Boxen

Trainer Ulli Wegner: Warum Fritz Sdunek mir fehlt

Ulli Wegner und Fritz Sdunek waren trotz aller Konkurrenz Freunde

Ulli Wegner und Fritz Sdunek waren trotz aller Konkurrenz Freunde

Foto: Marcelo Hernandez

Tiefschürfendes Interview mit dem Kult-Coach. Ulli Wegner über Rivalität, den Tod und die Farce von Wladimir Klitschko.

Hamburg. Schweigen ist nicht die Eigenschaft, die man gemeinhin mit Ulli Wegner verbindet. Das wird an diesem Sonnabend (23.55 Uhr/Sat.1) wieder zu besichtigen sein, wenn sein Halbmittelgewichtler Jack Culcay, 30, in der Wilhelmsburger Inselparkhalle seinen Interims-WM-Titel der WBA gegen den in Australien lebenden Iren Dennis Hogan, 30, verteidigt.

Aber am Grab seines ärgsten Rivalen und gleichzeitig guten Freundes Fritz Sdunek, der am 22. Dezember des vergangenen Jahres im Alter von 67 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts verstarb und nahe der Kapelle 13 auf dem Friedhof Ohlsdorf begraben ist, versinkt Deutschlands bekanntester Boxtrainer in minutenlanges Schweigen. „Weißt du, wie der Fritz mir fehlt?“, fragt er, als die Emotionen wieder unter Kontrolle sind, „es ist, als hätte man aus meinem Leben ein Stück herausgerissen.“

Hamburger Abendblatt: Herr Wegner, erinnern Sie sich noch, was in Ihnen vorging, als Sie die Nachricht von Fritzes Tod erhielten?

Ulli Wegner: Ich saß an meinem Esstisch und las Zeitung, als ich einen Anruf von Ahmet Öner erhielt (Sduneks Schwiegersohn, die Red.), der mir die Nachricht überbrachte. Meine Frau schaute mich an und fragte, was mit mir los sei. Ich konnte nicht antworten. Es war, als würde kurzzeitig alles schwarz. Dann fragte sie wieder, und alles, was ich sagen konnte, war: ‘So eine Scheiße, der Fritz ist tot’.


Sie waren viele Jahre im DDR-Leistungssport Kollegen, danach im Profilager erbitterte Rivalen, immer aber auch Freunde. Gibt es Momente, in denen Ihnen Fritz besonders fehlt?

Wegner: Er fehlt mir als Rivale, aber vor allem fehlt er mir als Mensch. Er war ein einzigartiger Charaktertyp, eine Sorte Mensch, von der es nicht mehr viele gibt. Er hat sich immer für andere aufgeopfert. Wir haben uns im Trainingslager oft die Bude geteilt, und da hat er für mich meine Wäsche gewaschen. Nachts klopften Sportler an der Tür, denen etwas wehtat, die hat Fritz dann massiert. Er hat immer für alle gegrillt. Einmal zu DDR-Zeiten, als wir gemeinsam im Trainingscamp waren, habe ich ihn ausgeschimpft, weil er sich dafür verantwortlich gefühlt hat, seine Jungs zu wecken, damit die pünktlich sind. Da hatten wir uns richtig in der Wolle. Am nächsten Tag hat er mich gefragt, warum ich ihm so böse gewesen sei. Da habe ich nur geantwortet: ‘Dir kann ich gar nicht böse sein.’ Und so war es. Niemand konnte das, weil er ein so herzensguter Mensch war.

Sie sind beide höchst erfolgreiche Profitrainer geworden, allerdings mit verschiedenen Ansätzen. Fritz als der einfühlsame Vater, sie eher als der strenge Herrscher. Warum hat beides so gut funktioniert, und was hat Sie bewogen, Ihren Weg zu gehen?

Wegner: Fritz und ich sind beide Egoisten gewesen, die aber letztlich nur das Wohl der Sportler im Blick hatten. Uns hat geeint, dass wir beide als Trainer das erreichen wollten, was uns als Athleten nicht gelungen ist. Mein Ansatz war eben, dass es dazu Strenge und Gehorsam braucht. Fritz war sicherlich liebevoller und humaner als ich. Was unser Verhältnis jedoch ausgezeichnet und geprägt hat, das war, dass wir dem anderen nie etwas geneidet haben. Fritz und ich konnten uns immer gegenseitig beglückwünschen, wir haben immer alles ausgesprochen, was zwischen uns stand. Wir waren wirklich echte Freunde.


Ausgerechnet nach Ihrem letzten Duell als Trainer im August 2014, Sie mit Yoan Pablo Hernandez, Fritz mit Firat Arslan, haben Sie ihm im Scherz die Freundschaft gekündigt, nachdem er das knappe Urteil zugunsten Ihres Boxers kritisiert hatte. Haben Sie das später einmal bedauert?

Wegner: Unsinn, denn es war ja nicht ernst gemeint. Noch im Kabinentunnel haben wir uns nach der Pressekonferenz, auf der der Streit passierte, in den Arm genommen. Fritz war dort sehr melancholisch, er sagte nur: ‘Ulli, ich kenne dich doch.’ Da ist überhaupt nichts hängen geblieben. Und doch wird dieses kurze Gespräch für immer in meinem Kopf bleiben, weil es das letzte Mal war, dass wir nach einem Duell miteinander geflachst haben.


Das war die Trauerfeier für Fritz Sdunek

Nun sind Sie der letzte große Boxtrainer in Deutschland, haben vor zwei Wochen in Hannover Ihren 100. WM-Kampf als Trainer bestritten. Wie kommen Sie mit dem Kult klar, der um Ihre Person betrieben wird?

Wegner: Es kommt durchaus vor, dass ich zu Hause auf dem Sofa liege und mich frage, was eigentlich mit mir passiert ist in meinem Leben. Als Zwölfjähriger stand ich in meinem Heimatort Penkun auf dem Marktplatz und träumte davon, ein großer Star zu werden. Heute bin ich zwar sehr bekannt, aber ich fühle mich nicht wie ein Star. Ich bin glücklich über diese Anerkennung, aber ich versuche auch, sie immer wieder neu zu bestätigen. Ich kann nur sagen, dass ich riesiges Glück gehabt habe, dass ich Menschen hatte, die mich geführt haben. So konnte ich lernen, ebenfalls eine Führungsfigur zu werden. Ich war ein miserabler Schüler, habe erst mit 15 die Kurve gekriegt. Dadurch bin ich aber gereift und habe gelernt, das Leben ernst zu nehmen.


Vor allem gelten Sie als authentisch, als ein Trainer, der immer Klartext redet. Woher kommt diese Neigung?

Wegner: Weil Ehrlichkeit notwendig ist, wenn man an sich arbeiten will. Deshalb lobe ich, wenn es angebracht ist, und ich kritisiere oder motiviere, wenn es nötig ist. Es gibt einen Spruch, den ich gar nicht mag: Wenn jemand sagt, er müsse niemandem mehr etwas beweisen. Wer das sagt, der sollte aufhören, denn man muss sich immer wieder aufs Neue beweisen, sonst bleibt man stehen.


Sie sagen, dass das Wohl Ihrer Sportler über allem steht. Glauben Sie, dass es für Ihre Boxer immer angenehm ist, wenn sie sehen und hören, dass Sie oft den meisten Applaus bekommen?

Wegner: Ohne mir darauf etwas einzubilden: Das, was ich oder auch Fritz an Anerkennung erhalten haben, haben wir uns erarbeitet. Das wissen die Jungs auch, und sie können es einordnen. Für mich sind aber meine Jungs die größten Stars, das ist wichtig. Nur wenn sie Erfolg haben, fühle ich mich glücklich, und jede Niederlage ist wie eine Katastrophe für mich.

In anderen Kampfsportarten gehören Niederlagen viel mehr dazu als beim Profiboxen, wo man befürchtet, ein Sportler ist sofort weg vom Fenster, wenn er mal verliert. Warum ist das so?

Wegner: Weil man im Profiboxen auf Weltklasseniveau nicht so schnell die Chance bekommt, eine Niederlage auszumerzen. Dennoch sage ich, dass Niederlagen zum Boxen ebenso dazugehören, auch wenn wir alles tun müssen, um sie zu umgehen. Doch dazu braucht man Ehre und Stolz.


Sind das die Werte, die Sie zu vermitteln versuchen?

Wegner: Das sind die beiden wichtigsten Werte, und wer beides nicht hat, wird niemals ein Champion werden. Ich versuche meinen Jungs immer wieder klar zu machen, wie privilegiert sie sind, dass sie ihr Geld mit dem verdienen, was sie am liebsten tun. Ich werde oft gefragt, ob Trainer der schönste Beruf ist, den ich mir vorstellen kann. Dann sage ich immer: Der schönste Beruf ist der, den man mit Herz macht und mit Verstand ausführt. Deshalb hat jeder Mensch auch seinen eigenen Traumberuf.

Vor zwei Wochen haben Sie vor der Titelverteidigung Ihres Lieblingsschülers Arthur Abraham ein dunkles Bild vom Profiboxen in Deutschland gezeichnet. Eine Niederlage Abrahams hätte eine Katastrophe bedeutet, sagten Sie. Warum steht es so schlecht um das deutsche Profiboxen?

Wegner: Ich sage nicht, dass das Boxen auf dem absteigenden Ast ist. Wir haben in Deutschland großartige Fans und sind weiterhin eine sehr populäre Sportart. Ich sage nur, dass uns, wenn Arthur mal nicht mehr da ist, Typen fehlen. Männer wie Henry Maske, Sven Ottke, Dariusz Michalczewski, die gibt es derzeit nicht.

Vielleicht auch deshalb nicht, weil gute Amateure heute nicht mehr zwingend ins alteingesessene Profilager wechseln müssen, weil der olympische Weltverband Aiba mittlerweile selbst eine Profischiene anbietet. Sehen Sie darin eine Gefahr?

Wegner: Im Amateurbereich komme ich gar nicht mehr mit. Was dort passiert, ist der größte Mist. Da sitzen so viele Dilettanten am Werk, die gar nicht wissen, was sie tun. Zum Beispiel die Abschaffung der traditionellen Gewichtsklassen, so etwas geht gar nicht. Die machen die Tradition kaputt und wundern sich dann, dass sie kaum noch Zuschauer haben. Das Training ist auch nicht richtig strukturiert, weil niemand versteht, wie wichtig die Psyche ist. Die Jungs werden kaputt gemacht, und das ist schade, weil viele Talente dort sind. Nur wenn die nach Leistungssportprinzipien ausgebildet werden, wird was aus ihnen.

Was schlagen Sie vor, um die Lage des Boxens wieder zu stabilisieren?

Wegner: Da sind wir Trainer und natürlich auch die Promoter gefordert, neue Persönlichkeiten zu entwickeln. Dazu gehört, dass wir neben den boxerischen Fähigkeiten auch den Charakter schulen. Manch hoch veranlagtes Talent schafft es nicht nach oben, weil es zu schnell denkt, schon ein Großer zu sein. Den Umgang mit Erfolg, den muss man auch lernen, ebenso wie den mit Niederlagen. Als Arthur im November 2010 in Helsinki gegen Carl Froch vorgeführt wurde, war mir das peinlicher als ihm. Diese Einstellung in meine Sportler hineinzubekommen, daran arbeite ich stetig.


Erwarten Sie manchmal zu viel von Ihren Sportlern? Sofort fällt einem Abrahams Blutkampf mit gebrochenem Kiefer gegen Edison Miranda 2006 in Wetzlar ein. Sie hätten den Kampf aufgeben können.

Wegner: Hätte ich das getan, dann hätte er mir ewig Vorwürfe gemacht, ich hätte ihn nicht richtig unterstützt. Er wollte weitermachen, und ich habe die Gefahr abgewogen und ihn darin unterstützt. Denken Sie aber auch an den zweiten Kampf gegen Robert Stieglitz 2013, als sein eines Auge zuschwoll. Da habe ich ihn aus dem Kampf genommen, denn das Augenlicht darf man nicht riskieren.


Sie ärgern sich auch öffentlich über umstrittene Urteile, greifen bisweilen sogar Ihre Chefs damit an. Haben Sie Sorge, dass das Boxen unter Fehlurteilen und faulen Kampfansetzungen zugrunde gehen könnte?

Wegner: Ich denke schon, dass wir da aufpassen müssen. Es gab in der Vergangenheit ein paar Kämpfe, nach denen zu Recht diskutiert wurde. Und ich sehe mich bestätigt, wenn ich an das vergangene Wochenende denke. Der Auftritt von Wladimir Klitschko gegen Tyson Fury hat dem Boxen immens geschadet. Er hat als Weltmeister eine Verantwortung für den Sport, und wenn er dann vor 50.000 Fans im Stadion und fast zehn Millionen vorm Fernseher eine solche Leistung zeigt, ist das einfach eine Farce. Dass ein so intelligenter Mann gegen einen Zirkusmenschen so ängstlich boxt, verstehe ich nicht. Wenn meine Boxer so verlieren würden, müsste das Management mich entlassen.


Danach sieht es derzeit nicht aus, im Gegenteil, mit Jack Culcay, der an diesem Sonnabend in Hamburg Hauptkämpfer ist, trainieren Sie einen der Hoffnungsträger Ihres Stalles. Warum glauben Sie, dass er Weltmeister werden wird?

Wegner: Weil er unglaubliche Anlagen mitbringt. Ich kenne ja die gesamte Weltspitze, und wenn ich sage, dass Jack boxerisch so gut ist wie Floyd Mayweather, kann man mir das glauben. Aber er muss lernen, seine Qualitäten mehr auszunutzen. Er muss effektiver sein, seine Energie in die richtigen Bahnen lenken. Seine Einstellung zum Training ist lobenswert, aber ob meine Worte wahr werden, ist eine Frage der Führung. Ich hoffe, ich werde es mit ihm schaffen.


Sie sind 73 Jahre alt. Wie lange können Sie auf diesem Niveau noch arbeiten?

Wegner: Ich werde das sehr oft gefragt. Aber für mich ist jeder Kampfabend ein Erlebnis und eine Erfüllung. So lange ich mit meiner Erfahrung noch einen Nutzen bringe, wären doch alle Beteiligten blöd, wenn sie das nicht nutzen würden. Ich kann mich jetzt noch nicht davonstehlen.


Immerhin haben Sie mit Georg Bramowski einen Assistenten, der Ihnen vieles abnimmt. Anders als Fritz Sdunek, der immer alles selbst machte. Merken Sie, dass Ihnen das guttut?

Wegner: Natürlich. Georg ist ein Mensch, auf den ich mich absolut verlassen kann, weil er meine Philosophie verinnerlicht hat. Ich bin unglaublich glücklich, dass er mir so viel abnimmt. Als ich mir vor ein paar Monaten die Achillessehne gerissen hatte, habe ich gemerkt, wie beschwerlich der Alltag sein kann, wenn man nicht mehr das leisten kann, was man möchte. In Gedanken war ich jeden Tag in der Boxhalle. Aber die Entlastung, zu wissen, dass Georg da ist, tat mir sehr gut.


Den richtigen Moment für den Abschied zu finden, das gelingt nur wenigen. Warum ist das so schwer?

Wegner: Für mich ist das schwer, weil ich immer das Gefühl hätte, jemanden im Stich zu lassen. Als Arthur 2009 mit dem K.-o.-Sieg gegen Jermain Taylor ins Super-Six-Turnier startete, saß ich in der Kabine und dachte: Jetzt müsstest du eigentlich aufhören, besser wird es nicht. Aber es hat mich nicht losgelassen. Und so geht es fast allen. Einzig Sven Ottke hat es geschafft, er hat aufgehört, obwohl er mit einem Kampf gegen Bernard Hopkins das Olympiastadion gefüllt hätte. Aber er hat gespürt, dass er nicht mehr wollte. Ich hatte ihm vorher gesagt: ‘Wenn du aufhören musst, sage ich es dir. Wenn du aufhören willst, sag mir bitte nichts.’ Und so war es, ich wusste nichts von seinem Rücktritt, bis er ihn nach dem Kampf verkündet hat.

Haben Sie vor Augen, wie Sie gern aufhören würden?

Wegner: Nein, weil ich Angst habe vor diesem Tag, vor allem aber vor der Leere danach. Weil ich weiß, wie sehr mir das Boxen fehlen würde.


Und haben Sie, gerade jetzt im Gedenken an Ihren Freund Fritz, auch Angst vor dem Tod?

Wegner: Nein, weil ich weiß, dass er unumgänglich ist, aber gleichzeitig auch das Ende. Natürlich will ich leben, aber ich weiß, dass ich nicht beeinflussen kann, wie lange das geht. Das ist mit dem Boxen anders.