Hockey-EM

Deutsche Damen wachen spät auf – und müssen jetzt zittern

Laura Keibel (M.) kämpft mit Englands Shona McCallin (r.) um die Kugel.

Laura Keibel (M.) kämpft mit Englands Shona McCallin (r.) um die Kugel.

Foto: Frank Uijlenbroek / dpa

Alsters Hannah Gablac sichert Unentschieden gegen England. Fürs Halbfinale muss nun gegen den WM-Zweiten gepunktet werden.

Antwerpen. Der Montag war wieder einmal einer dieser Tage, an denen man sich als neutraler Beobachter gewünscht hätte, während der Halbzeitpause als Mäuschen in der Spielerkabine sitzen zu dürfen. Vollkommen zu Recht hatten die deutschen Hockeydamen in ihrem zweiten Gruppenspiel bei der EM in Belgien gegen England nach 30 Minuten mit 0:1 hinten gelegen. Lily Owsley hatte in der 24. Minute eine der vielen Unachtsamkeiten im deutschen Deckungsverbund genutzt und den Ball freistehend zum 0:1 ins rechte obere Eck des von Julia Sonntag (RW Köln) gehüteten Tores geschlenzt. Die Auswahl von Bundestrainer Xavier Reckinger war in vielen Situationen einen Schritt zu spät, lief dem Gegner oft hinterher und erarbeitete sich selbst kaum Torszenen.

Dass sich die deutschen Damen nach Spielende über das 1:1-Endergebnis sogar noch ärgern mussten, lag an einer Leistungssteigerung, deren Ursache Torschützin Hannah Gablac vom deutschen Feldmeister Club an der Alster in der Kabinenansprache verortete. „In der Pause gab es ordentlich Anschiss, darauf haben wir zum Glück gut reagiert“, sagte die Hamburger Torjägerin, die kurz vor Ende des dritten Viertels eine Hereingabe ihrer Clubkollegin Anne Schröder ins englische Tor geblockt hatte.

Was genau er gesagt hatte, um sein Team zu wecken, wollte Reckinger nach der Partie nicht verraten. „Ich habe die Mädels lieb gepusht“, sagte der Belgier mit einem Grinsen. Gablac bekannte, dass auch Kapitänin Janne Müller-Wieland (Uhlenhorster HC) deutliche Worte gefunden habe. „Das war ja auch notwendig, denn vor allem das zweite Viertel haben wir verschlafen“, sagte sie. Der Bundestrainer hatte in der ersten Halbzeit vor allem Energie vermisst. „Wenn man England unter Druck setzt, wie wir es in der zweiten Halbzeit getan haben, dann kann man sie auch dominieren. Ich nehme als positive Erkenntnis mit, dass die Mannschaft es geschafft hat, sich im laufenden Spiel deutlich zu steigern.“

Chance auf den Gruppensieg bleibt erhalten

Tatsächlich waren Körpersprache und Spieltempo viel intensiver nach dem Seitenwechsel. Aufgrund des klaren Chancenplus – die größte vergab die Mannheimerin Cecile Pieper mit einem Pfostenschuss kurz vor dem Ausgleich – wäre ein Sieg verdient gewesen. Dass seine Mannschaft fünf Strafecken vergab, sah Reckinger angesichts der Tatsache, dass England mit Maddie Hinch eine der weltbesten Torhüterinnen zwischen den Pfosten hat, als lässliche Sünde an. „Ich fand unsere Eckenvarianten nicht schlecht, England hat einfach gut verteidigt“, sagte er.

Das Remis eröffnet angesichts des 13:0-Auftaktsiegs gegen Weißrussland immerhin alle Chancen auf den Gruppensieg, mit dem man im Halbfinale mutmaßlich Titelverteidiger und Weltmeister Niederlande aus dem Weg gehen würde. Dazu braucht es im Gruppenfinale gegen Irland, das im vergangenen Jahr sensationell Vizeweltmeister wurde, am Mittwoch (12.15 Uhr) allerdings einen Sieg; ein Punkt würde den Halbfinaleinzug sichern. „Das wird ein ähnliches Spiel wie heute. Wenn wir dort nicht von Beginn an mit 100 Prozent Energie reingehen, wird es hart. Ich erwarte von meinem Team, dass es erwachsen spielt und sich von Spiel zu Spiel steigert“, sagte Reckinger.

Außenverteidigerin Kira Horn (Club an der Alster), in der zweiten Halbzeit eine der auffälligsten Deutschen, hat auf Rechenspiele überhaupt keine Lust. „Wir werden gegen Irland auf jeden Fall voll auf Sieg spielen, denn unser Anspruch ist, jedes Spiel zu gewinnen.“ Dass man das gegen England erst nach der Halbzeitpredigt habe zeigen können, sei bitter. „Aber ich bin mir sicher: Wenn wir zehn Minuten länger gespielt hätten, hätten wir gewonnen.“