Handball-WM

Andreas Wolff: „Ich will Weltmeister werden, sonst nichts“

Andreas Wolff (25)
wurde bei der EM vor
einem Jahr ins All-Star-Team
gewählt. Seit
Sommer bewacht er das
Tor des THW Kiel

Andreas Wolff (25) wurde bei der EM vor einem Jahr ins All-Star-Team gewählt. Seit Sommer bewacht er das Tor des THW Kiel

Foto: Witters

Nach dem EM-Sieg vor einem Jahr stieg Andreas Wolff zum bekanntesten deutschen Handballer auf.

Kamen.  Wie ein Debütant kommt Andreas Wolff nun wirklich nicht daher. Der gelenkige Nationaltorhüter hat sich seit der Europameisterschaft 2016 zum wohl bekanntesten deutschen Handballer entwickelt. Wenn Deutschland an diesem Freitag in Rouen gegen Ungarn in die Weltmeisterschaft startet (17.45 Uhr/Livestream auf handball.dkb.de), steht Wolff aber zum ersten Mal bei einer WM auf dem Feld. Vor zwei Jahren in Katar strich Bundestrainer Dagur Sigurdsson ihn als dritten Torhüter hinter Silvio Heinevetter und Carsten Lichtlein wenige Stunden vor dem Auftaktspiel aus dem Kader. Wolff verfolgte das Turnier von der Tribüne aus. „Das war nicht leicht“, sagt er.

Seit der EM ist das 1,98 Meter große Kraftpaket im deutschen Tor gesetzt. Seitdem hat sich auch sein Leben außerhalb des Handballs verändert: „In Bezug auf die Medien war es ein raketenhafter Aufstieg“, sagt Wolff, der seit dieser Saison beim Rekordmeister THW Kiel spielt. „Vorher hat mich ja außerhalb vom Handball niemand gekannt, jetzt ist es so, dass ich in Leverkusen im Einkaufszentrum angesprochen werde oder hier in Kamen bei einem Fußballturnier vorbeigehe und 60 Kinder sich ein Foto mit mir wünschen. Das ist natürlich sehr schön und zeigt, dass 2016 für mich ein ganz besonderes Jahr war.“

Wo die WM läuft

Der 25-Jährige ist der Mann der klaren Worte im deutschen Team und der Einzige, der offen ausspricht, dass er seinem Team durchaus den Titel in Frankreich zutraut. „Meine Teamkollegen hören das vielleicht nicht gerne, aber ich bin kein Freund von Tiefstapelei“, sagt er. „Ich will Weltmeister werden, sonst nichts.“ Mit ihm und Silvio Heinevetter verfügt Deutschland über eines der vielseitigsten Torhütergespanne des Turniers.

„Andi ist groß und sehr beweglich, dazu unheimlich athletisch, Heine ist mehr ein Fuchs, geht in die Köpfe der Spieler und liest das Spiel wahnsinnig gut“, sagt Sigurdsson. „Unsere Aufgabe ist es, dass sie jeweils zum richtigen Zeitpunkt im Tor stehen.“ Wer gegen Ungarn starten wird, steht noch nicht fest. „Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Dagur einen Plan hat“, sagt Wolff schmunzelnd, „aber wenn, dann hält er sich an seine Linie und teilt uns den erst direkt vor dem Spiel mit, daran sind wir gewöhnt.“

Sigurdsson mahnt zur Vorsicht

Nach den zwei klaren Siegen in der Vorbereitung mahnte Sigurdsson zur Vorsicht. Gegen Ungarn sehe er die Chancen für sein Team bei 40 zu 60 Prozent, betonte er. Das ist schon recht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass Deutschland in der EM-Zwischenrunde im vergangenen Jahr 29:19 gewann. Doch die ungarische Mannschaft, die schon fünf vierte Plätze bei Olympia vorzuweisen hat, sich aber zuletzt sowohl für die WM 2015 als auch für die Olympischen Spiele 2016 nicht qualifizieren konnte, will sich mit dem neuen Trainer Xavier Sabaté endlich wieder auf internationaler Bühne beweisen. „Mein Gefühl ist, dass das eines der schwierigsten Spiele in diesem Turnier wird“, sagt Sigurdsson.

Das erste Spiel eines großen Wettbewerbs hat stets seine eigenen Regeln. Frankreich hat diese Prüfung schon hinter sich. Der Gastgeber und Titelverteidiger deklassierte Brasilien im Eröffnungsspiel in Paris 31:16 (17:7), bei der WM 2013 hat Deutschland im ersten Spiel auch schon einmal einen hohen Sieg gegen die Südamerikaner errungen (33:23). Bei den letzten vier großen Turnieren verlor Deutschland nur einmal das Auftaktspiel: bei der EM 2016 – und da sollte das 29:32 gegen Spanien die einzige Niederlage im Turnierverlauf bleiben.

DHB-Auswahl einer der Titelfavoriten

Aufgrund dieser Leistung und der Bestätigung mit der Bronzemedaille bei den Olympischen Spielen gehört die DHB-Auswahl neben Frankreich, Dänemark, Spanien und Kroatien zu den Titelfavoriten. „Wir reden da aber nicht drüber“, sagt Wolff. Man tue gut daran, keine Gegner zu unterschätzen. „Wir müssen in jedem Spiel alles geben, dann werden wir wahrscheinlich gewinnen.“

Er sieht vor allem auf den Flügeln eine hohe Qualität seiner Mannschaft. Hinter der ersten Reihe um Kapitän Uwe Gensheimer, der nach dem plötzlichen Tod seines Vaters erst am Donnerstag zur Mannschaft stieß, und Rechtsaußen Tobias Reichmann, der sich zuletzt noch mit einer Verletzung an der Wade herumplagte, lauern zwei ebenfalls herausragende Außenspieler: Patrick Groetzki auf Rechtsaußen sowie Rune Dahmke, der die linke Außenbahn bei der EM im Alleingang bewältigte – allerdings wegen eines grippalen Infekts auszufallen droht.

Steffen Fäth elementarer Baustein

„Wir haben vielleicht die besten Flügelzangen des Turniers“, glaubt Wolff. Auch Rückraumspieler Steffen Fäth sieht er als elementaren Baustein für die Mannschaft. „Er hat bei den Füchsen Berlin einen schweren Stand, aber er wird mit entscheidend sein, wie weit wir kommen.“

Als einen der wichtigsten Spieler erachtet Wolff Kreisläufer Patrick Wiencek vom THW Kiel. Der Zweimetermann wird gemeinsam mit Finn Lemke den Mittelblock stellen. Große Hoffnungen setzt Wolff auch auf Simon Ernst vom VfL Gummersbach. Der 22-Jährige, der bei der EM vor allem auffiel, weil er im Halbfinale gegen Norwegen zu früh aufs Feld rannte, hat sich zu einem geschickten Rückraumregisseur entwickelt.

„Ich gehe davon aus, dass Simon bei diesem Turnier enorm an Popularität gewinnt, weil er ein sehr guter Spieler ist“, glaubt Wolff. Da spricht einer aus eigener Erfahrung.