St. Pauli

Für Deibler hat die Eiszeit gerade begonnen

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Daniel Schaefer

St. Pauli.  Schwimm-Profi, das war er. Weltmeister wird er immer sein. Und Eis-Verkäufer, das ist er im Moment. Markus Deibler, 25 Jahre alt, der im Januar für viele völlig überraschend seine Karriere beendet hatte, orientiert sich gerade völlig neu. Beruflich, als Eisdielen-Inhaber, und privat probiert er sich in einem Leben, das nicht von Trainingsplänen und Wettkampfplanung diktiert wird.

Deibler, der gerade aus einem Urlaub auf Sri Lanka zurückgekehrt ist, konzentriert sich derzeit auf seine Eisdiele „Luicella’s”, die er seit 2013 gemeinsam mit Luisa Mentele an der Detlev-Bremer-Straße auf St. Pauli betreibt.

„Wenn man sein Leben dem Leistungssport verschreibt und vorne mit dabei sein will, muss man alles geben und jeden Tag hart trainieren“, sagt er. Die Zeit dazwischen sei nicht wirklich Freizeit, sondern Ruhe- und Regenerationsphase. Daran müsse man sein Leben ausrichten. Der Sport habe absolute Priorität und alles andere müsse sich unterordnen.

Seine neue Lebenssituation bewertet der Ex-Schwimmstar noch etwas zwiespältig. Einerseits könne er mittlerweile viel spontaner Dinge unternehmen, auf die er bisher verzichten musste. Andererseits gehe es jetzt aber auch darum, ein großes Zeitfenster sinnvoll zu füllen. „Ich habe von Leuten gehört, die nach ein paar Monaten voll in ein Loch fallen, weil sie nicht wissen, was sie mit sich anfangen sollen. Davor habe ich aber keine Angst. Ich kann mich sehr gut beschäftigen“, so Deibler. „Mir wird nicht langweilig, wenn ich quasi mal nichts zu tun habe.“

Deibler hatte seinen Rücktritt bekannt gegeben, kurz nachdem er im Dezember bei der Kurzbahn-WM in Doha Weltmeister über 100 Meter Lagen geworden war. Die Entscheidung zu diesem Zeitpunkt bezeichnet er als „genialen Abschluss“. Er habe überhaupt nicht mit dem Titel gerechnet, so Deibler, eher mit dem vierten oder fünften Platz. Doch wann reifte überhaupt Deiblers Plan, die Karriere an den Nagel zu hängen? „Das erste Mal darüber nachgedacht habe ich am Anfang der Saison“, so Deibler. Die Entscheidung habe sich dann langsam herauskristallisiert, ohne konkreten Anlass.

Während seiner Zeit als Profisportler hat Deibler nach eigenem Bekunden „Selbstbestimmtheit“ am meisten vermisst. „Als Leistungssportler musst du abends früh genug ins Bett gehen, damit du genug Schlaf bekommst, darfst keinen Alkohol trinken und musst dein ganzes Leben auf den Sport ausrichten, wenn du vorne dabei sein willst. Das ist schon hart.“ Er wolle die Zeit aber nicht nur schlecht darstellen. „Es war auch wirklich cool, man kommt viel rum und hat im besten Fall auch noch Erfolg. Aber irgendwann ist dann auch gut“, so seine Bilanz.

Deibler ist mit sich im Reinen. „Ich habe keinen Moment an meiner Entscheidung gezweifelt.“ Auch körperlich geht es ihm gut, er hat inzwischen mit der Phase des Abtrainierens begonnen. „Ich habe jetzt automatisch auch viel weniger Hunger. Zwischenzeitlich hatte ich mal ein paar Kilo zugenommen, mittlerweile wiege ich wieder genauso viel wie zur WM – obwohl ich auch viel Müll gegessen habe.“

Ins Fitness-Studio geht er natürlich noch. „Wenn man auf Aussehen statt auf Leistung trainiert, kann man das mit viel weniger Aufwand erreichen.“

Deibler beruflicher Mittelpunkt, das „Luicella’s“, ist auf St. Pauli, sein Lebensmittelpunkt aber nicht. „Der Olympiastützpunkt liegt in Dulsberg, daher hatte es für mich keinen Sinn gemacht, auf St. Pauli zu wohnen“, so Deibler. Er wohnt jetzt in Barmbek und findet es dort auch „ganz cool“. St. Pauli sei aber ein sehr spannendes Viertel und er habe jetzt auch endlich die Zeit, vor Ort zu sein und etwas zu unternehmen.

Die Eisdiele sei mittlerweile sehr erfolgreich. „Wir haben im ersten Jahr viel und im zweiten Jahr noch mehr Eis verkauft“, so Deibler. „Aber wir haben auch sehr hohe Kosten, da wir weder beim Material noch bei den Zutaten sparen. Wir nehmen zum Beispiel nur frische Pistazien, was natürlich wesentlich teurer und auch zeitintensiver ist. Aber am Ende schmeckt man den Unterschied.“ Deibler ist sicher: „Billig bringt’s nicht.“ Sobald die Eissaison losgeht, will sich Deibler bei Luicella’s „voll reinhängen.“ Aktuell überlege er, gemeinsam mit Luisa Mentele einen zweiten Laden aufzumachen.

Auf die Frage, ob er demnächst häufiger im Laden stehen werde, muss Deibler nicht lange überlegen. „Mit Sicherheit“, kündigt er an. „Wir sind noch ein vergleichsweise junges Unternehmen, da muss man überall dabei sein. Ich mache das, was getan werden muss – egal ob Einkaufen oder Tresendienst.“ Die Entwicklung neuer Eissorten sei eher der Bereich von Luisa Mentele – „ich probiere dann aber immer gerne und gebe meine Meinung ab“.

Und wie lautet Markus Deiblers Empfehlung für den kommenden Sommer? „Wow, wir haben 250 Sorten, das ist gar nicht so einfach“, sagt er lachend. „Was ich im Sommer sehr gut finde, ist Zitrone-Basilikum.“ Einen Weltmeister-Becher gibt es in der Eisdiele – anders als oft behauptet – aber nicht. Noch nicht.

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