Tennis-Turnier in Hamburg

Michael Stich: „Die Vergabe war nicht fair“

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Björn Jensen
Michael Stich (48) wird 2018 zum letzten Mal als Turnierdirektor im Centre-Court-Restaurant
sitzen

Michael Stich (48) wird 2018 zum letzten Mal als Turnierdirektor im Centre-Court-Restaurant sitzen

Foto: Witters

Der Rothenbaum-Turnierdirektor kritisiert den Deutschen Tennis Bund und will für den Standort Hamburg kämpfen.

Hamburg.  Knapp drei Tage hat Michael Stich gebraucht, um seine Gedanken zu ordnen. Um umfassende Informationen zu sammeln und die Enttäuschung darüber zu verarbeiten, dass der Deutsche Tennis Bund (DTB) am vergangenen Sonnabend die seit 2009 bestehende Kooperation mit ihm als Turnierdirektor und seiner Agentur HSE aufkündigte und die Lizenz zur Ausrichtung des Herrenturniers am Hamburger Rothenbaum von 2019 an dem Österreicher Peter-Michael Reichel (64) andienen möchte. Drei Tage, aus denen der Wimbledonsieger von 1991 ein klares Fazit destillieren konnte, das er am Dienstagmittag im Kaminzimmer des Clubs an der Alster im Schatten des Centre-Courts am Rothenbaum verkündete: „Ich muss für mich feststellen, dass der DTB faktisch nicht mit mir arbeiten möchte. Das gilt es zu respektieren, es ist sein gutes Recht, die Lizenz anderweitig zu vergeben“, sagte der 48-Jährige.

Wie sehr der Weg der Entscheidungsfindung und die Ausbootung an ihm nagen, konnte und wollte Stich nicht verbergen. „Es drängt sich der Eindruck auf, dass wir nie eine echte Chance hatten, dass die Vergabe an Herrn Reichel schon seit Monaten beschlossen war. Die Vergabe war weder fair noch transparent, und ich denke, dass sich der Verband hinterfragen sollte, ob wirklich alles korrekt abgelaufen ist. Es gab klare Aussagen des Präsidiums, an die es sich nicht gehalten hat“, sagte er.

Nachbesserungen offenbar nicht berücksichtigt

Als besonders problematisch empfinden Stich und HSE-Geschäftsführer Detlef Hammer den Fakt, dass das Präsidium und der Bundesausschuss (BA), in dem Vertreter der 18 Landesverbände sitzen, am Sonnabend in Frankfurt am Main als Beschlussgrundlage die Angebotsentwürfe genutzt hatten, die zur ersten Frist am 30. April eingegangen waren. Damals hatte das HSE-Angebot finanziell deutlich hinter dem Reichels und des dritten Bewerbers Dietloff von Arnim gelegen. „Man hat uns im Auftrag des Präsidiums aufgefordert, unser Angebot nachzubessern, was wir im Juli und zuletzt am vergangenen Donnerstag getan haben“, sagte Hammer. Schlussendlich habe die HSE 670.000 Euro geboten – eine halbe Million als Lizenzgebühr, 170.000 in Form von Sachleistungen. Damit habe man, wie BA-Mitglieder dem Abendblatt bestätigten, auf dem Niveau der anderen Bieter gelegen.

„Warum diese Nachbesserungen nicht berücksichtigt wurden, kann ich mir nicht erklären“, sagte Stich, der sich zudem darüber wundert, dass sich der von DTB-Vizepräsident und Verhandlungsführer Dirk Hordorff noch im Juli zugesagte Bonus für ihn als aktuellen Veranstalter in Luft aufgelöst hat. „Ich habe über die Jahre mehrfach angeboten, für den DTB in internationalen Gremien mitzuarbeiten, habe darauf keine Reaktion erhalten. Meiner Bitte, eine Erklärung für den Verlust der Lizenz zu erhalten, ist ebenfalls nicht entsprochen worden. Auch Herr von Arnim, der bereit war, sein Angebot deutlich zu erhöhen, und Markus Mronz, der seine Offerte kurzfristig zurückgezogen hatte, haben nichts vom DTB gehört. Mir zeigt das, dass es kein Interesse an einer Zusammenarbeit gibt“, sagte Stich.

Stich will kämpfen

Die Mutmaßung, dass die Vergabe der Lizenz an Reichel, dem als Vorsitzenden aller 57 Turniere der Damentour am ehesten zugetraut wird, das vom DTB gewünschte Damenturnier einzubringen, schon seit Monaten ausgemacht gewesen war, erhält durch die intransparente Vergabepraxis zumindest neue Nahrung. Dass der DTB die Stadt Hamburg mit der scharfen Forderung, die Kosten für die Sanierung des maroden Faltdachs über dem Centre-Court zu übernehmen, unter Druck zu setzen versucht, werten Stich und Hammer als Anzeichen dafür, dass der Verband längst mit anderen Standorten verhandelt. „Wir waren der einzige Bewerber, der nicht bereit war, in eine andere Stadt zu gehen. Vielleicht war das auch ein Grund, sich gegen uns zu entscheiden“, sagte Hammer.

Stich bekräftigte, dass er sich im Fall eines Abwanderns des Traditionsturniers weiter um den Standort Hamburg bemühen werde. „Wir würden dann versuchen, ein neues Turnier auf die Beine zu stellen, denn darum ging es uns immer: Den Rothenbaum zu erhalten.“ Tatsächlich stand die Lizenz nach dem Verlust des Mastersstatus 2008 vor dem Verkauf, bevor die HSE einstieg und das Turnier weiterführte. Denkbar wäre, unabhängig vom DTB, aber in Kooperation mit der Stadt eine Lizenz für ein kleineres Turnier zu erwerben.

Kritik am Zustand der Anlage

Dass Reichel am Dienstag in einem Abendblatt-Interview Kritik am Zustand der Anlage und am Teilnehmerfeld geübt und Investitionen auf diesen Feldern angekündigt hatte, kann Stich nur teilweise nachvollziehen. „Wir haben selbst in jedem Jahr in die Instandhaltung investiert, obwohl vertraglich der DTB dafür zuständig gewesen wäre. Und wir hatten Roger Federer und Rafael Nadal hier. Daran wird sich Herr Reichel messen lassen müssen. Aber wenn er es schafft, das Turnier zu verbessern, freuen wir uns. Wir wünschen ihm viel Erfolg.“

Ausgeschlossen ist, dass Stich unter dem neuen Lizenzinhaber als Turnierdirektor weiterarbeitet. „Ich bin meinem Team gegenüber absolut loyal“, sagte er. Die Durchführung des letzten Turniers unter seiner Ägide im Juli 2018 sei keinesfalls gefährdet. „Wir sind hanseatische Kaufleute und erfüllen unsere vertraglichen Verpflichtungen“, sagte er. Die Hamburger Fans rief er dazu auf, dem Turnier die Treue zu halten. „Könnte ja sein, dass es 2018 zum letzten Mal Weltklasse-Herrentennis in Hamburg zu sehen gibt...“

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