Turnier in Hamburg

Nach Stich-Aus: Nie wieder Tennis am Rothenbaum?

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Björn Jensen und Inga Radel
Das Tennisstadion am Rothenbaum ist seit 1997 überdacht. Ein Herrenturnier wird in Hamburg mit Unterbrechungen seit 1892 ausgetragen. 2018 könnte es zum letzten Mal stattfinden

Das Tennisstadion am Rothenbaum ist seit 1997 überdacht. Ein Herrenturnier wird in Hamburg mit Unterbrechungen seit 1892 ausgetragen. 2018 könnte es zum letzten Mal stattfinden

Foto: Daniel Bockwoldt / dpa

Deutscher Tennis Bund bootet Michael Stich aus, vergibt Lizenz fürs Turnier an Österreicher Reichel und setzt die Stadt unter Druck.

Hamburg.  Die Pressemitteilung, die der Deutsche Tennis Bund (DTB) am Sonnabendnachmittag zum Thema „Neuvergabe der Lizenz für die Ausrichtung des Herrenturniers am Rothenbaum“ verschickte, kündigte im ersten Satz eine „richtungsweisende Entscheidung“ an. Das Präsidium des DTB, so der weitere Inhalt der Mitteilung, habe sich entschieden, den bisherigen Rechteinhaber HSE um Turnierdirektor Michael Stich von 2019 an durch den Österreicher Peter-Michael Reichel zu ersetzen.

Der Bundesausschuss (BA), in dem Vertreter aller 18 Landesverbände sitzen, hatte am Sonnabend in Frankfurt am Main mit der erforderlichen einfachen Mehrheit diese Entscheidung mitgetragen und somit den Weg frei gemacht für Vertragsverhandlungen mit Reichel. Laut diesem sollen die Verhandlungen „nur noch Formsache“ sein.

Rothenbaum: Was der DTB jetzt plant

Die Richtung, in die diese Entscheidung weist, lässt nach Gesprächen mit diversen Beteiligten befürchten: weg von Hamburg. Die Schärfe, mit der sich DTB-Präsident Ulrich Klaus zitieren ließ, kommt einer Erpressung nah. „Die Stadt muss sich bewegen und für die Ausrichtung des Turniers einen entscheidenden Anteil zu einer vollständig intakten Anlage beitragen. Eine Renovierung des Daches ist unerlässlich. Sollte eine umfangreiche Unterstützung der Stadt nicht sichergestellt werden, müssten wir für alternative Standorte offen sein“, sagte Klaus.

Im Klartext: Sollte die Stadt das marode Faltdach über dem Centre-Court, das seit 1997 einen wetterunabhängigen Spielbetrieb garantiert, nicht auf ihre Kosten erneuern lassen, denkt der Verband über andere Ausrichterstädte nach. Dass der DTB seiner vertraglichen Pflicht zur Instandhaltung des Stadions, das dem Club an der Alster als Inhaber des Erbbaurechts bis 2049 gehört und für das der Verband ein Nutzungsrecht besitzt, seit Jahren nicht nachkommt – darüber steht kein Wort in der Mitteilung.

Stadt will Anlage abreißen

Wenig verwunderlich war deshalb, dass die Stadt in Person von Sportstaatsrat Christoph Holstein irritiert reagierte. „Wir haben bisher substanzielle Beiträge für den Erfolg des Turniers geleistet und sind hierzu auch in Zukunft bereit. Es sollte aber nicht der Eindruck entstehen, die Stadt ließe sich unter Druck setzen“, sagte Holstein.

Die Diskussion um das Dach ist insofern irritierend, als der Club an der Alster im Rahmen umfangreicher Umbaumaßnahmen der Anlage den Abriss des mit 13.200 Zuschauerplätzen überdimensionierten Stadions plant. Dieses soll durch eine Multifunktionsarena mit 7500 Plätzen ersetzt werden. Die Stadt unterstützt diese Pläne, der DTB will ihnen, wie Vizepräsident Dirk Hordorff kürzlich klarstellte, auf keinen Fall zustimmen. Für Anfang Oktober sind Gespräche zwischen Stadt und DTB anberaumt.

Die Standortfrage ist indes nicht die einzige Ungereimtheit im Bieterprozess, die für Verdruss bei Teilen des Bundesausschusses sorgte. Matthias von Rönn, Präsident des Hamburger Verbands, erklärte, dass er einerseits gegen die Pläne des Präsidiums gestimmt habe, weil es die Standortfrage offengelassen hat. „Andererseits hätte ich mir eine zweite Verhandlungsrunde gewünscht, in der die Bieter ihre Angebote hätten erläutern können. Die wesentlichen Eckdaten sind zwar vorgelegt worden, man hätte sie aber noch vergleichbarer darstellen müssen.“

Noch deutlicher wurde Frank Intert, Präsident des schleswig-holsteinischen Verbands. „Ich sehe deutliche Defizite im Umgang mit der Ausschreibung. Gewichtung und Bewertung der einzelnen Positionen waren nicht gewährleistet, insgesamt war das unprofessionell und intransparent“, sagte er. Als Stich-Befürworter könne er nicht verstehen, „dass der Bonus, den ihm das DTB-Präsidium im Falle nahezu identischer Angebote zugesichert hatte, keine Rolle gespielt hat“.

Stich-Aus hatte sich angedeutet

Das Problem für Stich, dessen Verhältnis zum Verband sich oft problematisch darstellte, war, dass der DTB für die Vergleichbarkeit der Angebote die erste Bewerbungsfrist 30. April zugrunde legte. Damals hatte die HSE, die bislang rund 100.000 Euro Lizenzgebühr pro Jahr gezahlt hatte, deutlich hinter Reichel und dem dritten Mitbewerber Dietloff von Arnim gelegen. In den vergangenen Wochen hatte es allerdings Nachbesserungen gegeben, sodass zuletzt alle drei Offerten dem DTB eine Verfünffachung der Lizenzeinnahmen garantierten.

Warum diese neuen Gebote nicht berücksichtigt wurden, versteht nicht nur Intert nicht. „Dann hätte man die Entscheidung doch spätestens zum diesjährigen Turnier im Juli bekannt geben können“, sagt er. Ebenso erstaunlich war, dass von Arnim als Präsident des Verbandes Niederrhein in der BA-Sitzung anwesend war und als einziger Bewerber nun auch Details der anderen Gebote kennt.

Dass sich der Verband gegen Stich, der das Turnier 2009 übernommen und so die Lizenz vor dem Verkauf gerettet hatte, und für Reichel entscheiden würde, hatte sich über Monate angedeutet. Tatsächlich sprechen gute Gründe für den 64-Jährigen, auch wenn er mit einem Herrenturnier der dritthöchsten Kategorie keine Erfahrung besitzt und auch in Hamburg noch ein Unbekannter ist.

Bringt Reichel ein Damenturnier nach Hamburg?

Als Vorsitzender aller 57 weltweiten Turniere der WTA-Tour ist Reichel, der aktuell die Lizenzen für die WTA-Events in Nürnberg und Linz hält, aber bestens vernetzt und gewillt, dem DTB ein weiteres Damenturnier zu ermöglichen. Dies könne am Standort Hamburg vor oder nach dem Herrenturnier ausgetragen werden, aber auch an einem anderen Standort.

„Wir haben uns nicht fix auf den Standort verpflichtet. Wir werden jetzt Gespräche führen und fragen, was die Stadt sich in Zukunft wünscht“, sagt Reichel, dessen Tochter Sandra (46) als Turnierdirektorin in Nürnberg und Linz das operative Geschäft führt. Er kenne die Alster-Pläne nicht. „Grundsätzlich stehe ich jeder Investition in eine moderne, zukunftsträchtige Anlage völlig positiv gegenüber.“

Es bleiben also viele Fragen offen rund um den Rothenbaum. Klar ist allerdings, dass es 2018 definitiv Herrentennis in Hamburg geben wird, mit Stich als Turnierdirektor. Der 48-Jährige, der sich über die Entscheidung „enttäuscht und sauer“ zeigte, bestätigte, dass er seinen Vertrag erfüllen werde. Zu allem anderen wollte er sich nicht äußern, bevor ihm umfangreiche Informationen vorlägen.

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