Länderspiel

Spielfreudige Spanier reizen Löws Rekordjäger

Teamkollegen unter sich: Thomas Müller (r.) und Thiago lieferten eine starke Partie in Düsseldorf ab

Teamkollegen unter sich: Thomas Müller (r.) und Thiago lieferten eine starke Partie in Düsseldorf ab

Foto: Federico Gambarini / dpa

Das sehr unterhaltsame 1:1 zwischen Deutschland und Spanien weckte nicht nur bei den Fans Lust auf die Fußball-WM.

Düsseldorf.  Am Ende des Spiels war der Glanz der gleiche, aber das Ansehen beschädigt. Die goldenen Folienreste hingen etwas lieblos über den Geländern im Düsseldorfer Stadion. Sie hatten zu Beginn des Abends ein hübsches Bild abgegeben, fügten sich zusammen zu einem tribünenfüllenden Stern, neben dem eine große 18 zu sehen war. Der Stern ist das Sinnbild für den WM-Titel, um den es in diesem Sommer bei der WM in Russland gehen wird. Und die beiden Mannschaften, die sich in diesem güldenen Rahmen begegneten und das Turnierjahr eröffneten, zählen zum Kreise der Favoriten.

Das Duell der letzten beiden jüngsten Weltmeister lieferte neben dem 1:1 (1:1)-Endstand die Erkenntnis, dass die Kontrahenten den Rang des Titelanwärters zu Recht mit sich herumtragen. Die deutsche Mannschaft blieb mit dem Ergebnis im 22. Spiel in Serie ungeschlagen und kann gegen Brasilien am Dienstag (20.45 Uhr/ZDF) in Berlin den verbandseigenen Rekord einstellen.

„Wir hatten ein, zwei Schwachpunkte. Für den Fan war es schön anzuschauen. Wir hatten anfangs richtig Probleme und haben uns dann gefunden. Das ist auch eine Qualität dieser Mannschaft“, sagte Mats Hummels. Torschütze Thomas Müller konstertierte: „Die Spielfreude kann man den Spaniern niemals nehmen, aber man kann ihnen das Spiel schwer machen. Es war ein guter Test, aber wir haben noch Luft nach oben.“ Ähnlich fiel auch das Fazit von Joachim Löw aus. "Beide Mannschaften haben aber Luft nach oben, man will ja auch nicht immer alles zeigen."

Löw bot potenzielle WM-Elf auf

Der Bundestrainer hatte eine Mannschaft aufs Feld geschickt, die exakt so auch im ersten Turnierspiel vorstellbar wäre. Im Sturm durfte sich Timo Werner herumtreiben, ihn umkreisten Thomas Müller, Mesut Özil und Julian Draxler.

Doch zunächst stand die Innenverteidigung im Blickpunkt, die sonst in der Besetzung Jérôme Boateng und Mats Hummels für höchste Qualität bürgt, sich aber nach sechs Minuten als sehr nachlässig erwies. Boateng trottete einem herrenlosen Ball hinterher, was die Szene gefährlicher machte, als sie war. Und Sekunden später hebelte Andrés Iniesta mit einem geschmeidigen Pass die deutsche Deckung aus und Rodrigo Moreno traf frei vor Marc-André ter Stegen. Eine Sehenswürdigkeit.

Einzelkritik: Özil blühte erst auf, als Deutschland spanisch spielte

Trotz des Mantras des Bundestrainers, dass sich niemand mehr Nachlässigkeiten erlauben dürfe, ohne dass dies Konsequenzen hätte, wirkte seine Mannschaft zu Beginn der Partie merkwürdig unentschlossen, besserte dann aber nach – und kam auch zu Chancen. Erst stürzte Werner an einer Flanke von Joshua Kimmich knapp vorbei (9.), dann verfehlte ein beherzter Volleyschuss von Jonas Hector das Tor knapp (10.).

Müller schießt Traumtor

Die Deutschen strengten sich an, die Spanier aber tanzten. Sie zelebrierten ihren Ballbesitz mit bezaubernden Stafetten, mit lustvollen Kombinationen auf engstem Raum. Nachteil: Bis zur Pause entsprang daraus keine signifikante Torgefahr mehr.

Aber auch die Deutschen können Ästhetik. Sie steigerten den Spielfluss, brauchten aber den besonderen Moment des Thomas Müller für den Ausgleich. Der Bayer, sonst Spezialist für Hüft-, Knie- und Sondertechniktore aus kurzer Distanz, schoss den Ball aus etwas mehr als 20 Metern ins Tor (35.). Eine Sehenswürdigkeit. Sein 38. Treffer (Teammanager Oliver Bierhoff überholt) im 90. Länderspiel (Rudi Völler überholt).

Obwohl die Spanier in der Halbzeitpause auswechselten und ohne Iniesta fortfuhren, blieb es phasenweise eine Partie wie aus dem Genussmittelsortiment, in dem Löws Mannschaft zunächst dominanter wirkte. Draxlers Schuss wehrte David de Gea zur Ecke ab (47.), Özil bekam nicht ausreichend Wucht hinter seinen Versuch (50.), ehe in der 56. Minute zunächst ein prächtiger Angriff der Spanier zu einer Chance von Isco entwickelte (ter Stegen parierte wieder stark).

La Ola für ein Testspiel

Im Gegenzug scheiterte der eingewechselte Ilkay Gündogan mit seinem Flachschuss an de Gea, der den Ball in voller Streckung um den Pfosten drehte. Tempo, Präzision, Torgefahr auf beiden Seiten. Das Spiel – eine Sehenswürdigkeit. Dafür gab es La Ola auf den Rängen.

Nur Tore wollten sich keine mehr ereignen. Werner traf ebenso nur das Außennetz (64.) wie auf der Gegenseite David Silva (68.). Dazwischen fertigten der dieses Mal weniger prägnante Toni Kroos und Hummels eine sehenswerte Freistoßvariante an, an deren Ende der Kopfball des Verteidigers auf der Latte des spanischen Tores landete (65.).

Genau schauen, sagte Löw, wolle er in den beiden ersten Tests des Jahres, wer sich in guter Form präsentiert. Schließlich bilden sie den Auftakt ins WM-Jahr, in die heiße Phase, in die letzten Wochen vor dem Turnier. Die Ernstfall-Mannschaft aus dem Spanien-Spiel dürfte Löw nicht entmutigt haben. Gegen Brasilien, das kündigte der Bundestrainer an, wird er eine andere Startelf wählen und mehr experimentieren.

Die Statistik

Deutschland: ter Stegen/FC Barcelona (25 Jahre/19 Länderspiele) – Kimmich/Bayern München (23/26), Boateng/Bayern München (29/69), Hummels/Bayern München (29/63), Hector/1. FC Köln (27/36) – Khedira/Juventus Turin (30/73) ab 53. Gündogan/Manchester City (27/23), Kroos/Real Madrid (28/81) – Müller/Bayern München (28/90) ab 81. Goretzka/Schalke 04 (23/13), Özil/FC Arsenal (29/89), Draxler/Paris St. Germain (24/41) ab 68. Minute Sane/Manchester City (21/10) – Werner/RB Leipzig (22/11) ab 84. Gomez/VfB Stuttgart (32/72). – Trainer: Löw

Spanien: de Gea/Manchester United (27 Jahre/26 Länderspiele) – Carvajal/Real Madrid (26/14), Pique/FC Barcelona (31/95) ab 51. Nacho Fernandez/Real Madrid (28/15), Ramos/Real Madrid (31/150), Jordi Alba/FC Barcelona (29/59) – Koke/Atletico Madrid (26/37), Thiago/Bayern München (26/26) ab 82. Rodri/FC Villarreal (21/1) – Silva/Manchester City (32/119) ab 71. Minute Vazquez/Real Madrid (26/4), Iniesta/FC Barcelona (33/124) ab 46. Saul Niguez/Atletico Madrid (23/8), Isco/Real Madrid (25/26) ab 59. Minute Asensio/Real Madrid (22/9) –Moreno/FC Valencia (27/4) ab 66. Diego Costa/Atletico Madrid (29/17). – Trainer: Lopetegui

Schiedsrichter: William Collum (Schottland)

Tore: 0:1 Moreno (6.), 1:1 Müller (35.)