Judo

"Hamburger Jungs": Jetzt wollen die Judoka das Double

Ein Selfie fürs virtuelle Familienalbum: Cheftrainer Slavko Tekic fotografiert nach dem Titelgewinn in der Arena Leipzig seine Siegermannschaft

Ein Selfie fürs virtuelle Familienalbum: Cheftrainer Slavko Tekic fotografiert nach dem Titelgewinn in der Arena Leipzig seine Siegermannschaft

Foto: Hendrik Schmidt / ZB

Hamburger Team verteidigt seinen deutschen Meistertitel. Am 25. November soll bei der EM zum großen Wurf angesetzt werden.

Leipzig.  Reste von Schokolade und Sahne klebten in seinem Gesicht und auf seinem weißen Hemd, doch Thomas Schynol störte das nicht. Wer wollte ihm das verdenken? Wer gerade einen deutschen Meistertitel erfolgreich verteidigt hat, der schert sich nicht um Nebensächlichkeiten.

Und so konnte der Manager des Hamburger Judo-Teams (HJT), der an diesem Montag seinen 50. Geburtstag feiert, herzlich darüber lachen, dass ihm einige seiner Kämpfer im Überschwang des Triumphes die Siegertorte ins Gesicht gedrückt hatten, anstatt sie fachgerecht zu servieren.

Titelverteidigung sportlich hochwertiger

Dass das verschmierte Hemd des Managers den perfekten Kontrast zur unbefleckten Weste des Titelverteidigers bildete, war einer Demonstration der Stärke geschuldet, mit der die Auswahl des serbischen Cheftrainers Slavko Tekic (47) in der Arena Leipzig durch die Endrunde gepflügt war. Dem 9:5-Erfolg am Sonnabendmittag über den TSV Abensberg, mit 20 nationalen Titeln deutscher Rekordmeister, folgte fünf Stunden später im Finale ein 10:4 über den KSV Esslingen, der sich gegen Gastgeber JC Leipzig mit 7:7 (64:56 in der Addition aller Punkte) durchgesetzt hatte.

In der Bewertung ihrer Leistung waren sich die Hamburger einig. „Emotional ist der erste Titel das Größte, zumal wir ihn 2016 in eigener Halle gewonnen haben“, sagte Meistermacher Tekic, „aber sportlich war die Titelverteidigung hochwertiger, weil wir die schwereren Gegner und den Druck hatten, den ersten Titel bestätigen zu müssen.“ Alexander Wieczerzak konnte dem nur beipflichten. „In der vergangenen Saison war Abensberg nicht am Start. So ein Team im Halbfinale deutlich zu schlagen und sich dann im Finale so zusammenzureißen, anstatt überheblich zu werden, spricht für die Qualität unseres Teams“, sagte der 26-Jährige, der im August in Budapest als erster Deutscher seit 2003 Weltmeister geworden war.

Dimitri Peters trägt vier Siege zum Titelgewinn bei

Wieczerzak stand sinnbildlich für die Willenskraft, mit der die Hamburger ihren zweiten Titel erzwangen. Unter der Woche hatte er mit einem Magen-Darm-Infekt im Bett gelegen, im Halb­finale opferte er sich auf, aus taktischen Gründen aus seinem 81-Kilogramm-Limit in die 100-Kilo-Klasse aufzusteigen, wo er sich mit Ippon – der großen Wertung, die einen Kampf sofort beendet – gegen Robert Dumke durchsetzte. „Vor so einer Einstellung habe ich einen Riesenrespekt“, sagte Tekic, „aber so sind alle meine Jungs. Sie sind eine verschworene Einheit, auf die ich extrem stolz bin. Geschlossenheit ist unsere größte Stärke, der Titel ist die Bestätigung, dass das vergangene Jahr kein Zufall war!“

Wie sehr sich auch die Legionäre aus anderen Stützpunkten oder Nationen mit dem Team und der Stadt identifizieren, zeigte sich nicht nur daran, dass alle 24 nominierten und die anderen mitgereisten Athleten aus dem gut 50 Kämpfer umfassenden Kader geschlossen am Mattenrand anfeuerten, selbst als das Finale um 19.52 Uhr beim Stand von 7:4 entschieden war. Sondern auch an dem Schlager, den die Sieger anstimmten, als sie mit ihren Goldmedaillen um den Hals im Kreis tanzten: „Wir sind alle Hamburger Jungs“, schallte es durch die Arena.

Und das wollen sie auch bleiben. Tekic bestätigte, dass die Mannschaft in ihrer aktuellen Zusammensetzung in die Saison 2018 gehen und in der 60-Kilo-Klasse zudem noch durch den deutschen Meister Moritz Plafky (Hennef) verstärkt werde. Auch Dimitri Peters will in der Bundesliga weiter auf der Matte stehen.

Der 33 Jahre alte Schwergewichtler hatte seine glanzvolle internationale Karriere nach der WM im August beendet. Wie wichtig er für seine Mannschaft noch sein kann, bewies er in Leipzig nicht zuletzt dadurch, dass er als einziger Kämpfer vier Siege schaffte; den letzten davon gegen den georgischen Vizeweltmeister Varlam Liparteliani. Je dreimal siegten Dario Kurbjeweit Garcia (bis 91 kg), Dominic Ressel (bis 81 kg) sowie die aserbaidschanischen Gastkämpfer Nijat Shikhalizada (bis 66 kg) und Orkhan Safarov (Vizeweltmeister bis 60 kg).

„Ich bin sehr froh, dass ich meinen Beitrag leisten konnte, weil ich weiß, dass das meine Teamkameraden motiviert. Jeder muss sich auf den anderen verlassen können, und genau das ist es, was unser Team auszeichnet und so stark macht“, sagte Peters. Weltmeister Wieczerzak ließ sich mit einem Blick auf die verletzungsbedingten Ausfälle der deutschen Nationalkämpfer Igor Wandtke (bis 73 kg), David Tekic (bis 90 kg) und André Breitbarth (über 100 kg) sogar zu einer gewagten Aussage hinreißen. „Wenn ich sehe, was heute noch nicht perfekt war und was wir noch an Optimierungspotenzial haben, kriege ich ehrlich gesagt ein bisschen Angst.“

Nächstes Ziel ist der Titel bei der Vereins-EM

Das Angstkriegen wollen Hamburgs neue, alte Helden weiter ihren Gegnern überlassen. Am 25. November soll zum ganz großen Wurf angesetzt werden, wenn es in Wuppertal um die Vereins-Europameisterschaft geht. „Da wollen wir noch einen draufsetzen und zeigen, dass wir es auch in Europa können“, sagte Peters. Manager Schynol erklärte das Double zum Saisonziel: „Wenn wir den Schwung aus Leipzig mitnehmen, werden wir auch international mithalten können“, sagte er, bevor er den Partyabend einläutete, der vom VIP-Raum der Arena ab Mitternacht in eine Leipziger Diskothek führte. Spätestens dort war das Hemd des Managers nicht mehr das einzige befleckte Kleidungsstück.