Schwimmen

Karriere kurios: Das neue Leben des Markus Deibler

Markus Deibler vor
seiner Eisdiele auf
St. Pauli. Auf der
25-Meter-Bahn
wurde er Weltmeister
und viermal
Europameister

Markus Deibler vor seiner Eisdiele auf St. Pauli. Auf der 25-Meter-Bahn wurde er Weltmeister und viermal Europameister

Foto: Roland Magunia / HA

14 Monate nach seinem Rücktritt springt der Hamburger Schwimmweltmeister wieder ins Wasser – aber nur für einen Nachmittag.

Hamburg.  Das ist die Nachricht, auf die seine Fans lange warten mussten: Markus Deibler gibt an diesem Sonnabend im Olantis-Huntebad in Oldenburg sein Comeback! „Nein, nein, das ist kein Comeback!“, stellt der zurückgetretene Weltmeister allerdings umgehend klar, „das ist eher ein Gefallen meinem Verein gegenüber.“

Sein Verein, der Hamburger Schwimm-Club, nimmt an der deutschen Mannschaftsmeisterschaft der Zweiten Bundesliga teil. „Da brauchen wir halt ein paar Leute, die schnell schwimmen können“, sagt der 26-Jährige trocken. „Und ich mache immer noch mehr Punkte als viele andere im Club.“ Kein Lächeln, nirgends. Er meint das so emotionslos-pragmatisch, wie es mit seiner tiefen Stimme klingt.

Seinen Rücktritt am 16. Dezember 2014 im besten Schwimmeralter von 24, wenige Tage nach dem Gewinn des WM-Titels über 100 Meter Lagen in Weltrekordzeit, hat er noch nicht eine Millisekunde bereut. Am 7. Dezember 2015, auf den Tag genau ein Jahr nach seinem Triumph in Doha (Katar), ging er erstmals wieder trainieren, im Hallensportbad Biberach. Und das auch nur, weil er drei Wochen lang auf Weihnachtsbesuch in seiner Heimatstadt war „und meine Eltern ab und zu gern schwimmen gehen und ich etwas mit meinen Eltern machen wollte“.

Der Mann mit dem vom Schwimmgott gegebenen Körper (1,97 Meter/97 Kilogramm) ist immer noch schnell. Als er spontan vor zwei Wochen für seinen Ex-Sponsor Head im österreichischen Dornbirn außer Konkurrenz an einem Event teilnahm, gewann er alle Strecken. Die 50 Meter Brust in 28,9 Sekunden, die 50 Meter Kraul in 22,6 (seine Bestzeit: 21,7) und die 50 Meter Schmetterling in 24,1. „Obwohl ich mich voll unprofessionell verhalten habe“, erzählt er fröhlich und rebellisch – fast ein bisschen stolz.

Abends war er noch auf einem Geburtstag, machte die Nacht durch und stieg morgens ins Flugzeug, „ich habe mich null warm gemacht, hatte vier Stunden meine enge Badehose an, hab zwischendurch Kindern jede Menge Autogramme gegeben, und die Bahnen bin ich auch nicht ausgeschwommen, sondern bin einfach heimgegangen.“

Deibler liebt seine neue Freiheit. Er ist ausgebrochen aus diesem Leistungsschwimmerleben, das sich nur nach Trainingsplänen richtete. Einfach keinen Bock mehr. „Wenn’s nach Lust gegangen wäre, hätte ich nicht einmal abtrainiert.“ Aber das machte er für seine Gesundheit. Ein halbes Jahr fünfmal pro Woche eine Stunde Ausdauertraining. Er hatte die Wahl zwischen: Schwimmen, Laufen und Radfahren.

Mit dem naheliegenden Schwimmen hatte er es probiert. Im Februar 2015 stand er am Beckenrand des Olympiastützpunkts am Alten Teichweg, wo er jede Fuge kennt, und merkte: „Boa, ich habe gar keinen Bock.“ Laufen mochte er auch nicht, er sei zu schwer, und im letzten Karrierejahr war ihm das einstündige Laufbandlaufen in der Höhenkammer zuwider. „Das war saulangweilig!“ Also fuhr er fünfmal die Woche mit dem Mountainbike um die Alster oder am Hafen entlang.

Deibler machte in dem Jahr eben das, was andere Mittzwanziger so machen. Er ließ keine Geburtstagsfeier mehr aus, blieb mal nächtelang wach und aß, was er in den vielen asketischen Jahren vermisst hatte: Burger und Pommes. „Mir war es nicht mehr wichtig, richtig schlank zu sein. Nach einem Dreivierteljahr hatte ich genug Burger gegessen und dachte mir: Toll, jetzt hast du nur Scheiße gefressen. Es wäre schon auch schön, wieder einen coolen Körper zu haben.“ Deibler wollte keiner dieser Ex-Sportler sein, die auseinandergehen. Er geht wieder regelmäßig ins Fitnessstudio. Klimmzüge schafft er inzwischen mehr als während der Karriere (20 statt 17). Außerdem isst er seit zehn Wochen keine Kohlenhydrate mehr, mit jeweils einem „Cheat­day“ (einem Schummeltag). Von den zwischenzeitlich 105 Kilogramm ist er längst wieder bei seinem WM-Gewicht (97 Kilo) angelangt.

Er ist ja nicht plötzlich von einem ehrgeizigen Erfolgssportler zu einem Luftikus-Lebemann geworden. „Ich wollte mich nicht weniger anstrengen, sondern wieder etwas machen, worauf ich richtig Bock habe.“ Auch als Jungunternehmer mit seiner Eisdiele Luicella’s in der Detlev-Bremer-Straße auf St. Pauli wolle er „ähnlich wie beim Schwimmen am Ende des Tages Erfolg haben“. Dafür arbeiten er und seine Geschäftspartnerin Luisa Mentele in der Eissaison manchmal 14 oder 15 Stunden am Tag. Sie sagt, es habe auch Vorteile, dass der Markus solche Muskeln habe. Kühlschränke schleppt Deibler weltmeisterlich. Nur in dem dreirädrigen Firmenwagen mit der Ladefläche, Modell Piaggio Ape, kann er sich kaum bewegen, wenn er damit fährt.

In seiner neuen Wohnung inBarmbek-Süd hängt keine Medaille

Von Dezember bis Februar haben die zwei den Laden zwischenvermietet. Ein Bekannter von einer Geburtstagsparty ist mit seinem schwedischen Pop-up-Coffee-Shop eingezogen. Aber auch im Winter ist Deibler keineswegs untätig. Am vergangenen Sonnabend unterschrieb er einen Mietvertrag für einen zweiten, viermal so großen Laden in der Langen Reihe 113. Die Eröffnung ist für Mitte März geplant. Auf 45 Qua­dratmeter Verkaufsfläche mit Stühlen drinnen und draußen werde es nicht nur Kugeln der täglich wechselnden Sorten wie Franzbrötchen und Rote-Bete-Ananas-Ingwer geben, „sondern wir werden richtig geile Eisbecher machen und viel Toffee ins Eis mischen“.

Längst liegt Luicella’s-Eis auch in Kühltruhen verschiedener Edeka-Märkte in Hamburg und Biberach und im Rewe von St.-Pauli-Urgestein Holger Stanislawski. Für die Supermärkte konnten sie das Eis nicht mehr per Hand aus ihren zwei Eismaschinen im Laden in die Packungen streichen. Deibler investierte im vergangenen Sommer in eine Eisfüllanlage in Ratzeburg. Der frühere Besitzer Manfred Keyser wollte mit Anfang 80 seine Anlage abgeben. Seine Kinder interessieren sich nicht für Eis. „Herr Keyser hatte im Abendblatt einen Artikel über mich gelesen. Er dachte, ich könnte der Richtige sein. Und hat mich angerufen.“

Im Sommer während Olympia ist wieder Eissaison. Der Mann mit den eintätowierten fünf Ringen am rechten Oberarm wird also nicht nach Rio fliegen. „Ich war als Sportler zweimal dabei. Jetzt als Zuschauer hinzufahren, das würde ich nur machen, wenn ich Zeit hätte und es umsonst wäre.“ Er habe keine 2500 Euro Reisekasse mal eben übrig. „Es sind ja am Anfang alle Sponsorenverträge weggefallen, und es ist als Schwimmer in Deutschland nicht möglich, mega Rücklagen zu bilden. Man schwimmt nicht im Geld.“ Wenn sein älterer Bruder Steffen, 28, in Rio seine Bahnen zieht, wird Markus am Fernseher mitfiebern.

„Steffen hat Spaß daran, Leistungssportler zu sein und das voll zu leben. Ich bin überzeugt davon, dass er nach Rio weitermacht.“ Im Dezember in Biberach stemmten sie mal zusammen im Kraftraum Gewichte. „Kurz Steffen in seiner Olympiavorbereitung demoralisieren“, tönte Markus dazu auf seiner Facebookseite. Aber Steffen sei ja auch 25 Kilo leichter, sagt der stärkere und zwölf Zentimeter größere Markus. Er, der „kleine“ Bruder, hatte immer das größere Talent und die besseren körperlichen Voraussetzungen. Aber eben viel weniger Freude am Training.

Markus Deibler hat für sich den perfekten Absprung vom Schwimmbecken geschafft. Gekrönt mit der Wahl zu Hamburgs Sportler des Jahres 2014. „Gibt’s ja auch nicht mehr“, merkt er an. In seiner neuen kleinen Wohnung in Barmbek-Süd, in die er aus dem benachbarten Winterhude gezogen ist, hängt keine Medaille. Nur „dieses Glasding“ der Sportlerwahl steht auf seiner Fensterbank im Wohnzimmer.

Wie stellt er sich seine Zukunft vor? Mit seiner Freundin Linda aus Biberach ist er seit etwa eindreiviertel Jahren zusammen. Linda ist im Juli mit ihrem Referendariat fürs Sonderschullehramt fertig und will dann zu ihm in den Norden ziehen. Und ja, Kinder seien irgendwann ein Thema. „Aber ich muss ein geregeltes Einkommen haben, beide Läden dürfen erst einmal gut laufen“, sagt der Schwabe. „Und zweitens habe ich im Moment überhaupt keine Zeit.“ In den nächsten fünf Jahren will er erst einmal reinpowern mit Luicella’s. Seit sechseinhalb Jahren ist er nun in Hamburg. Vielleicht zieht es ihn mittelfristig in seine süddeutsche Heimat zurück. Vielleicht bleibt er auch hier. Bei dem Thema schwimmt er noch.