Designierter DFB-Chef

Reinhard Grindel aus Harvestehude: Der Präsident

Reinhard Grindel, CDU-Bundestagsabgeordneter
des Wahlkreises Rotenburg I
– Soltau Fallingbostel

Reinhard Grindel, CDU-Bundestagsabgeordneter des Wahlkreises Rotenburg I – Soltau Fallingbostel

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Am Freitag wird Grindel als Nachfolger des zurückgetretenen Wolfgang Niersbach zum DFB-Chef gewählt. Ein ungewöhnlicher Neuanfang.

Hamburg. Es gab eine Zeit, als Reinhard Grindel so manch eine Leiche im Keller verschwinden lassen musste. Und zumindest im Schultheater des Helene-Lange-Gymnasiums in Eimsbüttel machte der gebürtige Hamburger das offenbar so überzeugend, dass man sich noch heute an Grindels denkwürdigen Auftritt als skurrilen Teddy Brewster im Stück „Arsen und Spitzenhäubchen“ erinnert. Ein hervorragender Schauspieler sei er gewesen, sagen Lehrer und Mitschüler, die bei der Schulaufführung vor rund 40 Jahren dabei gewesen waren.

Wenn Reinhard Grindel nun an diesem Freitag in Frankfurt am Main im Rahmen eines außerordentlichen DFB-Bundestags als Nachfolger des zurückgetretenen Wolfgang Niersbach zum mächtigsten Fußballfunktionär Deutschlands gewählt wird, dann vor allem aus zwei Gründen: erstens, weil der designierte Präsident des Deutschen Fußball-Bunds eben kein Schauspieler ist. Und zweitens, weil außer diesem Grindel so ziemlich jeder andere Funktionär noch immer etliche Leichen im Keller haben soll.

„Der Reinhard ist ’ne ehrliche Haut. Der spricht auch die unangenehmen Dinge an“, sagt Paul Metternich, Parteifreund des CDU-Bundestags­abgeordneten, Vereinskamerad und so eine Art inoffizieller Pressesprecher des inoffiziellen Grindel-Fanclubs. Der ehemalige Vollzugsbeamte ist der gute Geist von Rotenburg an der Wümme, wo es Grindel vor 14 Jahren aus politischen Gründen hingezogen hat. „Der Reinhard fackelt nicht lange“, schwärmt Metternich, „der räumt auf.“

Es ist noch früh am Vormittag, als Grindels Freund beim einzigen McDonald‘s-Restaurant in Rotenburg zum Mittagstisch bittet. Der „völlig Bekloppte“ (Metternich über Metternich) hat zwei Bildbände mit unzähligen Zeitungsartikeln über das fußballverrückte Rotenburg, Reinhard Grindel und vor allem über sich selbst mitgebracht. „Eines kann ich Ihnen versichern“, sagt der gebürtige Hesse zwischen zwei kräftigen Bissen in einen Hamburger, „so einen wie den Grindel habe ich noch nie erlebt. Der ist ein ganz anders denkender Typ, ein echtes Arbeitstier. Wenn der ein Ziel vor Augen hat, dann kann den niemand stoppen.“

2002 haben sich Metternich und Grindel in Rotenburg an der Wümme kennen- und schätzen gelernt. „Der Reinhard wollte für den Landkreis Verden und Rotenburg kandidieren“, erinnert sich Metternich, „ich sollte ihm dabei helfen.“ Mit einem umgebauten Wurstwagen zogen die beiden CDU-Politiker über die Märkte der niedersächsischen Provinz, machten knapp 90 Wahlkampftermine – und plauderten unterwegs „von morgens früh um 8 Uhr bis abends spät um 21 Uhr“ über Fußball, Politik und Fußballpolitik. „Da wurde mir klar, dass der Reinhard zu Größerem berufen ist“, sagt Metternich, der seinen Parteifreund zunächst mal vom Rotenburger SV überzeugte. Grindel wurde Pressesprecher, Kassenwart und Vorstandsmitglied. „Der hat nicht eine Vorstandssitzung verpasst“, sagt Metternich. „Der brauchte auch nie ein Protokoll, konnte sich alles merken.“

Das konnte der 54 Jahre alte Grindel schon immer. Bereits vor der bevorstehenden Wahl zum Fußballoberhaupt Deutschlands hat es der Ehrgeizling zu drei durchaus beachtlichen Karrieren als Journalist, Politiker und Verbandsfunktionär gebracht. Nach seinem Abitur am Helene-Lange-Gymnasium, wo er selbstverständlich Schulsprecher war, absolvierte der Harvestehuder als Stipendiat der Konrad-Adenauer-Stiftung an der Hamburger Universität sein erstes Staatsexamen in Jura und wurde zunächst mal Grindel, der Journalist. Radio beim RSH in Kiel, Print für die „Neue Osnabrücker Zeitung“ und schließlich auch Fernsehen in Bonn, Berlin und Brüssel. Da, wo die politische Musik gespielt wurde, hörte der leitende Redakteur aufmerksam zu, bis er dann selbst gehört werden wollte.

Grindel, der Politiker: Bereits mit 16 Jahren trat der Hamburger der Jungen Union bei, heute duzt er sogar Kanzlerin Angela Merkel. „Er redete, wie frisch dem Rhetorikkurs entsprungen“, sagt Harald Focke, der sich noch gut an den jungen CDUler erinnern kann. Focke war Lehrer am Helene-Lange-Gymnasium. „Damals waren die meisten Schüler entweder unpolitisch oder links. Die Grünen waren gerade in“, sagt Focke. Grindel und seine CDU waren out. Vor allem, nachdem der spätere Bundestagsabgeordnete eine Bürgerschaftsanfrage an die CDU gestellt haben soll, bei der er die politische Neutralität eines mutmaßlich zu linken Lehrers anzweifelte. Auch später soll Grindel mit harten Bandagen gekämpft haben. Ob im Kampf gegen (die überlegene) Susanne Rahardt um die Nachfolge von Ole von Beust als Landesvorsitzenden der Jungen Union oder später im konservativ geprägten Wahlkreis Rotenburg/Heidekreis gegen seinen (unterlegenen) SPD-Widersacher Lars Klingbeil. „Jeder hat erwartet, dass Reinhard später Berufspolitiker wird“, erinnert sich Focke.

Eine Karriere im Fußball hat dem gebürtigen Hamburger dagegen niemand zugetraut. Ein begnadeter Kicker sei er nun wirklich nicht gewesen, erinnern sich frühere Klassenkameraden, und im Sportunterricht sollen sogar die Mädchen vor ihm gewählt worden sein. „Einmal gab es ein Spiel zwischen den Schülern und Lehrern“, sagt Lehrer Focke, „da übernahm Reinhard die Rolle des Schiedsrichters.“ Doch auch ein Spaßspiel braucht in Grindels Welt ein bisschen Ernst, gerne auch im schwarzen Dress und mit kurzer Hose. „Ich weiß noch, dass er einen falschen Einwurf von mir abgepfiffen hat. Da war der Herr Grindel sehr energisch.“

Auf dem Fußballfeld hat Gert Burmeister, 72, Grindel nicht gerade als sehr energisch in Erinnerung. Im Mittelfeld ein wenig zu langsam, im Tor ein wenig zu ungeschickt. Stolz auf seinen einstigen Zögling ist der frühere Jugendtrainer dennoch. „Er ist doch ein echter Hamburger Jung. Ich finde es toll, dass es einer von uns bis ganz nach oben geschafft hat“, sagt Burmeister.

Der Pensionär sitzt in einem portugiesischen Café an der Osterstraße in Eimsbüttel und denkt angestrengt nach. „Der Herr Grindel war einer von mehreren Jungs, die jeden Tag im Innocentiapark gespielt und dann irgendwann bei Victoria im Verein angefangen haben. Mitte der 70er muss das gewesen sein, als ich die alle trainiert habe“, sagt Burmeister, der seit 1962 so ziemlich jede Funktion bei Victoria innehatte: Jugendtrainer, Betreuer, Jugendleiter, Schiedsrichter und Beisitzer im Jugendrechtsausschuss. „Immer ehrenamtlich“, sagt Burmeister und nickt selbstzustimmend.

Wenn Niersbach der Präsident der Beckenbauers und Netzers war, dann will Grindel der Präsident der Burmeisters werden. „Der DFB braucht nach all den Skandalen einen echten Neuanfang“, sagt Burmeister und rührt in seinem Milchkaffee. „Ich finde es gut, wenn da mal jemand ist, der sich auch ein wenig um die Amateure kümmert.“

Grindel, der Funktionär: Kaum jemand legte einen derart steilen Aufstieg im größten Sportverband der Welt hin wie der „DFB-Lobbyist“ (Deutschlandfunk). 2011 wurde er Vizepräsident des Niedersächsischen Fußballverbands, zwei Jahre später bereits Schatzmeister des DFB-Präsidiums und nun DFB-Präsident. „Ich möchte ein Präsident aller werden“, sagte Grindel, als direkt nach dem Bekanntwerden seiner Kandidatur Kritik aus dem Lager der Proficlubs laut wurde. Besonders bei den Ligavertretern um den Interimspräsidenten Reinhard Rauball und Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke war der DFB mit der frühen Festlegung auf Amateurvertreter Grindel auf Unmut gestoßen.

Doch auch politischen Gegnern gefiel die Nominierung Grindels so gar nicht. In einem offenen Brief, den unter anderem Grünen-Politiker Özcan Mutlu unterzeichnete, wurde Grindels Doppelrolle als DFB-Funktionär und Teil des Sportausschusses, der sich mit der undurchsichtigen Zahlung von 6,7 Millionen Euro beschäftigte, kritisiert. Auch eine Bundestagsdebatte über ein Gesetz zur Strafbarkeit von Abgeordnetenbestechung machte die Runde. 582 Abgeordnete stimmten dem Gesetz zu, drei waren dagegen, sieben enthielten sich. Und einer der sieben war der frühere Antikorruptionsbeauftragte des DFB, der nun in seiner neuen Rolle als DFB-Präsident Bestechung rund um das Sommermärchen aufzuklären hat.

„Das ist doch alles längst gegessen“, sagt Paul Metternich und schiebt sich im Schnellrestaurant an der B 75 nach Rotenburg einen letzten Bissen seines Burgers in den Mund. „Der DFB ist nun mal Politik. Und wer sollte da besser zurechtkommen als der Reinhard?“ Metternichs Rotenburg ist Grindels Fußballkosmos. Das wird vor allem deutlich, wenn man einen Abstecher zum Stadion des Landesligisten macht. Nicht Bayern München, Borussia Dortmund oder Schalke 04 waren es, die Grindel magisch anzogen. Es waren die mehr als 25.000 Amateurvereine, die 6,8 Millionen DFB-Mitglieder, die den künftigen Präsidenten begeisterten.

„Hier steht der Reinhard immer, wenn er denn mal da ist“, sagt Metternich, der nach dem reichhaltigen Mittag stolz das kleine Rotenburger Stadion samt Tribüne präsentiert. „Der kann beim Spiel auch mal laut werden“, sagt er. „Böse wird er aber nur, wenn einer den Schiedsrichter kritisiert.“

Neutralität sei für Grindel wichtig, erklärt Metternich. Selbst beim sechsjährigen Söhnchen Gustaf würde sich der zweifache Familienvater nicht einmischen. „Der Gustaf schläft in Bayern-Bettwäsche und kommt mit einem Trikot von den Stuttgarter Kickers zum E-Jugend-Training“, sagt Metternich und lacht. „Dabei war der Reinhard früher immer HSV-Anhänger.“

Als designierter DFB-Präsident müsse er neutral bleiben und sich zurückhalten

Ganz falsch sei das nicht, sagt Grindel, grauer Anzug, weißes Hemd, dunkle Krawatte, bei einem Redaktions­besuch des Abendblatts Anfang Februar. Als norddeutscher Fußballanhänger habe er auch Sympathien für Hannover 96, Werder Bremen und den FC St. Pauli. Als designierter DFB-Präsident müsse er aber neutral bleiben – und sich medial vorerst zurückhalten. „Sie müssen verstehen“, sagt er. Vor der Wahl wolle er keine offiziellen Interviews geben.

Der ehemalige Journalist weiß genau, was Journalisten nur zu gerne hören wollen. Der ehemalige Politiker weiß aber auch, was man als Fußballpolitiker besser nicht sagen sollte. „Ich muss gewählt werden, ich stelle mich ja dem Votum meiner Mitbürger. Das alles muss ein Journalist nicht tun. Sondern er kann mit dem Rotwein in der Hand und dem Computer vor sich fröhlich seine Meinung unter die Leute bringen, ohne dafür auch irgendwann – spätestens nach vier Jahren – Rechenschaft ablegen zu müssen“, sagte er dennoch mal dem NDR.

Als neuer DFB-Präsident wird Grindel nicht erst in vier Jahren Rechenschaft ablegen können. Nach den Skandalen und Skandälchen im Verband wird der Scheinwerfer von Anfang an auf seine Amtszeit gerichtet sein. Zu stören scheint das den Hamburger aber nicht, ganz im Gegenteil. Fußball sei nun mal sein Leben, sagt er und gibt dann doch zu, dass er als Jugendlicher vor allem dem HSV nahestand. Vielleicht tut er sich deswegen auch bis heute so schwer damit zu berichten, wo genau in Harvestehude er als Kind eigentlich gewohnt habe.

Grindel zögert. Es gibt 8877 Straßen in Hamburg. Er sei nahe der Ro­then­baumchaussee aufgewachsen, sagt der designierte DFB-Präsident und frühere HSV-Anhänger schließlich. An der Werderstraße.

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