Amateurbox-WM

Was von Olympia in Hamburg übrig blieb

Einmarsch der Fahnenträger: 120 Kinder aus Hamburger Vereinen sorgten im Großen Festsaal des Rathauses für internationale Atmosphäre

Einmarsch der Fahnenträger: 120 Kinder aus Hamburger Vereinen sorgten im Großen Festsaal des Rathauses für internationale Atmosphäre

Foto: TimGroothuis / WITTERS

Die Amateurbox-WM startet heute in Hamburg - doch kaum einer weiß es. Sie ist ein Relikt der gescheiterten Bewerbung um die Spiele.

Hamburg.  Andächtig standen sie an der Wand des Großen Festsaales im Rathaus, während vorn auf der Bühne die ungarische Opernsängerin Natalia Balint die deutsche Nationalhymne intonierte. 120 Kinder aus Hamburger Vereinen waren eingeladen worden, um als Fahnenträger die Eröffnungszeremonie der Amateurbox-WM zu begleiten. Sie waren allerdings nicht die einzigen Farbtupfer am Donnerstagabend, denn viele der internationalen Gäste hatten auf die bei Senatsempfängen meist obligatorische Kleiderordnung verzichtet und waren stattdessen im Trainingsanzug ihres Nationalteams angetreten.

243 Teilnehmer aus 75 Nationen werden in den kommenden neun Tagen in der Sporthalle Hamburg um die Medaillen in zehn Gewichtsklassen kämpfen. Deutschland ist in jedem Limit mit einem Athleten vertreten, aus Hamburg ist Artem Harutyunyan (Klasse bis 64 kg) dabei. Der 27-Jährige erhielt für Runde eins ein Freilos und trifft im Achtelfinale am Sonntag (14 Uhr) auf den Sieger des Duells zwischen dem Engländer Luke McCormack und dem Chinesen Gang Wang (weitere Ansetzungen unter „Termine“ auf dieser Seite rechts unten). Der Internetsender sportdeutschland.tv überträgt alle Kämpfe live.

Amateurbox-WM für 4,5 Millionen Euro eingekauft

Als Sportstaatsrat Christoph Holstein, der die Gäste als Vertreter der Stadt im Rathaus willkommen hieß, Mitte Oktober 2015 am Rande der WM in Doha (Katar) die Hamburger Bewerbung präsentiert und den Zuschlag für 2017 erhalten hatte, ging man noch davon aus, die Titelkämpfe als wichtige Referenzveranstaltung nutzen zu können. In Perus Hauptstadt Lima wird am 13. September Paris, der Gastgeber für die Olympischen Sommerspiele 2024, offiziell gekürt. Im Oktober 2015 war Hamburg noch Kandidat dafür, sechs Wochen später hatte Volkes Stimme die Bemühungen mit einem mehrheitlichen Nein im Referendum zum Erliegen gebracht.

Nun ist die Stadt Gastgeber einer WM, die sie mit kolportierten rund 4,5 Millionen Euro sehr teuer eingekauft hat, ohne den einst erhofften Nutzen daraus ziehen zu können. Es ehrt die Verantwortlichen, dass sie sich ihrer Verantwortung nicht entzogen, sondern zu ihrem Wort stehen. „Wir wollen verlässliche Partner sein. Außerdem ist die WM auch ohne Olympia-Bewerbung ein Signal dafür, dass wir im Sport weiter weltweit oben mitspielen wollen“, sagt Sportsenator Andy Grote. Das Preis-Leistungs-Verhältnis läge zwar nicht (mehr) in der erhofften Dimension, dennoch misst der boxaffine Senator dem Faustkampf großes Entwicklungspotenzial zu. „Vor allem im integrativen Sektor kann das Boxen wertvolle Arbeit leisten“, sagt er.

DBV-Präsident: „Viel Geld wurde verbrannt“

Beim Deutschen Boxsport-Verband (DBV), der als Veranstalter fungiert, ist man sehr glücklich darüber, dass die Stadt ihre finanziellen Zusagen vollumfänglich erfüllt hat. „Die Zusammenarbeit war und ist hervorragend, sodass wir sehr zuversichtlich sind, eine großartige WM zu erleben“, sagt DBV-Sportdirektor Michael Müller. Das ist insbesondere deshalb wichtig, weil der ausrichtende Weltverband Aiba seit Monaten in existenzbedrohenden finanziellen Schwierigkeiten steckt (Abendblatt berichtete) und um den umstrittenen Präsidenten Ching-kuo Wu (70/Taiwan) ein Machtkampf tobt, der jederzeit eskalieren könnte.

„Viel Geld wurde verbrannt, es gibt den Verdacht der Bereicherung. Es kann sein, dass es zum Eklat kommt“, sagt DBV-Präsident Jürgen Kyas, der ankündigte, Wu genau zu kontrollieren. „Ich passe auf, dass er immer die Wahrheit sagt“, kündigte Kyas an. Allerdings wird Wu, der sich in seiner Willkommensrede versöhnlich gab, Hamburg am Freitag bereits wieder verlassen.

Zur Wahrheit gehört auch, dass sich der Kartenvorverkauf für das nach Olympia wichtigste weltweite Amateurbox­event in Grenzen hält. Dabei dürfte der gebotene Sport viele Besucher positiv überraschen. Die meisten Nationen, Deutschland inklusive, treten mit einem Perspektivteam aus Athleten an, die sich für die Sommerspiele 2020 in Japans Hauptstadt Tokio empfehlen wollen. Zu den Finalkämpfen am 2. September haben sich Bundesinnenminister Thomas de Maizière, Bürgermeister Olaf Scholz, IOC-Präsident Thomas Bach und DOSB-Chef Alfons Hörmann angekündigt.

WM startet am Freitag um 14 Uhr

Im Vergleich zum Profiboxen gibt es im olympischen Faustkampf einige Regelabweichungen. So dauert ein Kampf dreimal drei statt zwölfmal drei Minuten. Fünf statt drei Punktrichter werten, der Sieger einer Runde erhält zehn Punkte, der Verlierer neun oder – bei Niederschlag oder zu deutlicher Unterlegenheit – nur acht. Seit 2013 wird auch bei den Amateuren ohne Kopfschutz geboxt, aber nicht mit freiem Oberkörper. Besonders wichtig ist, dass erst am Kampftag gewogen wird, damit nicht, wie bei den Profis, das Gewichtslimit im Kampf deutlich überschritten werden kann.

Nachdem der deutsche Kampfrichter Holger Kussmaul und US-Weltergewichtler Quinton Randall den Eid auf die Fairness gesprochen hatten, verließen die Delegierten das Rathaus, um im Hotel Westin in der Elbphilharmonie ein Willkommensdinner zu genießen. Für die Fahnenträger war der Abend dagegen beendet. Sie werden erst am Freitag von 14 Uhr an wieder gebraucht.

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