Leichtathletik

Hamburger enthüllt: Auch im Westen wurde massiv gedopt

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Klaus Peter Hennig 1972 bei einem Länderkampf gegen Ungarn in Mainz

Klaus Peter Hennig 1972 bei einem Länderkampf gegen Ungarn in Mainz

Foto: imago/WEREK

Der Pharmazeut Simon Krivec befragte 121 frühere Spitzensportler. 31 gaben zu, Anabolika eingenommen zu haben – in teils großen Mengen.

Hamburg.  Doping auf Rezept, bis zu 1000 Tabletten im Jahr – und sechs mutige Männer: 31 ehemalige Leichtathleten aus der Bundesrepublik Deutschland haben einer Studie zufolge zugegeben, zum Teil über Jahre hinweg anabole Steroide eingenommen zu haben. Das berichtete die ARD-Dopingredaktion in der „Sportschau“ mit Bezug auf eine unveröffentlichte Dissertation des Wissenschaftlers Simon Krivec (29) von der Universität Hamburg. Der ehemalige Diskuswerfer Klaus-Peter Hennig tritt dabei als einer von sechs Athleten aus dem Schatten der Anonymität heraus und gibt offen Doping zu.

Der Pharmazeut Krivec, der in Krefeld zwei Apotheken besitzt, hat nach eigenen Angaben 121 ehemalige männ­liche Spitzensportler des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) angeschrieben, 61 haben geantwortet, 42 haben sich zur Sache geäußert, „und 31 Athleten haben die Einnahme von Anabolika bestätigt“, sagte Krivec, dessen Studie die Zeit von 1960 bis 1988 erfasst. Seine Dissertation wird am 3. April veröffentlicht und erscheint dann als Buch.

„Verblüffend war, dass die Athleten sehr offen damit umgegangen waren – mir gegenüber“, erklärte Krivec. In Einzelfällen sei über die Praktiken „sehr detailliert berichtet“ worden. „Ich hatte bei vielen Athleten einen Vertrauensvorschuss“, sagte der Naturwissenschaftler. „Neben Klaus-Peter Hennig haben fünf weitere Athleten auf eine Anonymisierung verzichtet und ihre Namensnennung bestätigt“, sagte Krivec am Sonntag, gab aber noch nicht bekannt, um wen es sich dabei handelt.

Krivecs Vater Günter (74) ist ein ehemaliger deutscher Dreispringer, Olympiateilnehmer 1964 in Tokio, Apotheker, Unternehmer und Sportmäzen. Seit der Vereinsgründung 1985 ist Günter Krivec Präsident des ehemaligen Volleyball-Bundesligisten Moerser SC.

Aufgrund dieser Aussagen und weiterer Daten konnte Krivec in seiner Doktorarbeit die Struktur des Anabolikamissbrauchs im Westen Deutschlands deutlich machen. Ärzte, Apotheker, Trainer und weitere Personen aus dem Umfeld der Athleten waren zum Teil aktiv daran beteiligt, heißt es in dem Bericht der ARD.

Die bevorzugten Medikamente seien Dianabol und Stromba gewesen – sie wurden sogar häufig über Rezept bezogen. Bis auf wenige Ausnahmen seien die ausgestellten Rezepte von den gesetz­lichen Krankenkassen bezahlt worden. Die Dosierungen lagen in fast allen Fällen „weit über den Empfehlungen der Hersteller“, heißt es im ARD-Bericht. „In einem Fall wurden im gesamten Jahr 1974 Mengen bis zu 5000 Milligramm Dianabol konsumiert, was rund 1000 Tabletten entspricht“, berichtet Krivec. Die Zeiträume der regelmäßigen Anabolika-Einnahme erstreckten sich auf bis zu zwölf Jahre.

Athleten mussten sich nicht zu erkennen geben

Den Athleten sei bei der Umfrage Anonymität zugesichert worden, was zweifellos zu der hohen Zahl der Rückmeldungen beigetragen hat. Der frühere Diskuswerfer Klaus-Peter Hennig stimmte der Veröffentlichung seines Namens allerdings zu. Die Arbeit habe die Verhältnisse so dargestellt, „wie sie wirklich früher waren. Das ist schon bemerkenswert“, sagte der zweimalige Olympia-Teilnehmer. Hennig war erstaunt, „dass das genau so ist, wie ich das auch in Erinnerung habe, wie ich es gehört habe damals – und wie ich es natürlich selber auch gemacht habe“.

Der in Bremen geborene Hennig startete in seiner Karriere für Preußen Münster und später für Bayer 04 Leverkusen. Er wurde 1971, 1973 und 1975 jeweils deutscher Meister im Diskuswurf, 1969 und 1974 war er jeweils Zweiter sowie 1968 und 1970 jeweils Dritter der nationalen Titelkämpfe.

Bei Olympia scheiterte Hennig zweimal in der Qualifikation

Bei „Sport inside“ beschreibt der 69-Jährige die „Zwickmühle“, in der sich die bundesdeutschen Athleten befunden hätten. Der Zwiespalt habe ihn persönlich sehr belastet. „Auf der einen Seite will ich selber Leistung verbessern, hohe Leistung schaffen. Die Olympiateilnahme schaffen. Auf der anderen Seite weiß ich, dass das ohne unterstützende Mittel eigentlich nicht geht“, sagte Hennig. Seine persönliche Bestleistung – 64,80 Meter – stellte er 1972 auf.

Bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko City war Hennig mit 53,80 Metern in der Qualifikation gescheitert. Vier Jahre später in München kam er auf 55,32 Meter und konnte sich damit ebenfalls nicht für das Finale qualifizieren. Zum Vergleich: der Diskus-Weltrekord der Männer wurde 1972 vom Schweden Ricky Bruch auf 68,40 Meter verbessert, seit Juni 1986, also nunmehr seit fast 31 Jahren, liegt er bei 74,08 Metern – aufgestellt vom Schweriner Jürgen Schult.

Auch Wagner war gedopt

Die bisherige Bestleistung des dreimaligen Weltmeisters und Olympiasiegers von London, Robert Harting aus Berlin, liegt bei 70,66 Metern. Auch bei den Frauen ist der von Gabriele Reinsch (ASK Potsdam) 1988 aufgestellte Weltrekord von 76,80 Metern heute ungefährdet. Die derzeit überragende Kroatin Sandra Perkovic weist eine persönliche Bestleistung von 71,08 Metern auf.

Am Montag bestätigte auch der fünfmalige deutsche Diskusmeister Alwin Wagner, dass er auf die Anonymisierung seines Namens in der Dissertation verzichtet habe. Der heute 66-Jährige aus Melsungen hatte allerdings schon in früheren Jahren die Einnahme verbotener Mittel gestanden und die damalige Doping-Problematik immer wieder angeprangert. „Früher galt ich als Nestbeschmutzer, heute wäre ich wohl ein Whistleblower“, sagte Wagner. „Ich hoffe, dass nun weitere ältere Sportler motiviert sind und sich bekennen und auch Ross und Reiter nennen.“

Sörgel spricht von "toleriertem Staatsdoping"

Doping-Experte Fritz Sörgel sieht durch die neuesten Arbeiten das „Sittenbild Sport“ vervollständigt. „Für die Diskussion in der Gesellschaft ist es auch wichtig, weil man jetzt wieder ein bisschen mehr sagen kann: Ja so war's wirklich!“, sagte Sörgel. Er sieht in dem „wichtigen Dokument der Zeitgeschichte“ eine Bestätigung der Untersuchungsergebnisse aus Freiburg. Erst kürzlich hatte der Wissenschaftler Andreas Singler eine Studie zum früheren Olympia-Chefarzt Joseph Keul veröffentlicht. Dieser sei einer der „am meisten dopingbelasteten Sportmediziner in Westdeutschland“ gewesen, lautete das Ergebnis.

Im Vergleich zum mutmaßlichen Staatsdoping im Osten beschreibt Sörgel die Praktiken im Westen als „toleriertes Staatsdoping oder Staatsdoping unter stillem Druck, denn ein Nicht-Hinschauen ist 100 Prozent Mitschuld“.

Geipel fordert weitere Aufarbeitung

Ines Geipel, Vorsitzende des Dopingopfer-Hilfevereins (DOH), hat eine konsequente Aufarbeitung der Doping-Vergangenheit in Westdeutschland gefordert. "Die gegenwärtige Spitzensportreform ergibt nur Sinn, wenn sie sich den bitteren historischen Hypotheken des organisierten deutschen Sports endlich stellt. Hier darf nichts mehr hinter einer Nebelwand verschwinden, weder in Ost noch in West. Das sind wir den vielen Opfern schuldig", sagte die Wissenschaftlerin und frühere DDR-Sprinterin.

( dpa/HA )

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