Moskau

Campo Watutinki: So trist ist das deutsche WM-Quartier

Der Watutinki Recreation Complex ist 50 Kilometer vom Moskauer Zentrum entfernt und bietet diverse Freizeitangebote (Tennis, Beachvolleyball, Billard, Darts). Für den DFB-Tross sind 72 Zimmer reserviert

Der Watutinki Recreation Complex ist 50 Kilometer vom Moskauer Zentrum entfernt und bietet diverse Freizeitangebote (Tennis, Beachvolleyball, Billard, Darts). Für den DFB-Tross sind 72 Zimmer reserviert

Foto: Imago/Russian Look

Der abgeriegelte Hotelkomplex ist keine Liebes-, sondern eher eine Vernunftentscheidung. Ein Ortsbesuch im deutschen Quartier.

Moskau.  Die beiden Polizisten hinter dem verschlossenen Eingangstor scheinen keine Freunde des gesunden Kompromisses zu sein. „Stop!“, brummt der eine, als sich eine interessierte Dreiergruppe dem schwarzen Tor nähert. „Kein Durchgang! Keine Fotos! Keine Fragen!“, ergänzt der andere freundlich, aber bestimmt. Hier also ist es: das Watutinki Hotel Spa Complex, die neue Wahlheimat der deutschen Nationalmannschaft. Heute um 17.10 Uhr Ortszeit kommt der DFB-Tross mit der Sondermaschine LH2018 am nahe gelegenen Flughafen Wnukowo an und wird – im Bestfall – erst am 16. Juli durch das schmiedeeiserne Tor wieder abreisen. Am Tag nach dem Finale im gerade einmal 35 Kilometer entfernten Luschniki-Stadion.

Bevor die Spieler um Trainer Joachim Löw aber heute ihre Zimmer in dem für die WM neu gebauten Hotelkomplex im 12.000-Einwohner-Ort Watutinki beziehen werden, sah sich Oliver Bierhoff noch zu einer Klarstellung veranlasst: „Wir fliegen nicht zum Urlaubmachen nach Russland“, versicherte der Nationalmannschaftsmanager, „sondern um das Turnier zu gewinnen.“

DFB-Quartier liegt versteckt in einem Wald

Nun denn. Tatianas Segen hat die deutsche Nationalmannschaft jedenfalls. Die 45-Jährige steht auf dem Balkon im 17. Stock ihres Wohnhauses und schaut auf den dichten Tannen-, Birken- und Kastanienwald, in dem sich irgendwo im Nirgendwo unter ihr das DFB-Hotel versteckt. „Toll, dass die Deutschen in unser Watutinki kommen“, sagt die Kinderkrankenschwester. Von Fußball habe sie zwar keine Ahnung, ihr Sohn und ihr Mann Sergej umso mehr. „Sergej hat gesagt, dass die Deutschen gut sind“, sagt Tatiana, die aber einen anderen Turnierfavoriten hat: „Natürlich Russland.“

Wichtiger als das Turniergeschehen ist für die stolze Russin aber etwas ganz anderes: „Kurz nachdem die Entscheidung gefallen ist, dass die Deutschen hierherkommen, wurde hier in der Nachbarschaft alles schick gemacht“, sagt Tatiana. Neue Bürgersteige, neue Straßenbeleuchtung, neue Spielplätze. Es gibt sogar einen eigenen Stadtteil, den sie Neu-Watutinki nennen. Hier stehen neben der sechsspurigen Schnellstraße in Richtung des 50 Autominuten entfernten Moskauer Zen­trums 17-stöckige Hochhäuser wie überdimensionale Bauklötze.

Von all dem werden Manuel Neuer & Co. aber aller Voraussicht nach wenig bis nichts mitbekommen. Ihre Nobelherberge mit 72 Zimmern, Schwimmbad, gerade erst aufgepeppten Tennis- und Beachvolleyball-Plätzen dürfte das bestbewachte Turnierquartier aller Zeiten werden. Mehrere Sicherheitsringe schützen das exquisite Hotel, das allerdings wenig vom Charme des schon jetzt legendären Campo Bahia von vor vier Jahren hat. Mitten im Wald kann man trotz der patrouillierenden Polizei vielleicht mal einen Blick über den drei Meter hohen Sichtschutz riskieren, um dann aber auf der anderen Seite ebenfalls nichts als Bäume zu sehen.

„Russland ist nicht Brasilien. Aber schön ist es hier trotzdem“, sagt einer, der noch bis zum Donnerstag auf der anderen Seite des Zauns wohnt. Rainer Ernst, der DFB-Rasenchef, ist am Sonnabend angereist, um sich rechtzeitig vor der Ankunft der Helden in kurzen Hosen von der Unversehrtheit des fünf Autominuten entfernten Trainingsplatzes zu überzeugen. Sein Fazit: „Super! Top! Beste Bedingungen!“

Viel Zaun und viel Polizei

Der Landschaftsarchitekt, der in DFB-Kreisen auch als Rasenflüsterer bezeichnet wird, hat bereits unter schwersten Bedingungen den weltmeisterlichen Trainingsplatz 2014 mitten in ein Sumpfgebiet in Bahia bauen lassen. Und auch dieses Mal hat Ernst dem Gras wieder gut zugeflüstert: „Der Rasen hat sich wirklich super entwickelt.“

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Anders als vor vier Jahren, als man auf ein Bermudagras der vielsagenden Mischung Celebration („warm season gras“) setzte, haben sich Ernst und sein Team diesmal für eine konservative Mischung aus Weidelgras und Wiesenrispe („cold season gras“) entschieden. 25 Millimeter lang ist das Grün. „Die Jungs werden begeistert sein“, schwärmt Ernst. Lediglich der Nebenplatz im hoch umzäunten ZSKA-Moskau-Areal habe ihm Sorgen bereitet. Insgesamt viermal ist der Familienvater angereist und kann nun Entwarnung geben. „Auf dem Platz für die Torhüter gab es handtellergroße Lücken. Aber auch die haben wir in den Griff bekommen. Der Platz ist nun geschlossen grün.“

Grün also. Aber vor allem geschlossen. Ein blauer Sichtschutz verhindert allzu neugierige Blicke. Ansonsten auch hier: viel Zaun, viel Polizei und drum herum – viel nichts. Lediglich ein kleiner Container, in dem Snacks, Wein, Wasser und vor allem Kwas, eine Art alkoholfreies Brotbier, angeboten werden, erinnert daran, dass es in dieser Gegend auch Menschen gibt. Ein 0,2-Becher des Frischgezapften kostet 25 Rubel (34 Cent), ein Fünfliterfass gibt es im Angebot für 510 Rubel (7 Euro).

„Ich habe gehört, dass viele Journalisten aus Deutschland kommen werden“, sagt Nyrjan aufgeregt. „Die Deutschen mögen doch Bier. Ihnen wird unser Kwas gut schmecken.“ Seit zehn Jahren betreibt die Frau mit dem blauen Kopftuch den Kiosk-Container. Und so ein Tohuwabohu wie zuletzt hat sie in dieser verlassenen Gegend noch nie erlebt. Letztens, erzählt die 37 Jahre alte Frau aus der Teilrepublik Dagestan, seien sogar ein paar Inspektoren aus der Stadt gekommen, hätten in ihrem Kiosk alles kontrolliert und angemahnt, dass sie für die deutschen Gäste kühleres Wasser im Angebot haben müsse.

Nyrjans Kühlschrank läuft seitdem auf Hochtouren – genauso wie die letzten Vorbereitungen im Mannschafts­hotel. Dass das Quartier, das in unmittelbarer Nachbarschaft zum russischen Militärgeheimdienst liegt, eher eine Vernunft- als eine Liebesentscheidung der DFB-Verantwortlichen war, stört hier niemanden. Genauso wenig wie die Gerüchte, dass Löw viel lieber in den entspannten Badeort Sotschi am Schwarzen Meer abgestiegen wäre.

Urlaub in Sotschi

„In Sotschi kann man vielleicht besser Urlaub machen. Hier kann man besser arbeiten“, sagt Alexander, der ganz genau weiß, worauf es ankommt. Der schlaksige Teenager steht zusammen mit drei Kumpels auf einem Mini-Fußballplatz nur wenige Freistöße vom umzäunten Campo Watutinki entfernt und drischt einen Ball ins Tor.

Auf einen Turnierfavoriten will sich der 16-Jährige noch nicht festlegen: „Frankreich, Brasilien und natürlich Deutschland“, sagt Alexander, der im nahe gelegenen Troitsk Dina Fußballclub im defensiven Mittelfeld spielt. Seine Lieblingsspieler bei den Deutschen überraschen dagegen: Leroy Sané. Und Liverpools Unglücksrabe Loris Karius. Die nicht nominierten England­legionäre wird Alexander in Watutinki nicht treffen. Doch auch den Rest wird der Nachwuchskicker kaum sehen. Dafür werden die „Kein ...“-Sicherheitskräfte am Watutinki-Eingang schon sorgen.