Boxen

Vitali Klitschko: „Mit Fritz verlieren wir einen Teil von uns“

Lesedauer: 5 Minuten
Henrik Jacobs

Ergreifender Abschied vom legendären Boxtrainer. Vitali Klitschko hob die menschliche Größe von Fritz Sdunek hervor. Dariusz Michalczewski und Henry Maske umarmten sich am Sarg.

Hamburg. Als die Trauerfeier gerade vorbei war, stieg Vitali Klitschko noch einmal in den Ring. Der ehemalige Weltmeister im Schwergewicht legte zwei Rosen auf den Sarg seines langjährigen Trainers Fritz Sdunek und hielt einen Moment vor dem lebensgroßen Foto seines Förderers inne. Der Hamburger Promoter Erol Ceylan hatte den Altar in der Fritz-Schumacher-Halle auf dem Friedhof Ohlsdorf zu Ehren des am 22. Dezember im Amalie Sieveking-Krankenhaus in Volksdorf an den Folgen eines Herzinfarkts verstorbenen Trainers in einen Boxring umgestaltet. Den Platz, an dem Sdunek einen Großteil seines Lebens verbracht hatte.

Klitschko stieg nach einigen Sekunden wieder heraus und lag danach vielen Gästen in den Armen, die am Sonnabend nach Ohlsdorf gekommen waren, um ihren Fritz zu verabschieden.

Minuten zuvor hatte Vitali Klitschko vor den rund 700 Gästen, in erster Reihe Sduneks Familie um Ehefrau Carola, Tochter Kati, Sohn Mario sowie die Enkel Delia und Can, eine bewegende Trauerrede gehalten. Der Mann, der es gewohnt ist, vor Zehntausenden Menschen in seiner Heimatstadt Kiew als Bürgermeister kämpferische Ansprachen zu halten, stand am Rednerpult und rang mit den Worten. „Fritz, ich kann nicht begreifen, dass du nicht mehr bei uns bist“, sagte der 43-Jährige mit zittriger Stimme. „Du bist für mich ein Vater geworden.“

Mehr als zehn Jahre hatte Sdunek, der nur 67 Jahre alt werden durfte, gemeinsam mit Vitali und dessen Bruder Wladimir, der wegen dringender geschäftlicher Termine in den USA weilte, gearbeitet.

Sdunek machte sie zu Weltmeistern wie zuvor schon Dariusz „Tiger“ Michalczewski oder später Felix Sturm. Für den Hamburger Boxstall Universum, dessen Cheftrainer er von 1994 bis 2009 war, coachte er Sportler wie Alexander Dimitrenko, Zsolt Erdei, Juan Carlos Gomez, Artur Grigorian oder Jack Culcay. Sie alle waren nach Ohlsdorf gekommen, die meisten von ihnen hatten Tränen in den Augen, als Vitali Klitschko zu ihnen sprach. „Wir verlieren einen Teil von uns“, sagte Klitschko stellvertretend für viele Gäste.

Am liebsten hätte der Ukrainer viele Geschichten aus der gemeinsamen Zeit erzählt. „Würde ich ein Buch über Fritz schreiben, es hätte mehr als 1000 Seiten.“ In seiner 20-minütigen Rede hob Klitschko aber vor allem den Menschen Sdunek hervor. „Er war immer positiv und hatte die Begabung, für alle Menschen ein Freund zu sein“, sagte Klitschko und schloss seine Rede mit den Worten: „Fritz, ich möchte dir danken. Du hast uns dein Herz geschenkt. Danke für alles, wir lieben dich.“

Mit zehn Glockenschlägen, ausgeführt durch den Präsidenten des Bundes Deutscher Berufsboxer, Thomas Pütz, hatte die Trauerfeier um 14 Uhr begonnen. Es kamen so viele Gäste, dass selbst in den Nebenräumen, in die das Programm übertragen wurde, nicht alle Anwesenden einen Sitzplatz fanden. Neben Klitschko hielt auch Abendblatt-Redakteur und Sdunek-Biograf Björn Jensen eine Trauerrede. Zwischendrin gab es Musik von Unheilig („Geboren um zu leben“), Xavier Naidoo („Danke“) und Tina Turner („Simply the Best“). Sänger Larry Harms sang sehr einfühlsam und in drei Sprachen (Deutsch, Englisch, Russisch) „I Did It My Way“.

Fritz Sdunek ist stets seinen Weg gegangen und hat dabei viele Freunde gewonnen. Auch Menschen, die sportliche Rivalen waren. So wie Trainerlegende Ulli Wegner, dem sich Sdunek bei vielen Kämpfen in den Ecken gegenübersah. „Diese Momente werden mir am meisten fehlen“, sagte Wegner. „Uns verband mehr als der Sport, es war eine innerliche Freundschaft.“ Wegner hatte die Trauerfreier tief bewegt. Mit geröteten Augen sagte er: „Ich habe große Hochachtung vor Fritz. Die Boxwelt hat einen großen Trainer und einen großen Menschen verloren.“

Auch Dariusz Michalczewski, der aus Polen angereist war, sprach von einem großen Verlust. Der „Tiger“, den Sdunek bereits als Amateurboxer 1990 bei Bayer Leverkusen trainiert hatte, erinnerte sich an die Momente kurz vor seinen Kämpfen. „Er hat mich dann immer an den Ohren gezogen und gesagt: ,Jetzt bist du dran.‘“ Vor dem Sarg lag er sich mit Henry Maske in den Armen.

Noch am Sonnabend, als die sportlichen Weggefährten Sduneks im Anschluss an die Trauerfeier im Restaurant Lex an der Eiffestraße zusammensaßen, verabredete sich Michalczewski mit seinen früheren Universum-Kollegen zum gemeinsamen Joggen im Eichtalpark. So wie sie es früher immer gemacht hatten, als Fritz Sdunek noch bei ihnen war.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Sport