Winterspiele

Koreas Trennung als Touristenattraktion bei Olympia

Touristen fotografieren in dem Grenzort Panmunjom. Zwischen den
blauen Baracken verläuft die Grenze zu Nordkorea

Touristen fotografieren in dem Grenzort Panmunjom. Zwischen den blauen Baracken verläuft die Grenze zu Nordkorea

Foto: Sascha Fromm / TA

An der Grenze zum Norden in Panmunjom ist vom olympischen Geist wenig zu spüren. Dennoch hoffen die Menschen auf Veränderungen.

Panmunjom.  In dieser riesigen Vorhalle wirkt der kleine Mann verloren. Hier sollte das Leben pulsieren, Menschen sollten hektisch hin und her laufen zwischen Zügen und Arbeitsplatz. Doch der noch neue Bahnhof von Dorasan ist verwaist, Züge fahren einmal am Tag und werden nur spärlich frequentiert. Lediglich Touristenbusse füllen mit ihrer Ladung ab und zu diese unheimliche Leere.

Wo sich so viel ungenutzter Raum ausbreitet, haben große Träume jede Menge Platz. Der Traum von Jay Song, dem kleinen Mann in der Bahnhofsvorhalle, bringt die Olympischen Spiele von der Ostseite der Küste Südkoreas an diesen Ort im Nordwesten des Landes. „Ich hoffe, dass Olympia ein Wendepunkt wird“, sagt er, „ich glaube daran.“ Song, der Touristen in diese Gegend an der Grenze zu Nordkorea führt, wünscht sich, dass die Spiele die Wiedervereinigung beider Länder ein Stück realistischer werden lässt.

Wirtschaftlich starker Süden

Wieder gemeinsam als eine Nation zu leben, dieses Ziel verfolgen sowohl der westlich orientierte Süden als auch der kommunistische Norden. An der Grenze rund um den Ort Panmunjom auf der südlichen Seite bleiben daran keine Zweifel. Vieles wird danach benannt. Es gibt eine Vereinigungsstraße, eine Vereinigungsbrücke, ein Vereinigungsdorf. Der wirtschaftliche starke Süden betreibt in der nahe gelegenen Hauptstadt Seoul sogar ein Vereinigungs-Ministerium. In Panmunjom wird aber genauso deutlich, wie weit beide Länder von der Wiedervereinigung entfernt sind.

Besucher dürfen kurz den Fuß auf nordkoreanisches Territorium setzen. Innerhalb einer kleinen Baracke, die als Verhandlungsort genutzt wird und sich direkt auf der Demarkationslinie befindet. So nennen beide Seiten die Grenze. Ein Tisch steht quer in der Mitte des Raumes, in dem man sich frei bewegen darf, genau durch dessen Mitte verläuft die Trennlinie, jede Seite kann bei Verhandlungen also im eigenen Land sitzen. Vor den Türen der südlichen Seite stehen Wachsoldaten, die Nordkoreaner lassen sich an diesem Tag nicht sehen.

Norden grub einen Tunnel in Richtung Süden

Womöglich können die Olympischen Spiele beide Nationen aus dem Winter in den Frühling führen. Die Athleten aus dem Süden und dem Norden werden am Freitag gemeinsam unter einer Vereinigungsflagge bei der Eröffnungsfeier einlaufen. Dass Kim Jong Un in seiner Neujahrsansprache sehr überraschend die Teilnahme seines Landes an den Spielen nach langem Zögern zusagte und 22 Sportler entsendet, dazu ein großes Orchester sowie Cheerleader und eine hohe Delegation, der auch seine Schwester angehört, werten politische Experten aber auch als reines Kalkül. Um Zeit zu gewinnen für sein Atomprogramm, mit dem er die Welt seit einigen Jahren in Atem hält. Mit dem er vielen Athleten Angst einflößte vor diesen Spielen in Südkorea durch etliche militärische Provokationen. Ob die olympische Annäherung wirklich werthaltig ist, kann sich erst nach den Spielen erweisen. Schließlich will jede Seite die Wiedervereinigung nach ihren Bedingungen.

Bis es soweit ist, nutzt der Süden die Trennung auch als Touristenattraktion. Inklusive Tunnelbesuch. Einst trieb der Norden fast 80 Meter tief einen Stollen nahe Panmunjom durch den Fels auf die südliche Seite, um dort Spione einzuschleusen. Er wurde entdeckt und ausgebaut. Ein paar Hundert Meter muss man sich leicht gebückt durch schwülwarme Luft kämpfen, dann kommt eine Mauer mit einem kleinen Guckloch. Davor zählt eine digitale Anzeige die Tage seit dem Waffenstillstand. In diesem Zustand befinden sich beide Länder, ein Friedensvertrag wurde nie unterzeichnet. Seit 23.573 Tagen nicht, seit 1953 der Waffenstillstand nach drei Jahren Krieg vereinbart wurde. Auf dem Weg zurück nach oben wird die Zahl erst einmal nebensächlich, der steile Anstieg aus dem Tunnel hinaus raubt die Kraft.

Der Süden antwortet mit Musik

Weniger anstrengend ist der Besuch des Aussichtspunktes Dora, der den Blick über das in einem Tal liegende Grenzgebiet nach Nordkorea eröffnet. Der Schall schickt hier die kommunistische Propaganda hinüber in den Süden, die aus Lautsprechern auf der Nordseite ertönt. Der Süden antwortet mit Musik, mal Klassik, so wie heute, mal Pop. Immer aber mit einer Botschaft des Friedens, der hier von den Vereinten Nationen und den USA sichergestellt wird. Deshalb führen US-Soldaten die Tour durch das Kerngebiet von Panmunjom durch. Ein Vortrag über die Geschichte des Konflikts ist inbegriffen, aber schwer verständlich durch den schwierigen Dialekt des Soldaten.

In der Gegend um Panmunjom bereitet sich Südkorea schon darauf vor, die Barriere bald zu überwinden. Die Infrastruktur wurde ausgebaut, Straßen sind neu, der Bahnhof steht. Nachdem vor über zwei Jahren die Annäherung beider Länder wegen der vielen Raketentests des Nordens vom Süden gestoppt und die wirtschaftliche Kooperation vorerst beendet worden ist, wirkt aber alles geisterhaft. Selbst Olympia wird kaum dazu beitragen können, dass schnell das Leben einzieht, für das alles hier gedacht ist. Kleine Schritte würden Jay Song schon genügen, wenigstens die sollten die Spiele bewirken. „Wir müssen die Grenze öffnen, die Leute müssen sich kennenlernen dürfen, lernen, sich zu verstehen“, sagt er in der Bahnhofsvorhalle und sieht die deutsche Wiedervereinigung als ein Vorbild für Korea. Die begann auch mit dem kleinen Grenzverkehr.