Boxen

Meistertitel als Lohn, Olympiachance als Krönung

Kevin Boakye (l.) mit Cheftrainer
André Walther.

Kevin Boakye (l.) mit Cheftrainer André Walther.

Foto: Marcelo Hernandez

Der Hamburger Boxer Kevin Boakye hofft nach dem DM-Triumph auf Nominierung für nationale Tokio-Ausscheidung.

Hamburg.. Was er dachte, als er Kevin Boakye zum ersten Mal boxen sah, das weiß André Walther noch genau, auch wenn es mittlerweile fast fünf Jahre her ist. „Sein Wille, alles für den Sieg zu geben, der unmöglich schien, hat mich total beeindruckt“, sagt der 49-Jährige. Ende 2014 war das, Boakye kämpfte für den SC Condor, es war sein zweiter Kampf, er verlor ihn. Aber die Chemie zwischen dem in Hamburg geborenen Sohn ghanaischer Eltern und dem Cheftrainer des TH Eilbeck war entstanden.

Am Montagabend sitzen beide im Gym des Hamburger Profistalls EC Boxing am Normannenweg. Kevin Boakye hat sich zum Training umgezogen, denn auch wenn sein bislang größter sportlicher Erfolg gerade einmal acht Tage zurückliegt, will er angreifen. Der 20-Jährige hat sie aufblitzen sehen, diese Chance, auf die er so hart hingearbeitet hat, und nun will er sie nicht durch die Fäuste rinnen lassen. In Berlin, bei den deutschen Meisterschaften, gewann er am vorvergangenen Sonnabend den Titel im Mittelgewicht, der Klasse bis 75 Kilogramm. Im Finale besiegte er den Thüringer Silvio Schierle, immerhin WM-Teilnehmer von 2017, einstimmig nach Punkten. Und nun ist die Hoffnung groß, dass ihn der Deutsche Boxsport-Verband für die nationale Olympiaausscheidung im Dezember nominiert.

In Jugend „ziemlich viel Blödsinn gemacht“

„Für mich war schon dieser deutsche Meistertitel eine Belohnung für das harte Training. Aber die Chance, mich für Olympia zu qualifizieren, wäre die Krönung“, sagt Kevin Boakye. Wer zu den Sommerspielen 2020 nach Tokio will, muss sich zunächst im nationalen Wettstreit durchsetzen und dann das europäische Qualifikationsturnier im April in London überstehen. Zukunftsmusik, die derzeit noch keine eingängige Melodie hat für den in Farmsen aufgewachsenen Sportler. Aber weil er den Kampfgeist, mit dem er einst André Walther beeindruckte, nicht verloren hat, glaubt er fest daran, dass sie nicht auf ihn verzichten werden im deutschen Verband.

Mit dem Boxen hatte der Fachabiturient einst begonnen, „weil ich in der Jugend ziemlich viel Blödsinn gemacht habe. Ein Kumpel hat irgendwann gesagt, ich solle lernen, Konflikte fair und nach Regeln auszutragen, und hat mich zum Boxen mitgenommen. Seitdem mache ich keinen Blödsinn mehr“, sagt er. Lebenssinn gibt ihm aber nicht nur der Sport. Sollte der Verband ihm die Olympiachance verbauen, will er ein Sportmanagementstudium beginnen, um sich eine berufliche Zukunft zu erarbeiten.

Vor allem Einzelschläge optimieren

„Schade wäre das aber, denn in Kevin steckt großes Potenzial“, sagt Trainer Walther. Tatsächlich ist Boakye ein Bewegungstalent, seine Reflexe sind beeindruckend. Dass er den Gegner oft mit hängender Deckung provoziert, lässt der Coach ihm durchgehen. Bundestrainer Michael Timm dagegen achtet auf eine stabil geschlossene Deckung. Bei ihm am Stützpunkt in Schwerin trainiert Boakye regelmäßig, seit Walther mit den Kämpfern des TH Eilbeck im Zuge eines Konflikts im Hamburger Verband Ende 2017 zu Traktor Schwerin in den Verband Mecklenburg-Vorpommerns gewechselt war. „Für mich persönlich war dieser Schritt sehr positiv, denn das Training von André und Herrn Timm ergänzt sich perfekt, und André ist viel intensiver für mich da als früher“, sagt Boakye.

Um mit den Besten seiner Gewichtsklasse mithalten zu können, müsse der Bundesligakämpfer nun vor allem seine Einzelschläge optimieren, sagt Walther. „Nicht nur kloppen, sondern genau treffen, daran arbeiten wir jetzt besonders.“ Kevin Boakye nickt, als er das hört. „Wenn er das sagt, ist das so, er hat das richtige Auge dafür“, sagt er. Das hat André Walther schon 2014 bewiesen.