WM in Hamburg

Analysten machen Beachvolleyball zum gläsernen Spiel

Blocker Julius Thole (oben) und Abwehrspezialist Clemens Wickler feierten einen erfolgreichen WM-Einstand. Thole (2,06 m) hatte bei seinen Angriffen eine Abschlagshöhe von 3,35 m – laut Daten von comdirect.

Blocker Julius Thole (oben) und Abwehrspezialist Clemens Wickler feierten einen erfolgreichen WM-Einstand. Thole (2,06 m) hatte bei seinen Angriffen eine Abschlagshöhe von 3,35 m – laut Daten von comdirect.

Foto: WITTERS

Raimund Wenning und Ron Gödde werten alle Matches aus. Auch die Hamburger Thole/Wickler profitieren bei der WM von ihren Analysen.

Hamburg.  Hoffnungsträger der Beachvolleyball-Nation!? Über dieses ihm und seinem Partner Clemens Wickler (24) zugedachte Attribut schüttelt Julius Thole (22) lächelnd den Kopf. Es gebe doch weit erfahrene Profis wie etwa Laura Ludwig (33). Die Weltmeisterin und Olympiasiegerin spiele schließlich seit 2005 ihr achtes WM-Turnier in Folge. Dementsprechend sei er etwas nervös gewesen vor seinem WM-Debüt in seiner Heimatstadt, räumte Thole nach seinem Sieg im ersten Gruppenspiel ein.

Das lag indes weniger an der Qualität der Gegner, vielmehr wohl an einer ungewohnten Unbekannten im Zeitalter der Datenflut: Von Patrick Kavalo (27) und Olivier Ntagengwa (26) aus Ruanda, Nummer 37 der WM-Setzliste, wussten die deutschen Meister (Nr. 12) vom Eimsbütteler TV so gut wie nichts. „Wir haben von den beiden bei YouTube nur ein Zwölf-Minuten-Video von einem Spiel gegen Marokko gefunden. Das war auch noch verwackelt, weil sich der Betreuer offensichtlich über jeden Punkt extrem gefreut hat“, berichtete Thole nach dem 21:10, 21:15-Erfolg.

Der Informationsmangel hat fortan ein Ende. Über ihre Gegner heute Nachmittag um 15 Uhr, die Iraner Bahman Salemi/Arash Vakili, Nummer 68 der Weltrangliste, gibt es spätestens nach deren 1:2-Niederlage am Sonnabend gegen die US-Amerikaner Tri Bourne/Trevor Crabb genügend anschauliches Material.

Datenarchiv umfasst 2500 Videos

Und da kommt Raimund „Ray“ Wenning ins Spiel. Der 40-Jährige aus Stuttgart ist Projektleiter Scouting/Spielanalyse des Deutschen Volleyballverbandes (DVV). Mit seinem Kollegen Ron Gödde (38) beobachtet er seit vier Jahren Beachvolleyballspiele rund um den Globus. Ihr Datenarchiv umfasst 2500 Videos und rund 850 Teamanalysen allein aus dem vergangenen Jahr. Mit Kameras und Laptops ausgestattet nehmen sie hinter der Grundlinie Platz, tippen jeden Spielzug in ihre Computer; am Rothenbaum und ausgewählten Topturnieren auch mal zu zweit, weltweit meist allein. Wenning steuert das Projekt aus Deutschland, Gödde ist im Jahr mehr als 20 Wochen unterwegs.

Spieler und Trainer gieren nach ihren Daten. „Die Taktik hat im Beachvolleyball einen ebenso hohen Stellenwert wie Technik, Athletik und Psyche“, sagt Clemens Wickler. „Wir wissen schon gern, was auf uns zukommt und wie wir darauf reagieren sollen.“ Natürlich kennen die Profis die Spielmittel ihrer Konkurrenz, doch gerade wenn es um Details geht, sind die Beobachtungen Wennings und Göddes unverzichtbar. Beim Olympiasieg des HSV-Duos Laura Ludwig/Kira Walkenhorst 2016 in Rio de Janeiro setzte deren Cheftrainer Jürgen Wagner in stundenlanger Arbeit die Analysen in eine perfekte Spielstrategie um. Im Halbfinale und Finale hatten dann die beiden brasilianischen Weltklasseteams keine Chance, weil Ludwig/Walkenhorst deren technischen und taktischen Schwächen konsequent ausnutzten.

Analyseprogramm ist unverkäuflich

Wenning hat seinen Laptop immer dabei. Bevor er ihn aufklappt, schaut er sich stets um, ob niemand in der Nähe ist, der einen Blick auf seinen Bildschirm wirft. Spielanalyse ist ein komplexes Forschungsfeld. Mit Nachwuchs-Bundestrainer Jörg Ahmann sowie der Technischen Universität München wurden über Projektmittel des Bonner Bundesinstituts für Sportwissenschaft seit 2010 zwei Analyseprogramme entwickelt und immer weiter optimiert, die nach Einschätzung des DVV-Beach-Direk­tors Niclas Hildebrand heute als die besten der Welt gelten. Die handelsübliche Software würde nicht annähernd Ähnliches leisten. Entsprechend groß sind die Begehrlichkeiten, mehr über diese Beobachtungsmethoden zu erfahren. Die zahlreichen Anfragen ausländischer Verbände, ob das System zu kaufen wäre, lehnt der DVV kategorisch ab. Wenning: „Wir geben diesen Wettbewerbsvorteil nicht her. Wir haben das System ausschließlich für den deutschen Beachvolleyball konzipiert, unabhängig davon wäre der Markt für ein solches Produkt sehr klein.“

Wenning und Gödde, die Big Brothers des Beachvolleyballs, dokumentieren über ihre Touchscreens jeden Schlag, jede Bewegung, jeden Laufweg, erkennen bei der Auswertung Schwachpunkte und Vorlieben der Gegner, aber auch der eigenen Spieler. Nichts bleibt verborgen, alles ist gläsern. Die Daten sind synchronisiert mit den Videoaufzeichnungen der Kameras am Netz und hinter der Grundlinie.

Wenning und Gödde geben Trainern Empfehlungen

Für die Analyse können Spielszenen schnell zusammengeschnitten werden, etwa alle Angriffe eines Spielers, alle Annahmen des gegnerischen Aufschlags oder das Blockspiel. In einem speziellen Tool werden zudem alle Aktionen in der Crunchtime (Entscheidungsphase) gebündelt, wenn Satz-, Matchgewinne oder –verluste anstehen. Wie spielen die Gegner unter Stress, welche Taktik, welche Schläge in welche Richtung bevorzugen sie dann? Antworten liefern die Scouts. „Natürlich können wir nicht jedes Verhalten voraussagen, aber die Wahrscheinlichkeit ist schon hoch, da entsprechende Muster sehr häufig vorkommen“, sagt Wenning.

Wenning und Gödde werten die Spiele nicht nur aus, sie geben den Trainern auch Empfehlungen, welche Daten relevant sind, wie eine erfolgreiche Taktik aussehen könnte; zum Beispiel in welche Zone des generischen Feldes ein Aufschlag serviert werden sollte, um maximale Probleme hervorzurufen. Die Bundestrainer Martin Olejnak (Männer) und Imornefe Bowes (Frauen) schätzen die Arbeit der Scouts, pflegen ständigen Austausch mit ihnen. Ihren Spielern und Spielerinnen präsentieren die Coaches in der Matchvorbereitung meist kurze Zusammenfassungen. „Sie wissen genau, wie viele Informationen ein Spieler braucht, wie viele Daten er verarbeiten und im Spiel umsetzen kann“, sagt Wenning. Die Spielbeobachtungen fließen immer häufiger auch ins Training ein, um gezielt an eignen Stärken und Schwächen zu feilen. „Nur gewinnen müssen unsere Teams jetzt noch selbst“, scherzt Beach-Direktor Hildebrand.