WM-Skandal

Löw über Niersbach: "Den Wolfgang habe ich geschätzt"

Joachim Löw (l.) und Wolfgang Niersbach im August in Hamburg

Joachim Löw (l.) und Wolfgang Niersbach im August in Hamburg

Foto: Witters

Bundestrainer blendet DFB-Affäre aus. Sandrock gerät wegen Beckenbauer-Vertrag ins Zwielicht. Völler und Watzke bitten um Nachsicht.

Berlin/Hamburg. Franz Beckenbauer schweigt sich weiter über den Vertrag mit dem ehemaligen Fifa-Vizepäsidenten Jack Warner aus, Wolfgang Niersbach verabschiedet sich nach seinem Rücktritt als DFB-Präsident von den Mitarbeitern der Frankfurter Verbandszentrale, Fifa-Boss Sepp Blatter erholt sich vom Stress in einer Klinik - der Mittwoch hatte es in Sachen Skandale um die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 an Deutschland sowie allgemein um Korruption im Weltfußball wieder einmal in sich. Abendblatt.de hält Sie auch am Donnerstag auf dem Laufenden:

Löw blendet Fall Niersbach aus

15.30 Uhr: Joachim Löw sieht sich akut durch die Turbulenzen innerhalb des DFB nicht in seiner Arbeit als Bundestrainer beeinträchtigt. „In meiner Arbeit belastet mich das nicht“, sagte der 55-Jährige vor dem Länderspiel gegen Frankreich. Trotzdem mahnte Löw eine möglichst rasche Aufarbeitung der Zusammenhänge rund um die WM-Vergabe an: „Ich wünsche mir eine klare, schnelle, umfangreiche Aufklärung in dieser Sache.“

Löw brachte bei der internationalen Pressekonferenz in Paris noch einmal sein Bedauern über den Rücktritt von DFB-Präsident Wolfgang Niersbach zum Ausdruck: „Den Wolfgang habe ich geschätzt, er hatte immer ein offenes Ohr für sportliche Dinge.“ Gemeinsam mit Manager Oliver Bierhoff habe er die Thematik auch „in aller Kürze“ mit der Mannschaft thematisiert.

Landeschefs uneins in Ehrenamts-Frage

14.28 Uhr: In der DFB-Krise zeichnet sich bei den Landesverbänden Uneinigkeit darüber ab, ob der Präsident künftig haupt- oder ehrenamtlich tätig sein soll. Bei einer dpa-Umfrage plädierten einige Vertreter der 21 Landesverbände für eine Reform hin zu einem bezahlten DFB-Chef. „Ein Schatzmeister und ein Präsident im DFB mit der Verantwortung, und das im Ehrenamt, ist für mich ein Witz“, sagte der Sachse Klaus Reichenbach. Karl Rothmund aus Niedersachsen fand mit Verweis auf den Aufwand und die Vernetzung mit Fifa und Uefa, „dass man das nicht mehr ehrenamtlich leisten kann“.

Andere wollen am Status quo festhalten. „Der Präsident sollte auf jeden Fall ein Ehrenamtler bleiben“, sagte Hermann Korfmacher vom Fußball- und Leichtathletik-Verband Westfalen. Der Brandenburger Siegfried Kirschen meinte: „Das Generalsekretariat ist stark genug, um alle Arbeiten zu erledigen.“ Bernd Schultz aus Berlin unterstrich: „Ich halte die ehrenamtliche Lösung weiter für tragfähig.“ Auch Dirk Fischer aus Hamburg ist für die Beibehaltung des Ehrenamts.

Einige wiederum meinten, dass mittelfristig kein Weg am Hauptamt vorbeiführe, dies aber vorbereitet sein müsse. „Schnellschüsse bringen jetzt nichts“, meinte Thomas Schmidt vom Südbadischen Fußballverband. Eine Änderung könnte der DFB-Bundestag mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit beschließen.

Auch Sandrock gerät ins Zwielicht

13.51 Uhr: Niersbach soll schon länger von dem ominösen Vertragsentwurf zwischen Beckenbauer und Warner gewusst haben. Dies berichten übereinstimmend das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ und die „Süddeutsche Zeitung“. Neben Niersbach soll auch der amtierende Generalsekretär Helmut Sandrock von dessen Stellvertreter Stefan Hans über das Schreiben informiert worden sein, schrieb die „SZ“. Damit gerät Sandrock erstmals in der WM-Affäre ebenfalls ins Zwielicht.

Niersbach hatte jegliches Wissen um einen Bestechungsversuch bei der Vergabe zur WM 2006 abgestritten. Der DFB wollte sich wegen laufenden Ermittlungen in beiden Medien nicht zu den neuen Details äußern und war auf Anfrage nicht zu erreichen.

Das Papier hatte dem damaligen Fifa-Wahlmann Warner aus Trinidad und Tobago Vorteile garantiert, es ist aber unklar, ob dies je umgesetzt wurde. Das Schreiben soll von Hans im Archiv des Verbandes entdeckt worden sein, nachdem die Recherchen nach der dubiosen 6,7-Millionen-Euro-Zahlung des DFB an die Fifa begonnen hatten.

Hans hat nach Angaben der „SZ“ in einem Brief den Mitgliedern des DFB-Präsidiums mitgeteilt, dass er damals Niersbach und Generalsekretär Sandrock unverzüglich telefonisch von seinem Fund in Kenntnis gesetzt habe - und zwar vor der Pressekonferenz Niersbachs am 22. Oktober. Damals konnte der 64-Jährige viele Fragen nicht beantworten, sagte aber: „Die Kernbotschaft ist: Es ist bei der WM-Vergabe 2006 alles mit rechten Dingen zugegangen. Es hat keine schwarzen Kassen gegeben, es hat keinen Stimmenkauf gegeben.“

Niersbach selbst hatte am Mittwoch noch Hans gegen den Vorwurf in Schutz genommen, wonach dieser Informationen nicht weitergeleitet habe. Dieser sei seit über zehn Jahren einer seiner wichtigsten Mitarbeiter und habe ihn „konkret ausgiebig informiert“. Allerdings sprach Niersbach dabei nicht explizit von dem brisanten Dokument. Er hatte nach eigenen Angaben im vergangenen Sommer interne Ermittlungen eingeleitet, um den Verbleib einer dubiosen 6,7-Millionen-Euro Zahlung des DFB an die Fifa aus dem Jahr 2005 zu klären.

Das nun aufgetauchte brisante Schreiben hatte zuletzt DFB-Interimspräsident Rainer Koch bestätigt. Unterschrieben hat das Papier laut DFB-Darstellung Beckenbauer, den Entwurf soll der einstige OK-Vizepräsident Fedor Radmann paraphiert haben. Vier Tage vor der Abstimmung zur WM-Vergabe waren demnach dem inzwischen wegen Korruption gesperrten Fifa-Vizepräsidenten Warner „diverse Leistungen“ zugesagt werden.

Nach Angaben des „Spiegel“ hat Niersbach seine Präsidiumskollegen über das Dokument nicht informiert. Diese stießen durch die externen Prüfungen durch die Frankfurter Wirtschaftskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer darauf. Die DFB-Vizepräsidenten Koch und Reinhard Rauball, die am Montag vorerst das Führungsamt von Niersbach übernahmen, sowie Schatzmeister Reinhard Grindel sollen Niersbach daraufhin zur Rede gestellt haben. Stunden später folgte der Rücktritt des DFB-Chefs.

Grindel will Präsidentenfrage bis zur EM klären

13.42 Uhr: Nach Grindels Ansicht (mehr zur Person: siehe voriger Eintrag) soll die Niersbach-Nachfolge bis zum Sommer 2016 geklärt werden. „Ich teile die Auffassung von Dr. Rainer Koch, dass wir bis zur Europameisterschaft vollständig neu aufgestellt sein sollten“, sagte der DFB-Schatzmeister dem „Express“.

Koch führt den DFB seit dem Rücktritt Niersbachs am Montag übergangsweise mit Ligapräsident Reinhard Rauball als Doppelspitze. Grindel gilt als Favorit der Amateurvertreter auf den DFB-Chefposten, hat sich aber zu eigenen Ambitionen bislang zurückhaltend geäußert. Ligapräsident Rauball hatte gemahnt, dass Schnellschüsse „nicht sinnvoll“ seien und man die Zeit bis zum turnusmäßigen Bundestag im November 2016 in Erfurt nutzen müsse

Der 54-jährige Grindel betonte, dass Entscheidungen sowohl vom Amateur- als auch vom Profibereich unterstützt werden müssten. „Eine einvernehmliche Lösung, wie von Präsidium und Vorstand angestrebt, ist angesichts der großen Herausforderungen für den DFB der richtige Weg: Es geht um eine Lösung, die breite Akzeptanz innerhalb von Ligaverband und Landesverbänden hat“, sagte er.

Neuer DFB-Chef? Das ist Reinhard Grindel

13.24 Uhr: In der Diskussion um die Niersbach-Nachfolge taucht sein Name häufiger auf, als ihm selbst wohl lieb ist. Dennoch scheinen viele Reinhard Grindel das Präsidenten-Amt bei dem durch die Affäre um die WM 2006 angeschlagenen größten Sport-Fachverband zuzutrauen.

Der CDU-Bundestagsabgeordnete hat noch eine vergleichsweise kurze Funktionärs-Vita im Sport aufzuweisen. Doch in dieser kurzen Zeit sammelte der Vater von zwei Söhnen bereits mehrere Ämter. So war er von 2011 bis 2014 Vizepräsident des Niedersächsischen Fußball-Verbandes (NFV). Seit Oktober 2013 ist er nun Schatzmeister des DFB und gehört zum höchsten Führungszirkel im Verband.

Wie Niersbach und der derzeit suspendierte Fifa-Noch-Chef Joseph Blatter begann der 54-Jährige seine berufliche Laufbahn als Journalist. Der gebürtige Hamburger und studierte Jurist leitete unter anderem die ZDF-Studios in Brüssel und Berlin, ehe er in die große Politik wechselte. Seit 2002 sitzt er für den Wahlkreis Rotenburg/Wümme im Bundestag. Unter anderem ist er derzeit stellvertretender Vorsitzender des Sportausschusses.

Seine Doppelrolle als DFB-Schatzmeister und Mitglied des Sportausschusses nutzte die Opposition zuletzt für Angriffe auf Grindel. Auf der Sitzung des Bundestags-Gremiums zum WM-Skandal in der vergangenen Woche attackierten Grünen-Politiker Özcan Mutlu und André Hahn von den Linken ihren Ausschuss-Kollegen.

Rauball hofft auf Imagekorrektur

10.34 Uhr: Ligapräsident und DFB-Interimschef Reinhard Rauball hofft auf eine Imagekorrektur des deutschen Fußballs. „Es muss die gemeinsame Aufgabe aller Verantwortungsträger sein, durch Aufklärung und Transparenz Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, damit der deutsche Fußball nicht unter Generalverdacht gestellt werden kann“, sagte der 68-Jährige in einem "Kicker"-Interview. Rauball räumte ein: „Der DFB befindet sich derzeit in einer großen Krise.“

Der Präsident von Borussia Dortmund hat nach dem Rücktritt von DFB-Boss Wolfgang Niersbach gemeinsam mit Vizepräsident Rainer Koch die Spitze des Weltmeister-Verbandes übernommen. „In erster Linie geht es um rückhaltlose Aufklärung. Wir müssen wissen, was wahr ist und was falsch. Dann geht es darum die richtigen Lehren zu ziehen“, betonte Rauball.

Diese beiden Punkte seien eine große Herausforderung, „die längere Zeit in Anspruch nehmen wird und eine Gemeinschaftsaufgabe für den gesamten deutschen Fußball darstellt. Auf die komplexen Fragen müssen wir für die Öffentlichkeit klare und einfache Antworten finden.“ Nur so könne das Vertrauen „mühsam“ wieder zurückgewonnen werden.

Völler, Tönnies und Watzke stützen den "Kaiser"

10.16 Uhr: In der Sommermärchen-Affäre mahnt Rudi Völler an, die Leistungen von Franz Beckenbauer trotz aller Vorwürfe gegen ihn rund um die Vergabe der WM 2006 anzuerkennen. Der Sportdirektor von Bayer Leverkusen sagte der „Bild“-Zeitung (Donnerstagausgabe): „Bei aller Aufklärungsarbeit sollte niemand vergessen, was Franz Beckenbauer für den deutschen Fußball getan hat.“

Der 70-jährige Beckenbauer unterschrieb laut DFB vier Tage vor der WM-Vergabe eine Vereinbarung mit dem inzwischen lebenslang gesperrten Funktionär Jack Warner aus Trinidad und Tobago. Dem Verband des damals stimmberechtigten Fifa-Exekutivmitglieds seien Leistungen von deutscher Seite zugesagt worden. Beckenbauer hat dazu öffentlich noch keine Stellung genommen.

Unterstützung für Beckenbauer kommt auch von Schalke-Aufsichtsratschef Clemens Tönnies. „Franz Beckenbauer ist für mich die Lichtgestalt des deutschen Fußballs, sagte Tönnies der „Bild“. „Ich glaube, dass er nun seinen Teil zur Aufklärung der im Raum stehenden Fragen leisten wird.“

Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund, sagte: „Franz wollte die Weltmeisterschaft unter allen Umständen nach Deutschland holen. Nicht für sich, sondern für die Deutschen.“

Am MIttwoch hatte sich bereits Bayerns Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge demonstrativ hinter den Ehrenpräsidenten der Münchener gestellt. "Ich würde mir einen etwas sensibleren Umgang mit der Person Franz Beckenbauer wünschen, weil ich glaube, dass auch der DFB durchaus der Person viel zu verdanken hat“, sagte Rummenigge.

Fifa lässt nur fünf Kandidaten zu

9.59 Uhr: Im Kampf um die Nachfolge von Joseph Blatter als Fifa-Präsident ist ein weiterer Anwärter aus dem Rennen. Das Ad-hoc Wahlkomitee des Weltverband ließ vorerst nur fünf Bewerber zur Kür am 26. Februar in Zürich zu und verwehrte gleichzeitig Musa Bility die Kandidatur. Das teilte die Fifa am Donnerstag mit.

Der Verbandspräsident aus Liberia sei durch den Integritätscheck der Fifa-Ethikkommission gefallen. Die genauen Gründe sollen aus „Gründen des Persönlichkeitsschutzes“ nicht genannt werden. Bility kann gegen die Entscheidung Einspruch beim Internationalen Sportgerichtshof einlegen.

Der Jordanier Prinz Ali bin al-Hussein, der französische Uefa-Generalsekretär Gianni Infantino, dessen Landsmann Jérôme Champagne, der asiatische Verbandschef Scheich bin Ibrahim Al Chalifa und Tokyo Sexwale aus Südafrika wurden zur Wahl zugelassen.

Über die Bewerbung von Michel Platini wurde noch nicht befunden. Der Integritätscheck kann bei dem Franzosen derzeit nicht durchgeführt werden, weil der Chef der Europäischen Fußball-Union momentan von den Fifa-Ethikhütern für 90 Tage gesperrt ist. Sollte der Bann vor der Wahl aufgehoben werden oder auslaufen, entscheidet das Wahlkomitee, wie mit ihm weiter verfahren wird.

Das Wahlkomitee hatte bereits der Kandidatur des früheren Profis David Nakhid aus Trinidad und Tobago die Anerkennung verweigert, weil er die Stimme eines Verbands eingebracht hatte, der auch einen weiteren Bewerber unterstützt. Die Kandidaten mussten die Unterstützung von mindestens fünf Fifa-Mitgliedsverbänden nachweisen.