Hamburg

Olympia 2020: Ruder-Ass Naske und der Kampf um den Einer

Weltmeister Tim Ole Naske auf dem Steg des RG Hansa an der Außenalster..

Weltmeister Tim Ole Naske auf dem Steg des RG Hansa an der Außenalster..

Foto: Roland Magunia/Hamburger Abendblatt

Erstes Duell mit Rivale Zeidler am Sonnabend in Hamburg. Für Olympiastart in Tokio käme auch Wechsel in den Doppelzweier infrage.

Hamburg. Wohin ihn sein Weg führen soll, weiß er. Wie er aussehen wird, dieser Weg, das weiß Tim Ole Naske noch nicht. Aber jeder, der es ebenfalls wissen will, kann Hamburgs besten Einer-Ruderer begleiten. Am vorvergangenen Freitag startete auf der Internetseite www.sxulls.de das neue Projekt der Dokumentarfilm-Experten Silvia und Guido Weihermüller, die unter dem Titel „Sxulls – Row to Tokyo“ die 15 deutschen Top-Skuller auf ihrer Mission filmen, sich für die Olympischen Sommerspiele 2020 in Japan zu qualifizieren.

In 26 Episoden, die nach und nach im Internet veröffentlicht und nach Tokio zu einem 90-minütigen Kinofilm verdichtet werden, ist der harte Ausleseprozess hautnah mitzuerleben.

Hamburger hat Erfahrung vor der Kamera

Für Tim Ole Naske ist Kamerabegleitung längst alltäglich. Der 22-Jährige von der RG Hansa war bereits vor vier Jahren Teil des vielgelobten Weihermüller-Projekts „Die Norm“, in dem neun Athleten aus verschiedenen Sportarten auf ihrem Weg zu den Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro porträtiert wurden. „Damals war ich 18, da war es ungewohnt, immer in eine Kamera zu blicken. Jetzt habe ich mich daran gewöhnt“, sagt er. Seit Ende 2018 werden Naske und seine Kollegen begleitet, die Voraussetzung war, dass alle der Teilnahme zustimmten, „sonst wäre kein authentisches Bild möglich“, sagt er.

Der Deutsche Ruderverband (DRV) sieht in dem Projekt „die Chance, unseren Sport in die breite Öffentlichkeit zu tragen und den einzelnen Athleten ein Gesicht zu geben“, sagt DRV-Präsident Siegfried Kaidel. Welches Gesicht Tim Ole Naske wird zeigen können, darüber wird dieser Sonnabend ersten Aufschluss geben.

Erster Wettkampf nach Wintervorbereitung

Auf der Regattastrecke am Leistungszentrum in Hamburg-Allermöhe treten die Olympiakandidaten in zwei internen Einerrennen über 2000 Meter gegeneinander an, um nach der monatelangen Wintervorbereitung ihren Leistungsstand zu vergleichen. Über die Besetzung der Boote in der vorolympischen Saison 2019 mit der WM Ende August in Linz (Österreich) als Höhepunkt wird zwar erst nach den deutschen Kleinbootmeisterschaften in Köln (13./14. April) und der internationalen Wedau-Regatta in Duisburg (11. Mai) entschieden. „Aber die internen Rennen in Hamburg sind für uns ein wichtiger Fingerzeig“, sagt Skull-Bundestrainer Marcus Schwarzrock.

Die Vorbereitung auf den so wichtigen Fingerzeig absolvierte Tim Ole Naske zu großen Teilen am Schreibtisch, muss er doch bis zu diesem Freitag wichtige Hausarbeiten erledigt haben, um sein Jurastudium voranzutreiben. Von diesem Sonnabend an will der Jugendolympiasieger von 2014 aber seinem Sport wieder volle Priorität einräumen, schließlich steckt noch immer eine gehörige Portion Wut in ihm. Wut über die WM-Ausbootung im vergangenen Jahr, als der DRV sich im Einer für seinen Ingolstädter Rivalen Oliver Zeidler entschied, obwohl Naske deutscher Meister geworden und nur beim letzten Weltcup hinter Zeidler gelandet war.

Fast kam es zum Karriereende

Dass man ihm nicht einmal eine Alternative angeboten habe, um in einer anderen Bootsklasse bei der WM in Plovdiv (Bulgarien) zu starten, hatte ihn nachhaltig verärgert. Sogar ein Karriereende habe er damals erwogen. „Natürlich gab es eine Phase, in der ich mich gefragt habe, warum ich mir das noch antun sollte. Wir investieren alle wahnsinnig viel in den Sport. Wenn der Sport einen dann so unglücklich macht, fragt man sich, was das noch bringt“, sagt er.

Im Umkehrschluss sind es allerdings nicht nur Erfolge, die glücklich machen, sondern auch die vielen kleinen Schritte, die zum Erfolg führen, die Momente mit den Teamkollegen, die auch Naske nicht missen wollte. Und so entschloss er sich „nach einer extrem harten Phase Ende 2018, als ich mich sehr schwertat, wieder ins Training zu finden“, noch einmal alles andere zurückzustellen und mit voller Konsequenz für Tokio 2020 anzugreifen.

Beim Leistungstest "auf die Fresse bekommen"

Dabei halfen zwei Dinge. Zum einen ein völlig verpatzter erster Leistungstest Anfang Dezember in Dortmund, „da habe ich voll auf die Fresse bekommen und gemerkt, dass ich mich richtig reinhängen muss“. Zum anderen der Fakt, anders als im Winter 2018, als ihn Verletzungen und Krankheiten mehrmals aus der Bahn warfen, gesund durch die Trainingslager – zwei in Portugal, eins in Italien – gekommen zu sein. „Ich fühle mich körperlich und mental fit“, sagt er.

Das dürfte auch notwendig sein, um Zeidler im Kampf um den Platz im deutschen Einer in die Schranken zu weisen. Der Umsteiger, der sich 2016 noch im Schwimmen für Rio zu qualifizieren versuchte, ist physisch auf einem deutlich höheren Niveau als der technisch stärkere Naske, der seine Wettkampfhärte jedoch schon oft nachgewiesen hat.

„Oliver ist ein toller Athlet, der körperliche Vorteile hat. Aber Tole muss man immer auf der Rechnung haben, ihn darf man nie unterschätzen. Ich freue mich auf das Duell“, sagt Bundestrainer Schwarzrock, der zudem Stephan Krüger (30/Rostock) nicht unterschlagen möchte, der sich ebenfalls um den Einer bewirbt. „Es ist schön, dass wir einen so hochklassigen Dreikampf haben“, sagt er.

Naske schätzt Zeidler als „unfassbaren Athleten“

Tim Ole Naske kann dem Coach nur beipflichten. „Die Konkurrenz macht uns alle stärker, wir brauchen sie auch, wenn wir international um Medaillen mitfahren wollen“, sagt er, „mich hat das Duell mit Zeidler im vergangenen Jahr gepusht.“ Da Zeidler nicht am Stützpunkt in Ratzeburg, sondern in Bayern trainiert, gehen sich die Rivalen im Alltag aus dem Weg. „Aber das passiert nicht bewusst, wir haben kein Problem mit­einander. Ich schätze ihn als unfassbaren Athleten“, sagt Naske.

Chancenlos sieht Schwarzrock den Hamburger trotz dessen physischer Nachteile keinesfalls. „Tole arbeitet hart an seinem physischen Potenzial. Beide sind erst 22 Jahre alt und deshalb noch nicht am Ende ihrer Entwicklung“, sagt er.

„Der Zweier wäre eine sehr gute Alternative“

Sollte es nicht für den Einer reichen, könnte sich Naske aber auch für einen Platz im Doppelzweier erwärmen. Zählte in den vergangenen Jahren nur der Einer, habe er sich nun für Alternativen geöffnet. „Ich habe mich als Konsequenz aus dem vergangenen Jahr weiterentwickelt. Der Einer hat Priorität, aber der Zweier wäre eine sehr gute Alternative, die mir auch eine Sicherheit bietet“, sagt er. Die Leistungen an der Seite seines Zweierpartners Stephan Krüger seien immerhin Grund genug für die Annahme, es in jedem Fall nach Tokio schaffen zu können.

Wohin ihn sein Weg führen wird, weiß Tim Ole Naske nicht, wohin er führen soll, sehr wohl. Er will nicht zu der Hälfte des Skuller-Teams gehören, das am Ende der Dokumentation das Ticket nach Japan verpasst haben wird.