Wimbledon

Greenkeeper verrät die Besonderheit des heiligen Rasens

Greenkeeper Neil Stubley ist für den heiligen Rasen von Wimbledon verantwortlich.

Greenkeeper Neil Stubley ist für den heiligen Rasen von Wimbledon verantwortlich.

Foto: AELTC_Adam Warner

Sollten auf dem Centre-Court nur noch Finalspiele stattfinden, welchen Einfluss hat das Wetter und welchen Einfluss haben Wutausbrüche?

London. Man darf ohne Übertreibung sagen, dass Neil Stubley einen der besten Jobs hat, den ein Greenkeeper auf der Welt haben kann. Der 50-Jährige ist im 25. Jahr „Head of Courts and Horticulture“ im All England Lawn Tennis Club – und damit der Herrscher über 18 Match- und 20 Trainingsplätze beim Grand-Slam-Turnier in Wimbledon. Auf seine Arbeit und die seines Teams aus 14 fest angestellten und 18 für die Dauer des Turniers beschäftigten Rasenspezialisten kommt vieles an, denn die Beschaffenheit der mit der Sorte Perennial Ryegras bepflanzten Anlagen ist für die Spieler die wichtigste Zutat für ein erfolgreiches Abschneiden. Dieser Verantwortung ist sich Stubley selbstverständlich bewusst, wie im Gespräch mit dieser Zeitung deutlich wird.

Hamburger Abendblatt: Mister Stubley, in London war es in den vergangenen Tagen warm und meist auch trocken, und so soll es auch bleiben. Sind das die perfekten Bedingungen für Ihren Rasen?

Neil Stubley: Auf jeden Fall wollen wir uns über das Wetter nicht beklagen. Zu große Trockenheit ist zwar nicht perfekt, aber immerhin besser als zu starke Feuchtigkeit. Grundsätzlich sind wir aber für alle Wetterlagen, die nicht extrem sind, gewappnet.

Wie stellen Sie sicher, dass die Plätze in der bestmöglichen Verfassung sind? Was tun Sie dafür?

Stubley: Wir schneiden das Gras jeden Tag auf exakt acht Millimeter Höhe. Auch wenn es pro Tag vielleicht nur einen Millimeter wächst, wird es jeden Tag gekürzt. Wir prüfen während des Turniers insgesamt 6080-mal anhand des Chlorophyll-Index, wie gesund die Pflanzen sind. Die Feuchtigkeit des Untergrunds wird dauerhaft überwacht. 18.240-mal überprüfen wir die Härte der Plätze, 1822-mal die Absprunghöhe der Bälle. Jeden Abend werden sie zur Nacht abgedeckt, ebenso tagsüber, wenn es Niederschlag gibt. Und trotz alledem sind die Plätze unterschiedlich, denn es ist ein lebender Untergrund. Die Natur können auch wir nicht austricksen.

Auch in diesem Jahr haben sich schon eine Reihe Spieler darüber beklagt, dass die älteren Plätze auf der Anlage deutlich langsamer seien als die neuen. Woran liegt das?

Stubley: Daran, dass die neuen Plätze auf einem Betonuntergrund gebaut sind, den wir unter den alten Courts so nicht haben. Aber grundsätzlich ist unser Anspruch, dass alle unsere Plätze identische Qualität haben. Und darin schließe ich ausdrücklich die Trainingsplätze ein. Unser Leitmotiv ist Konstanz, wir wollen jedem Spieler an jedem Ort auf der Anlage gleiche Bedingungen bieten.

Wie oft beklagen sich denn Spieler bei Ihnen und Ihrem Team?

Stubley: Das kommt natürlich immer mal wieder vor. Uns ist dieses Feedback sehr wichtig, wir versuchen deshalb, mit den Spielern einen engen Draht zu pflegen. Nur wenn sie uns ehrlich sagen, wo es hapert, können wir uns verbessern und unserem Anspruch gerecht werden. Viele sagen, dass die Bälle in diesem Jahr höher abspringen. Das liegt an der größeren Trockenheit der Plätze. Aber das kann sich von Tag zu Tag ändern.

Was tun Sie in den 50 Wochen im Jahr, in denen hier nicht gespielt wird?

Stubley: Es wird ja dauerhaft gespielt, der All England Lawn Tennis Club ist ein Mitgliederverein, dessen Mitglieder in der Außensaison auch auf der Anlage spielen. Wir arbeiten das ganze Jahr daran, die Plätze in Form zu halten, um in den zwei Wochen, in denen die Welt auf uns schaut, perfekte Bedingungen bieten zu können. Im Winter wird der Rasen mit Wärmelampen beleuchtet, wir achten darauf, dass die Pflanzen ausreichend Ruhe bekommen. Unser Anspruch ist, das beste Rasensport-Event auf der Welt zu sein, und das sportartenübergreifend, also auch besser als jedes Golfturnier. Dafür muss man sehr hart arbeiten.

Ist die Arbeit nicht eintönig? Allzu viel kann man an einem Rasenplatz von Jahr zu Jahr ja nicht verändern.

Stubley: Das ist richtig, es sind meist nur ein paar Prozent, die wir verändern. Aber das ist überall so, wenn man an der Spitze ist. Dann ist jedes Prozent Verbesserung harte Arbeit. Über Eintönigkeit kann ich aber nicht klagen.

Warum ist Englischer Rasen ein Synonym für perfekten Rasen?

Stubley: Weil in Großbritannien das perfekte Wetter herrscht, um das ganze Jahr über gutes Gras wachsen zu lassen.

Ist in Ihrer Amtszeit schon einmal ein Malheur passiert, das den perfekten Rasen zerstört hat?

Stubley: Glücklicherweise nicht. Ich habe manchmal den Albtraum, dass ich am Tag des Turnierstarts aufwache, und alle Plätze sind vertrocknet. Aber wir tun alles dafür, dass das nicht zur Realität wird.

Was halten Sie von dem Ansinnen, auf dem Center-Court nur noch die Finalspiele stattfinden zu lassen?

Stubley: Gar nichts, denn das wäre dann für die Finalisten ein völlig neuer Untergrund, wenn sie die 13 Tage vorher auf den Außenplätzen gespielt haben. Das wäre schlicht nicht fair.

Leiden Sie mit Ihrem Rasen, wenn ein Spieler vor Wut mit seinem Schläger darauf einhämmert?

Stubley: Ich finde das generell nicht schön, nicht nur auf Rasen. Ich verstehe die Frustration, die hinter solchen Aktionen steckt. Aber die Spieler müssen wissen, dass das Gras an der Stelle bis zum Turnierende zerstört bleibt. Die meisten sind sich dessen bewusst, deshalb passiert es auch nur selten.

Gestatten Sie zum Abschluss noch eine private Frage. Es heißt ja, man solle, um besser entspannen zu können, keine Arbeit mit nach Hause nehmen. Wer kümmert sich also in Ihrem Garten um die Rasenpflege?

Stubley: Das ist tatsächlich Familiensache, aber meine Frau hat den Hut auf, und wenn unsere Kinder alt genug sind, werden sie es übernehmen. Ich bin darüber auch sehr froh, denn dadurch dass ich den Sommer über fast gar nicht zu Hause bin, würde unser Garten sonst wie ein Urwald aussehen.