Oliver Wurm im Interview

HSV und WM – da steckt der Wurm drin

Oliver Wurm, Herausgeber eines neuen Magazins zur WM, macht auch am Ball eine gute Figur

Oliver Wurm, Herausgeber eines neuen Magazins zur WM, macht auch am Ball eine gute Figur

Foto: Roland Magunia / HA

Ein Hamburger landet mit Magazinen über die Nationalmannschaft einen Volltreffer. Interview über das größte Spiel der Welt.

Hamburg. Es gibt in diesen Tagen jede Menge Sonderhefte zur Fußball-Weltmeisterschaft in Russland zu kaufen. Die meisten stammen von großen Sportzeitungen beziehungsweise Sportschriften – und eines von einem Hamburger, der mehr oder weniger allein im Wettbewerb um das beste WM-Magazin antritt. Oliver Wurm landete vor der WM 2014 mit seinem Heft „54 74 90“ den ersten Volltreffer. Es folgten nach dem Titelgewinn der deutschen Mannschaft in Brasilien „54 74 90 14“ und insgesamt fünf Magazine, die sich mit dem Nationalteam beschäftigen. Nummer sechs, „Mission Titelverteidigung“, ist jetzt erschienen – übrigens, man muss auch mal Glück haben, mit einem Text über das Thema Heimat von einem gewissen Mesut Özil …

Das Hamburger Abendblatt hat Oliver Wurm allerdings nicht nur wegen der Fußball-Weltmeisterschaft getroffen. Der Kleinunternehmer hat sich in den vergangenen Wochen in den sozialen Netzwerken auch zu einem der größten Trostspender für viele HSV-Fans entwickelt. Bis zuletzt versuchte er, ihnen mit witzigen Posts und Statistiken Mut zu machen, gab auch in schwierigsten Situationen der Mehrheit der HSV-Anhänger eine Stimme.

Etwa als die vorerst letzte Bundesliga-Partie gegen Borussia Mönchengladbach wegen rund 150 Hooligans unterbrochen werden musste. Wurm schrieb dazu: „Ich sag es ungern: Aber jetzt hätte ich gerne, dass 55.000 auf die 150 draußen warten.“ Vor der Partie hatte er gepostet: „Der HSV sollte heute nur auf sich und seine Fans schauen – und nicht, ob in der Autostadt ein Bock umgestoßen wird. Heute ist das erste Spiel der neuen Saison. Und sie haben es selbst in der Hand, wie die Stimmung nach 17.20 Uhr ist. Und zwar unabhängig von allem, was auf anderen Plätzen passiert.“

Lars Haider sprach im Interview mit Oliver Wurm über die verrückte Welt des Fußballs, HSV-Witze und das 2:0 gegen den VfR Rüblinghausen.

Tag drei nach dem Abstieg des HSV. Wie geht es Ihnen?

Oliver Wurm: Solange die Sonne scheint, ist Hamburg immer erstklassig.

Leider scheint sie so selten. Sie haben vielen HSV-Fans in den sozialen Medien bis zum Schluss Mut gemacht mit Posts wie diesem: „Aus HSV-Fankreisen wurde ich gefragt, ob es nicht ein paar Fakten gebe, die ,zusätzlich dran glauben lassen‘. Nichts leichter als das: 1. Der HSV hat am 34. Spieltag die letzten drei Spielzeiten jeweils gewonnen. 2. Bruno Labbadia konnte die letzten vier Duelle gegen den 1. FC Köln nicht gewinnen. 3. Im Mai ist der Hamburger SV noch nie abgestiegen.“ Und dann das …

Wurm: Nach dem 27. Spieltag, der 1:2-Heimniederlage gegen Hertha BSC, habe ich in den sozialen Medien und in den Zeitungen nur Grabreden auf den HSV gelesen. Der Abstand zum Relegationsplatz betrug sieben Punkte, hinzu kam das schlechte Torverhältnis. Aber es waren ja noch 21 Punkte zu vergeben. Ich habe dann bei kicker.de den Tabellenrechner angeworfen und alle Spiele durchgetippt. Am Ende meiner Rechnung stand der HSV auf Platz 17, aber mit nur einem Punkt Rückstand. Diese Hochrechnung habe ich damals auch einigen im Verein gemailt. Die Botschaft war klar: Wenn es normal läuft, steigt ihr ab. Aber es wird eben noch mal sehr, sehr eng, da die anderen auch nicht mehr viele Punkte holen und das Restprogramm eher für den HSV spricht. Ich weiß, dass dann im Verein auch einige die Tabellenrechner heißgetippt haben. Und dass man daraus wieder Hoffnung geschöpft hat. Man muss, gerade im Sport, immer das große Ganze im Blick haben. Und aufgeben gilt sowieso nicht. Erst wenn nichts mehr geht. Rechnerisch.

Jetzt geht nichts mehr. Und viele machen sich lustig über den HSV. So Sprüche wie „Was ist das Sonntagsprogramm der HSV-Uhr? Auslaufen!“ sind da noch harmlos. Gibt es HSV-Witze, über die Sie lachen können? Und fällt Ihnen irgendeiner über Werder Bremen oder St. Pauli ein?

Wurm: Der Cartoonist Oli Hilbring hat in der Nacht nach dem Gladbach-Spiel noch eine Zeichnung auf Facebook gepostet. Das Bild zeigt den Dino, als einzigen Gast in einer Kiezkneipe. Man schaut von draußen durchs Fenster in die Szenerie. Der Barmann spült schon die Gläser, der Dino hat ein leeres Glas in den Pranken. Über dem Hafen geht die Sonne langsam auf. Die Bar heißt „Zur ersten Liga“, und der Wirt sagt zum Dino: „Hast du mal auf die Uhr geguckt?“ Und Hermann antwortet, die Nase rot vom Vollrausch: „Ja, ja. Ich hau jetzt ab.“ Da ist alles drin. Viel Humor, aber eben auch sehr viel Herz. Ich habe nicht laut gelacht, aber wehmütig geschmunzelt. Witze über den FC St. Pauli oder den SV Werder Bremen würde ich nie machen. Man macht keine Scherze über Minderheiten.

Aber es ist schon verrückt, wie sich diese „Minderheiten“ (ich zitiere nur dich) sich am Leid der HSVer weiden können. Originalzitat eines Kollegen in der Minute nach dem Abpfiff in Hamburg: „Das ist der schönste Tag in meinem Leben.“ Bin ich dann doch nicht Fan genug, um zu verstehen, was der Fußball für andere bedeutet?

Wurm: Man darf solche spontan getroffenen Aussagen nicht auf die Goldwaage legen. Wenn Sie den Kollegen morgen bitten, er soll mal die zehn schönsten Ereignisse seines Lebens auf einen Zettel notieren, wird da sicher nicht der HSV-Abstieg draufstehen. Ansonsten liegt es eher an seinem Leben … Das wäre dann doch ein recht trauriges. Aber grundsätzlich konnte der Fußball der Bedeutung, die er bei einigen einnimmt, noch nie gerecht werden. Diese Überhöhung gehört aber zur Folklore des Spiels dazu. Und, da sind wir uns sicher einig: Es ist das größte Spiel der Welt. Aber eben auch nur ein Spiel.

Ich dachte auch immer, dass sei Folklore, dieses Geflachse und Sich-lustig-Machen genauso wie die übertriebene Ernsthaftigkeit, wenn ein Team verliert. Inzwischen bin ich mir da gar nicht mehr so sicher. Erklären Sie mir, was der Fußball mit so vielen Menschen macht und warum … Wenn die Antwort gut ist, können wir auch noch über Ihr neues Magazin zur WM sprechen.

Wurm: Ich kriege eine Gänsehaut, wenn Horst Eckel, der Weltmeister von 1954, von Fritz Walter erzählt. Diego Maradona kann koksen und fett werden – ich sehe in ihm immer nur den Spieler, der im WM-Viertelfinale 1986 die halbe englische Nationalmannschaft austanzte. Als ich Lothar Matthäus mal in Budapest über die WM 1990 interviewte, kam es mir vor, als erzählte er mir meine eigene Jugend. Ich habe aus dem Gespräch ein komplettes Heft gemacht. Aber ich setze noch einen drauf. Ich war einmal für eine Woche in der Abtei Münsterschwarzach, um die Kontemplation zu erlernen, eine spezielle Form der Me­ditation. Bei der zweiten Sitzung ging es auf rasante Fahrt in die Vergangenheit, alles verlief wie im Flow. Am Ende berichtete­ jeder reihum, in welcher Gefühlswelt­ er gelandet sei. Einige hatten­ einen Konflikt mit den Eltern ein zweites Mal durchlebt. Andere berich-teten von einer Art Wärmeerlebnis, als seien­ sie noch einmal zurück in den Schoß der Mutter geflogen. Kein Scherz: Ich schoss noch einmal das 2:0 gegen den VfR ­Rüblinghausen, von halb links, rund 22 Meter Torentfernung. In einem Spiel mit meinem Heimatverein SV Ottfingen. Wie der Ball den Fuß verließ, wie er sich weit um den Torwart herum drehte und hinter ihm einschlug. Innenpfosten. Kling! Drin. Wollen wir jetzt über mein neues Magazin sprechen?

Was bleibt mir übrig …? „Mission Titelverteidigung“ heißt es, und da fangen die Fragen doch schon an. Alle Experten außer Ihnen sagen: Titelverteidigung? Fast unmöglich! Bei den letzten Weltmeisterschaften sind die Titelverteidiger oft schon in der Vorrunde rausgeflogen.

Wurm: Im Wortsinn bedeutet „Mission“ ja, in einem Auftrag unterwegs zu sein. Und als amtierender Weltmeister und Gewinner des Confed-Cups kann man der Mannschaft diesen Auftrag durchaus mit auf den Weg geben. Ich habe in den letzten Wochen auch keinen Spieler gesprochen, der mir gesagt hat, er wolle in Russland das Spiel um Platz drei möglichst knapp verlieren – oder einen anderen Blödsinn. Die fahren dahin, um Weltmeister zu werden. Dass man dafür ein gewisses Spielglück braucht, haben wir ja 2014 gesehen. Das war ja alles andere als ein Durchmarsch zum Titel. Ich wette nicht auf einen Titelgewinn, aber wenn Sie mich zwingen würden, auf ein Team zu setzen, dann würde ich auf die deutsche Mannschaft gehen.

Wissen Sie, was das eigentlich Verrückte ist? Dass schon wieder WM ist. Mir kommt es so vor, als sei es erst ein paar Wochen her, dass Schürrle flankt und Mario Götze … Und jetzt nimmt Jogi Löw ihn nicht einmal mehr mit nach Russland. Hart, aber fair?

Wurm: Vielleicht liegt es daran, dass Schürrle in den vier Jahren dazwischen so selten geflankt und Mario Götze so selten getroffen hat …

Fies ist es trotzdem. Sie sind ja jetzt schon Weltmeister im Auf-den-Punkt-Bringen komplexer Sachverhalte mit Fußball-Bezug. Deshalb kommen jetzt Sätze, die mit wenigen Worten vervollständigt werden sollen, im Idealfall mit nur einem Begriff. Meinen Sie, Sie kriegen das hin?

Wurm: Machbar.

Aber nicht lange nachdenken. Das Treffen von Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatspräsidenten Erdogan war der …

Wurm: … Süper-GAU.

Das schönste Fußballspiel, das ich jemals live erlebt habe, endete mit …

Wurm: ... 2:1 für die Bayern. Leider. Champions-League-Finale 2013.

Die Weltmeisterschaft nach Russland zu vergeben war …

Wurm: … nicht ganz so daneben wie die Entscheidung für Katar 2022.

Wenn Deutschland in der Vorrunde ausscheidet, werde ich …

Wurm: … die Spiele ab dem Achtelfinale nicht in Russland, sondern auf dem Schulterblatt schauen. Auch schön.

Denke ich an Holland und Italien vor und während der Weltmeisterschaft, dann ...

Wurm: … denke ich bei Holland an nichts – und bei Italien an Gigi Buffon. Ein Drama, dass er im Juni und Juli irgendwo am Strand liegt.

Wenn ich ein Nationalspieler wäre, dann wäre ich ...

Wurm: … ein Zehner, der sehr wenig mit nach hinten arbeitet.

Dürfte ich Jogi Löw nur eine Frage stellen, dann wäre es diese:

Wurm: Mögen Sie die Verniedlichung Jogi eigentlich?

Titelverteidigung der deutschen Mannschaft oder direkter Wiederaufstieg des HSV: Wenn ich die Wahl hätte …

Wurm: Joker.

Der HSV braucht in der neuen Saison vor allem …

Wurm: Geduld und eine Einheit aus Verein und Fans.

Mein nächstes Magazin heißt …

Wurm: „54 74 90 14 18“ – das Heft zum Titel. Hoffentlich ...

Danke.

Wurm: Bitte.

Matz ab mit Lotto King Karl nach dem Abstieg des HSV
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