Tennis

Wie Sabine Ellerbrock Wimbledon im Rollstuhl erobert

Sabine Ellerbrock ist eine Kämpferin – das beweist sie auch beim Sport.

Sabine Ellerbrock ist eine Kämpferin – das beweist sie auch beim Sport.

Foto: imago / Hasenkopf

Nach folgenschwerer Erkrankung, mehrtägigem Koma und Unterschenkel-Amputation kämpft sie um Titel und Anerkennung. Ein Porträt.

London. Sie hofft, dass der Sekundenkleber hält. „Sonst habe ich ein Problem“, sagt Sabine Ellerbrock und lacht, womit deutlich wird, dass sie schon weit größere Probleme gelöst hat in ihrem Leben, als das mit dem Sitz ihres Sportrollstuhls. Zu weit sei der geworden, Ersatz kommt per Sonderanfertigung aus den Niederlanden. Bis zum Beginn der Rollstuhlkonkurrenz in Wimbledon an diesem Donnerstag konnte nicht geliefert werden, also musste die 43-Jährige selbst tätig werden.

Aber dass sie sich selbst helfen muss, ist Sabine Ellerbrock gewohnt, seit sie 2007 am Kompartment-Syndrom erkrankte und deshalb Tennisplätze auf zwei Rädern statt auf zwei Beinen beackert. In der Weltspitze ist sie die einzige Spielerin, die einem Hauptberuf nachgeht. Ihre halbe Stelle als Lehrerin für Biologie, Mathematik und Sport an einem Gymnasium im westfälischen Lage erfordert, dass sie die Zahl ihrer Turniereinsätze auf maximal 20 pro Jahr limitiert und auf Reisen durchgehend für ihre Schüler erreichbar ist. „Ich nehme diese Verantwortung ernst und versuche, ihr gerecht zu werden“, sagt sie.

Das führt jedoch dazu, dass sie oft kurzfristig zu Turnieren anreisen oder, wie im Januar geschehen, mehrfach von Deutschland nach Australien fliegen muss, um sich ihre Startberechtigung für die vier Grand-Slam-Turniere zu erkämpfen. „Ohne die Starts bei den Majors könnte ich meinen Sport nicht finanzieren“, sagt die zweifache Paralympics-Teilnehmerin, die pro Jahr 40.000 Euro ins Tennis investiert. Um so professionell wie möglich zu trainieren, pendelt sie mehrmals pro Woche von ihrem Wohnort Bielefeld an den Stützpunkt Hannover.

Ellerbrock wurde mehrmals am Bein operiert

Zusätzlich zu Beruf und Sport bildet sich Sabine Ellerbrock auf anderen Feldern weiter, sie ist Mentalcoach, aktuell absolviert sie eine Heilpraktiker-Ausbildung, außerdem malt sie, spielt Klarinette und Gitarre. „Mein Tag beginnt meist gegen 5 Uhr morgens und endet oft nicht vor 2 Uhr nachts“, sagt sie. Das Gefühl, sich zu übernehmen, hat sie oft. Auch deshalb sollen die Paralympics in Tokio 2020 ihr letztes großes Tennisevent werden. Danach wolle sie – mit weniger hohem Leistungsanspruch – Tischtennis oder Triathlon ausprobieren. „Ohne Sport geht es nicht“, sagt sie.

Tatsächlich waren es ihr im Sport ausgeprägter Wille und die Bereitschaft, Herausforderungen anzunehmen, die sie über die dunklen Phasen ihres Lebens trugen. Diverse Operationen am rechten Bein musste sie nach der tückischen Erkrankung über sich ergehen lassen. 2014 lag sie, mutmaßlich in Folge falscher Medikation, nach einem Atemstillstand bei einem Routineeingriff mehrere Tage im Koma, der Prozess gegen das Krankenhaus läuft noch immer.

Als die Schmerzen irgendwann nicht mehr ertragbar waren, plagten Sabine Ellerbrock Selbstmordgedanken. Weil zunächst kein Mediziner eine Amputation vornehmen wollte, drohte sie damit, sich das Bein selbst abzunehmen. Im Frühjahr 2017 erfolgte endlich der Eingriff, der die schlimmsten Schmerzen nahm. Seitdem benutzt sie den Rollstuhl nur noch für ihren Sport.

Ellerbrock steht im Wimbledon-Viertelfinale

In London trifft Sabine Ellerbrock an diesem Donnerstag im Viertelfinale – im Einzel sind nur acht Teilnehmerinnen am Start – auf die Südafrikanerin Kgothatso Montjane, mit der sie gemeinsam im Doppel antritt. „Halbfinale im Einzel, Finalteilnahme im Doppel wie im vergangenen Jahr, damit wäre ich sehr zufrieden“, sagt sie. Elf Grand-Slam-Finals hat sie gespielt, zwei davon, 2013 in Paris und 2014 in Melbourne, gewonnen.

Es war die Zeit, in der sie die Weltrangliste anführte. Und merkte, dass der Druck, die Gejagte zu sein, zu viel war für sie. Im Vordergrund stehe deshalb, Turniere zu genießen – und sich von verhältnismäßig kleinen Sorgen wie einem zu weiten Rollstuhlsitz keinesfalls den Spaß am Sport verderben zu lassen.