Doppel-Interview

Bundesliga-Schiri: VIP-Zuschauer schimpfen richtig übel

Patrick Ittrich (l.) pfeift seit 2016 in der Bundesliga, Fifa-Schiri Tobias Stieler seit 2012.

Patrick Ittrich (l.) pfeift seit 2016 in der Bundesliga, Fifa-Schiri Tobias Stieler seit 2012.

Foto: Marcelo Hernandez / HA

"Pöbeln gehört zum Fußball dazu", finden Patrick Ittrich und Tobias Stieler. Das Abendblatt sprach mit den beiden Hamburger Referees.

Hamburg kann Fußball-Bundesliga! Sogar doppelt, zweimal ist die Stadt im Oberhaus vertreten. Der Jurist Tobias Stieler (38) und der Polizist Patrick Ittrich (40) sind als deutsche Spitzenschiedsrichter in der Eliteklasse im Einsatz. Stieler pfeift zwar noch für seinen Heimatverein in Offenbach, lebt aber seit 2012 in Hamburg, Ittrich ist für den Mümmelmannsberger SV aktiv.

Im Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt sprechen beide erstmals gemeinsam über den Umgang mit Spielern, Funktionären, Fans, ihre Vorbereitung und darüber, dass nett sein auch im Profigeschäft durchaus hilft.

Herr Ittrich, Herr Stieler, die neue Bundesligasaison hat wieder beg0nnen, ist das auch für Sie als Schiedsrichter etwas Besonderes?

Patrick Ittrich: Bei mir ja. Nach meinem halben Jahr Pause wegen der Knieverletzung waren wirklich alle sehr nett zu mir. Da kamen Vereinsvertreter, haben mir Glück gewünscht. Viele haben sich nach meinem Gesundheitszustand erkundigt und sind froh, dass ich wieder pfeifen kann.

Tobias Stieler: Der erste Spieltag hat schon etwas Besonderes. Alle nehmen sich etwas vor für die neue Spielzeit. Das ist auch eine Standortbestimmung. Die ersten Spiele in der Bundesliga und Zweiten Liga waren sehr erwartungsfroh und entspannt. Ich weiß aber, dass es auch wieder anders werden kann, wenn die ersten drei, vier Spieltage vorbei sind.

Danach ist es vorbei mit dem entspannten Miteinander?

Ittrich Stieler Ittrich Es liegt auch daran, wie du den Leuten begegnest. Wenn du ihnen nett begegnest, dann bekommst du es auch in den meisten Fällen positiv zurück. Man hört von vielen, dass es gut ist, wenn man den Trainer draußen beruhigt, auch wenn er emotionalisiert ist. Die wollen, dass man mit ihnen redet: Das kriegen wir schon wieder hin, oder wollen Sie der erste Trainer sein, der in der Bundesliga die Gelbe Karte sieht?
Patrick, wer hat das denn wohl gesagt? Das ist ein smarter Kommentar.
Aber es gibt schon Situationen, wo man nicht nur mit Nettigkeit weiterkommt. Da muss man schon mal klare Kante zeigen, zum Beispiel, wenn es Richtung Beleidigung geht.

Wird Nettigkeit manchmal als mangelnde Autorität ausgelegt?

Ittrich Stieler Autorität hast du als Schiedsrichter an dir. Es sollte aber eine natürliche Autorität sein. Du darfst nicht arrogant oder aufgesetzt wirken. Zu 80 Prozent hilft es, wenn du deeskalierend arbeitest.
Ich persönlich finde den Begriff Autorität auf den Schiedsrichter bezogen schwierig, das impliziert ein über- und untergeordnetes Verhältnis. Autoritäres Auftreten gab es mal bei uns Schiedsrichtern, das stimmt. Aber da hat ein Wandel eingesetzt. Wir sind für das Spiel da und sollten uns nicht zu wichtig nehmen. Einen netten Kommentar oder Umgang hat noch keiner abgelehnt. Wenn Spieler oder Trainer emotionalisiert, frustriert oder ein bisschen aggressiv sind, wenn dann die Antwort eine Gegen-Aggression ist, dann ist das schon zum Scheitern verurteilt.

Merken Sie beim Fußball zunehmende Respektlosigkeit, so wie sie auch in anderen Lebensbereichen beobachtet wird?

Ittrich Ich denke, dass der Respekt vor anderen Menschen grundsätzlich nachgelassen hat. Das ist ein gesellschaftliches Problem. Da muss sich jeder selber hinterfragen. Ich kann ja als Spielleiter nicht derjenige sein, der alle anderen immer darauf hinweisen muss, dass sie sich zu benehmen haben. Es wird mir natürlich als Stärke ausgelegt, wenn ich den anderen nett, verständnisvoll wieder runterbringe. Aber der andere hat dann immer noch eine Schwäche, an der sollte er arbeiten.

Herr Stieler, Sie haben vor zwei Jahren in der Hamburger Oberliga gepfiffen. War man da nett zu Ihnen?

Stieler Ittrich Das war ein bisschen seltsam. Ich glaube, es war von Ehrfurcht geprägt, weil keiner mit mir gesprochen hat. Das war sehr befremdlich. Das Spiel hat trotzdem Spaß gemacht. Aber ich weiß, wenn jemand aus der Bundesliga in der Oberliga pfeift, dann sollte man möglichst keinen Fehler machen. Sonst heißt es, der pfeift Bundesliga und kann nicht mal Oberliga leiten. Ich mache es gerne, aber nicht zu häufig. Die Gefahr, dass man verliert, ist einfach da.
Wenn ich mal in der Oberliga pfeife oder im Pokal, dann merke ich immer, die freuen sich. Das ist immer ein schönes Gefühl. Besonders für mich als Hamburger. Die Stadt ist ja, was den Sport betrifft, ein Dorf. Jeder kennt jeden. Für uns als Schiedsrichter ist es nicht so wichtig, in welcher Liga du pfeifst. Wir haben eine gute Kameradschaft im Hamburger Schiedsrichterwesen. Ich versuche so gut es geht mich da einzubringen, wenn ich die Zeit habe. Aber es ist schwierig.

Gibt es einen Pfeifstil? Oder sollen alle Schiedsrichter ähnlich arbeiten?

Stieler Ittrich Um Gottes willen, das wäre schlecht. Nein, Unterschiede sind da und auch gewünscht.
Natürlich müssen die Basics stimmen, du musst aber irgendwann etwas anbieten. Ich glaube, du musst individuell einen Stil entwickeln. Du musst etwas an dir haben, was dich interessant macht. Wo du klarmachst, dieser Stil zeichnet mich aus, der macht mich zum guten Spielleiter. Und da unterscheidet sich wirklich jeder Schiedsrichter in der Bundesliga.

Herr Stieler, jetzt mal unter uns, wie würden Sie den Stil ihres Kollegen Patrick
Ittrich beschreiben?

Stieler Oh, das ist schwierig. Auf jeden Fall äußerst kommunikativ, teilweise auch streng, emotional, aber auch witzig.

Und umgekehrt?

Ittrich Stieler Ittrich Stieler Ähnlich.
Nee! Ganz großer Widerspruch.
Na gut, 20 bis 80 Prozent abgespeckt. Nein, Tobias ist auch kommunikativ. Er versucht sehr viel im Vorwege eine Ebene zu den Spielern aufzubauen, damit er nicht schnell in den Persönlichkeitsstrafen-Modus verfallen muss. Tobias ist sehr körperlich als Schiedsrichter. Er ist sehr laufstark, wenn es eine Rudelbildung gibt, steht er nicht nur daneben, sondern geht rein. Er ist nah am Spieler.
Ich muss einen großen Werkzeugkoffer haben, um reagieren zu können. Wenn ich merke, dass es mit Kommunikation nicht weitergeht, dann muss ich eben umschalten.

Wie ist es im Stadion? Wenn die Zuschauer nicht zufrieden sind, wird es dann manchmal unangenehm?

Stieler Ittrich Stieler Ittrich Stieler Ittrich Ich registriere natürlich, wenn sie mit einer Entscheidung nicht einverstanden waren, aber einzelne Kommentare höre ich nicht. Außer beim Abgang.
Stimmt. Ich winke dann immer.
Das ist schon echt interessant, wie erwachsene Leute da stehen und wildfremde Menschen einfach mal anpöbeln. Ich finde das eher amüsant, wie man sich da so gehen lassen kann. Das ist ja Wahnsinn.
Du erlebst es wirklich aus der Nähe, weil ja meistens der Abgang da ist, wo die Leute sitzen, die die teuren Karten haben. Diese VIP-Zuschauer sind teilweise die, die richtig übel schimpfen.
Ich finde ganz schlimm, dass da oft auch noch Kinder stehen. Andererseits, wenn es den Menschen hilft, etwas Druck abzubauen ...
Die Emotionalität prägt halt das Fußballspiel. Ich sage immer: Die Eintrittskarte im Fußball ist die Berechtigung zu pöbeln.