuung im Rudern zukommt. Der DRV trägt dieser Erkenntnis Rechnung, indem er seinen Athletinnen und Athleten ein Team von vier Sportpsychologen zur Seite stellt, die in Linz zwar nicht vor Ort, aber im Notfall sogar rund um die Uhr telefonisch erreichbar sind.

Teil dieses Expertenteams ist Gaby Bussmann, die am Olympiastützpunkt Dortmund ansässig ist, wo auch der männliche Riemenbereich seine Basis hat. Sie kennt den Druck, der besonders dem Achter dadurch entsteht, auf Siege abonniert zu sein. Um sich dieser Herausforderung immer wieder aufs Neue zu stellen und an der Bestleistung um kein Jota nachzulassen, helfe die Vergegenwärtigung der eigenen Stärke durch das Abrufen und Visualisieren positiver Erinnerungen. „Das hilft, um mit der notwendigen Lockerheit und dem Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit in die Rennen zu gehen“, sagt sie.

Niederlagen können einen positiven Effekt haben

Psychologisch interessanter als Siege sind Niederlagen für Sportler, die das Verlieren nicht gewohnt sind. Dass der Achter in Rotterdam dieses Gefühl erleben musste, hält Gaby Bussmann nicht für kontraproduktiv. „Wir sagen: Gescheitert minus t ergibt gescheiter, wenn man in der Lage ist, aus dem Verlieren die richtigen Schlüsse zu ziehen.“ Das gelinge im Leistungssport meist besser als in anderen Bereichen des Lebens, da die erzielte Leistung objektiv messbar ist. Gelänge es den Trainern und Sportlern, die Gründe für eine objektiv schlechtere Leistung herauszuarbeiten, dann könnten Niederlagen wie die gegen Großbritannien in Rotterdam einen positiven Effekt haben.

„Die Sportler arbeiten immer am Maximum, wissen nun aber, dass die Konkurrenz das auch tut. Das fördert die Leistung, sofern dadurch kein negativer Druck entsteht, weil man das Gefühl hat, nicht mithalten zu können.“ Martin Sauer sagt: „Man muss Niederlagen nicht akzeptieren, aber verarbeiten und verstehen, dass sie dazugehören. Der Umgang mit Druck und der Umstand, ihm nicht auszuweichen, macht den Unterschied zwischen den guten und den besten Teams aus.“

Klassische Entspannungstechniken bei Stress

Die DRV-Psychologen sind der Überzeugung, dass ein Abhaken des Renngeschehens für die mentale Erholung unabdingbar ist. Für Sportler, denen psychischer Stress körperliche Probleme bereitet, sei es durch Verspannungen oder schlechten Schlaf, empfehlen sie klassische Entspannungstechniken wie bewusste Atemkontrolle, progressive Muskelrelaxation oder auch Yoga. „Dabei ist wichtig, dass wir individuell herausfinden, was jedem Einzelnen am besten hilft“, sagt Bussmann.

Ein wichtiger Baustein für die geistige Gesundheit sei zudem das in Deutschland weit verbreitete duale System, das Berufsausbildung und Leistungssport vereint und in Gaby Bussmann eine überzeugte Anhängerin hat. „Der Wechsel zwischen körperlicher und kognitiver Arbeit trägt zur mentalen Erholung nicht unerheblich bei. Eine verschachtelte Karriere, wie sie nahezu alle Ruderer machen, hat deshalb sowohl kurz- als auch langfristig einen Nutzen für die Athleten.“ Martin Sauer glaubt das auch. „Es hilft uns, dass wir alle uns nicht nur über das Rudern definieren“, sagt er. Dennoch dürfe ein Studium nicht als Ausrede für ausbleibende sportliche Leistungen genutzt werden. „Studium oder Beruf sind keine Ablenkung vom Sport, sondern ein Teil des Lebens, der aber in den Hintergrund rückt, wenn wir uns auf den Sport konzentrieren“, sagt er.

Ängste sind normale Begleiter vor wichtigen Rennen

Für sich hat er einen passenden Weg gefunden, die Belastungen optimal zu kanalisieren. „Ich fokussiere mich auf das, was ich tun kann, um Erfolg zu haben, und nicht darauf, was alles schiefgehen könnte“, sagt er. Zu verstehen, dass Ängste und Aufregung vor wichtigen Rennen ganz normale Begleiter sind, habe ihm geholfen. „Man muss diese Gefühle annehmen und lernen, mit ihnen umzugehen, anstatt sie unterdrücken zu wollen.“ Ihm gefalle das Credo des Liverpooler Fußballtrainers Jürgen Klopp, dass man nicht immer 100 Prozent bekommt, wenn man 100 Prozent gibt, aber dass 100 Prozent zu geben die Voraussetzung dafür sei, überhaupt etwas zu bekommen.

„Wir haben weder einen Anspruch noch ein Recht auf Erfolg“, sagt Martin Sauer zum Abschluss des Gesprächs, „wir haben Chancen, die wir wahrnehmen müssen.“ Am Sonntag gibt es also die nächste Chance, und der Deutschland-Achter wird bereit sein.

Pille-Steppat holt Ticket für Paralympics

Am ersten Finaltag der Ruder-WM in Linz (Österreich) hat Deutschland die erste Goldmedaille gewonnen. Marie-Louise Dräger (38/Rostock) siegte im nichtolympischen Leichtgewichtseiner. Bronze holten Janika Kölblin (23/Stuttgart) und Marie-Christine Gerhardt (22/Ludwigshafen) im leichten Zweier und der leichte Frauen-Doppelvierer.

Grund zur Freude gab es auch für Sylvia Pille-Steppat. Die 51-Jährige vom Wilhelmsburger RC, wegen Multipler Sklerose seit 2013 auf den Rollstuhl angewiesen, sicherte sich mit Rang drei im Halbfinale einen Platz im A-Endlauf am Sonntag (13.05 Uhr) und die Teilnahme an den Paralympischen Spielen 2020 in Tokio. Dagegen muss Tim Ole Naske für die Qualifikation für Olympia 2020 nachsitzen. Der 23-Jährige von der RG Hansa verpasste als Halbfinalfünfter mit seinem Partner Stephan Krüger (30/Rostock) das A-Finale der Doppelzweier und muss am Sonntag im B-Finale (11.42 Uhr) mindestens Rang fünf erreichen, um die Japan-Reise zu buchen.