Jockey Schiergen

„Meine größte Angst war, dass ich noch wachsen könnte“

Jockeys wie Dennis Schiergen zählen jeden Tag ihre Kalorien

Jockeys wie Dennis Schiergen zählen jeden Tag ihre Kalorien

Foto: imago/Eduard Bopp

Jockeys leben nicht nur gefährlich, sie müssen auch eine eiserne Disziplin aufbringen und ständig auf ihr optimales Gewicht achten.

Hamburg.  Im Fußball zählen Männer wie Jerome Boateng, Bastian Schweinsteiger oder Thomas Müller zu den Topstars – im Galoppsport sind Jockeys wie die für das Derby-Meeting in Horn verpflichteten Dennis Schiergen, Cevin Chan und Andrasch Starke die Helden der Rennbahn. Allerdings verdienen die Ballkünstler viele Millionen Euro, das Salär der Sattelkünstler ist vergleichsweise gering. Fußballer sind einem hohen Verletzungsrisiko ausgesetzt, und auch die Jockeys riskieren viel. Sehr viel sogar.

Zum Beispiel Cevin Chan beim spektakulären Seejagdrennen am Dienstagabend in Horn, das der 27-Jährige mit dem Wallach Falconettei souverän gewann. Bei diesem Hindernisrennen besteht immer die Gefahr, bei einem Sturz vom eigenen, rund 500 Kilogramm schweren Pferd begraben oder von den nachfolgenden Vierbeinern überrannt zu werden. Erst im April hatte Chan, der in Hamburg-Horn aufgewachsen ist, bei einem Sturz einen äußerst schmerzhafte Verletzung am Steißbein erlitten.

Krankenakten der Jockeys sind lang

In der Krankenakte von Deutschlands erfolgreichstem Jockey Andrasch Starke sind Gehirnerschütterungen, Rippenbrüche, Kieferbruch und Schlüsselbeinbrüche erfasst. Der 42 Jahre alte Profi aus Hamburg hatte nach seinem erneuten Schlüsselbeinbruch im Mai pausiert und wollte wieder pünktlich zum 147. Deutschen Derby an diesem Sonntag an der Horner Rennbahn im Sattel sein. Der Vertrag war festgezurrt, doch der Bruch verheilte nicht so schnell wie gedacht. Starke musste jetzt absagen. Für ihn besonders bitter, denn er gilt als extrem ehrgeizig. Seit 1998 hat er das Deutsche Derby auf der Horner Rennbahn siebenmal gewonnen.

Besonders hart traf es in Horn vor vielen Jahren den damaligen Jockey und heutigen Rennschulleiter Kai Schir­mann. Der Kölner brach sich auf der Rennbahn Hals-, Lenden- und Brustwirbel. „Es war ein fürchterlicher Sturz, den ich gerne ausblende. Mein Pferd lag auf mir“, sagt der 50-Jährige. „Bahnarzt Peter Wind aus Hamburg hat mich im Vakuumbett in das Krankenhaus gebracht und mich vor dem Rollstuhl gerettet.“

Wind hat in der Rennsportszene den gleichen Rang und Ruf wie der Sportmediziner und Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt im deutschen Fußball. Der 65-jährige Wind arbeitet auch beim diesjährigen Derby-Meeting als Bahnarzt und wird national gebucht.

Wer zu wenig wiegt, bekommt als Ausgleich ein Bleigewicht

Um in ihrem Beruf erfolgreich zu sein, müssen Jockeys eine eiserne Disziplin haben, ständig aufs Gewicht achten. denn paar Kilogramm zu viel entscheiden über Sieg und Niederlage. „Ich zähle jeden Tag meine Kalorien, zusätzlich gehe ich vor Rennen in die Sauna, um den Rest auszuschwitzen“, sagt Dennis Schiergen. „Wir Jockeys verzichten auf vieles“, ergänzt der Kölner Student, der mit seinen 21 Jahren jüngster Teilnehmer des Derby-Meetings ist. „Als 18-Jähriger war meine größte Angst, das ich noch wachsen könnte.“

Schiergen passt auf, dass er nie mehr als 58 Kilogramm wiegt. Vor dem Rennen muss jeder Jockey mit Sattel, Gurt, Steigbügeln, Satteldecke plus Helm auf die Waage. „Wer zu wenig wiegt, bekommt als Ausgleich Bleigewicht in die Satteldecke“, sagt Dennis Schiergen. Damit niemand betrügen kann, satteln die Jockeys unmittelbar nach dem Wettkampf vor den Richtern ab und stellen sich erneut in voller Montur auf die Waage.

Beim Kampf gegen die Kilos zahlte der Hamburger Lokalmatador Cevin Chan einen hohen Preis. Er hungerte so stark, dass er wegen Kalziummangels zwei Ermüdungsbrüche im Fuß erlitt. „Mein Arzt sagte mir, dass ich die Knochendichte eines 70-Jährigen hätte“, sagt Chan, „seitdem achte ich mehr auf meine Gesundheit.“