Antwerpen. Die Hamburger Teamkolleginnen bilden auch im Nationalteam die Flügelzange. Jetzt gilt es ein historisches Vorrundenaus abzuwenden.

Belgische Waffel am Stiel, das war das Mitbringsel, mit dem Kira Horn am Dienstagvormittag ihre Teamkollegin Hanna Granitzki überraschte. Von einem Werbedreh mit Hauptsponsor Real hatte sie die süße Nascherei mitgebracht. Und weil am Tag vor dem Gruppenfinale bei der Hockey-EM in Belgien, in dem gegen Irland (Mittwoch, 12.15 Uhr) ein Punkt zum Erreichen des Halbfinales geholt werden muss, Entspannung vorgeschrieben war, durfte auch ernährungstechnisch gesündigt werden.

Ein wenig Ruhe vor dem geplanten Sturmlauf, mit dem der Vizeweltmeister überrollt werden soll, dürfte auch der neuen Flügelzange der deutschen Damen gut getan haben. Immerhin spielen die beiden Außenverteidigerinnen vom deutschen Feldmeister Club an der Alster auf den laufintensivsten Positionen, Horn (24) in der Regel auf der rechten, Granitzki (22) auf der linken Außenbahn. „Ich stecke die Belastungen zwar gut weg, nutze aber nach jedem Spiel für eine Stunde alle Behandlungsmöglichkeiten, die unsere medizinische Abteilung bietet“, sagt Kira Horn, für die die Tage in Antwerpen besondere sind.

Immerhin erlebt das in Klein Borstel aufgewachsene Laufwunder seine EM-Premiere. Horn, die in Vollzeit im Onlinehandel des Modekonzerns Closed arbeitet, hat sich erst in diesem Jahr in der Auswahl von Bundestrainer Xavier Reckinger festgespielt. Die neu eingeführte Pro League habe ihr dabei sehr geholfen, rasch das geforderte Niveau zu erreichen. „Dadurch dass wir seit Jahresbeginn so viel Zeit gemeinsam verbracht haben, war auch meine Aufregung vor dem Turnierdebüt nicht so groß“, sagt sie. Zwar sei der Terminplan mit Spielen an jedem zweiten Tag für sie ungewohnt, „aber weil ich ein Typ bin, der Action braucht, habe ich damit kein Problem. Die Erfahrungen, die ich hier mache, sind für mich Gold wert.“

Historisches Aus in der Vorrunde droht

Hanna Granitzki hat diese Erfahrungen vor zwei Jahren bei der EM im niederländischen Amstelveen hinter sich gebracht. „Entsprechend entspannt bin ich in dieses Turnier gegangen“, sagt die Studentin der Wirtschaftspsychologie. Sie stünde für Ratschläge zwar bereit, habe aber nicht das Gefühl, dass ihre Alster-Kameradin diese benötige. Tatsächlich spielen beide ihre Rollen so unaufgeregt, als wären sie seit Ewigkeiten Teil des Nationalteams. „Ich fühle mich deutlich mehr als Bestandteil des Teams als noch vor zwei Jahren, kann meine Leistung besser abrufen“, sagt Hanna Granitzki, die vor allem mit ihrer Ruhe und Eleganz im Spielaufbau besticht.

Kira Horn (l.) im EM-Auftaktspiel gegen Weißrusslands Hanna Schilewitsch.
Kira Horn (l.) im EM-Auftaktspiel gegen Weißrusslands Hanna Schilewitsch. © dpa | Frank Uijlenbroek

Kira Horn dagegen lebt von ihrer Dynamik, ihre agilen Tempoläufe auf dem Flügel reißen oft Lücken in die gegnerische Defensive, die die Angreiferinnen nutzen können. Beim 1:1 im zweiten Gruppenspiel gegen England war Horn, die wie Granitzki beim Uhlenhorster HC erste Bundesligaerfahrungen sammelte, eine der Spielerinnen, die nach einer schwachen ersten Halbzeit für die Leistungssteigerung im zweiten Durchgang Verantwortung trugen.

Die Marschroute für die Partie gegen Irland ist deshalb klar. „Wir müssen über 60 Minuten so spielen wie gegen England in der zweiten Halbzeit, dann werden wir gewinnen“, sagen beide. Dass eine Niederlage das erstmalige Verpassen des EM-Halbfinales für ein deutsches Damenhockeyteam bedeuten würde, war beiden nicht bewusst. „Mit so etwas beschäftigen wir uns auch nicht. Unser Fokus liegt auf unseren Stärken“, sagt Kira Horn. Mit dem vom Verband gestellten Mentalcoach habe man Methoden erarbeitet, um diesen Fokus auch in Phasen höchster Belastung nicht zu verlieren. Dazu gehöre, an freien Tagen bewusst Entspannung zuzulassen und nicht im Hockey-Tunnel stecken zu bleiben. Auch Waffeln am Stiel können dabei durchaus hilfreich sein.