Abendblatt-Interview

Hockey-Nationalstürmer: „Wir haben die Spiele verdient“

Noch ist die Alster
seine Heimat: Im
Sommer 2016
wird Florian Fuchs,
2012 Welthockeyspieler,
vom UHC in
die Niederlande
wechseln

Noch ist die Alster seine Heimat: Im Sommer 2016 wird Florian Fuchs, 2012 Welthockeyspieler, vom UHC in die Niederlande wechseln

Foto: Roland Magunia / HA

Florian Fuchs startet in seine vorerst letzte Saison mit dem UHC. Im Abendblatt spricht er über den Titeltraum und Olympia in Hamburg.

Mit einem lachenden und einem weinenden Auge geht Florian Fuchs an diesem Wochenende in die Saison 2015/16 der Feldhockey-Bundesliga, die für seinen Uhlenhorster HC mit Heimspielen gegen Uhlenhorst Mülheim (Sa., 15.30 Uhr) und den Nürnberger HTC (So., 14.30 Uhr, beide Wesselblek) startet. Lachend, weil sich der 23 Jahre alte Nationalstürmer freut, mit der vor allem in der Abwehr verstärkten Mannschaft die Jagd nach dem ersten Feldmeistertitel neu aufzunehmen. Weinend, weil es vorerst die letzte Chance für ihn sein wird, diesen Titel zu holen, denn Fuchs wechselt nach den Olympischen Spielen 2016 in die niederländische Hoofdklasse zum Topclub Bloemendaal.

Hamburger Abendblatt: Herr Fuchs, seit Sie 16 Jahre alt sind, spielen Sie für Ihren UHC in der Bundesliga. Können Sie sich ein UHC-Team ohne Florian Fuchs vorstellen?

Florian Fuchs: Ich möchte daran derzeit noch gar nicht denken. Natürlich weiß ich aber, dass es für mich eine sehr emotionale Saison werden wird. Umso wichtiger ist es mir, einen schönen Abschluss zu schaffen. Auch wenn es vermessen ist, schon vor dem ersten Spiel vom Titel zu reden, weil wir wissen, wie viel Glück und harte Arbeit dafür nötig ist, ihn zu gewinnen: Mein Ziel ist es, diesen Titel endlich zu holen. Und dafür werde ich hart arbeiten, um meinen Beitrag zu leisten.

Warum haben Sie sich zum Schritt ins Ausland entschieden, und warum vollziehen Sie ihn erst in einem Jahr?

Fuchs : Ich glaube, dass die Auslandserfahrung für meine persönliche und sportliche Entwicklung sehr wichtig ist. Ich war nach der Schule für ein knappes halbes Jahr in Australien und habe gespürt, wie gut mir das getan hat. In einem fremden Land auf sich allein gestellt zu sein, das stärkt Zielstrebigkeit und Selbstbewusstsein. Dass ich erst 2016 wechsele, liegt darin begründet, dass ich in Hamburg perfekte Bedingungen vorfinde, um mich auf die Olympischen Spiele in Rio vorzubereiten. Außerdem gibt der frühe Zeitpunkt der Verkündung allen Beteiligten Planungssicherheit.

In Bloemendaal können Sie dann ja beim Erzrivalen spionieren, damit Pleiten wie das 1:6 im EM-Finale Ende August nicht wieder vorkommen.

Fuchs : Ich möchte zunächst klarstellen, dass ich die Niederlande nur sportlich als Erzrivalen sehe, Land und Leute aber sehr sympathisch finde und mich entsprechend auf meinen neuen Verein freue, der sich sehr intensiv und professionell um mich bemüht hat. Eine Wiederholung des EM-Finales müssen wir mit anderen Mitteln verhindern.

Wie sehr hat dieses Spiel an Ihnen und dem Selbstverständnis des deutschen Herrenhockeys gezehrt?

Fuchs : Das war schon ein Rückschlag für uns, weil wir eingestehen mussten, dass wir an Grenzen gestoßen sind. So ein Spiel hatten wir noch nie, uns haben Kraft und Konzentration gefehlt, um mit den Niederlanden mithalten zu können. Aber wenn wir die richtigen Schlüsse daraus ziehen, dann hat das für das Team großen Wert.

Es war nach Platz sechs bei der WM 2014 der zweite herbe Rückschlag. Welche Schlüsse muss man ziehen?

Fuchs : Man muss die Warnzeichen erkennen und richtig deuten. Ich glaube, dass wir noch wahnsinnig viel Luft nach oben haben, was Inhalt und Umfang des Trainings angeht. Wir müssen ein paar Schippen drauflegen, wenn die Lücke zu den anderen Topnationen nicht größer werden soll. Wir müssen alle Baustellen schließen und uns zu 100 Prozent auf Olympia konzentrieren. Wenn uns das nicht gelingt, werden wir es in Rio sehr schwer haben.

Ist nicht das größte Problem, dass Sie zwar in Profiumfängen trainieren müssen, aber nebenbei alle noch in Ausbildung oder Beruf gefordert sind?

Fuchs : Natürlich ist das nicht optimal, und wir müssen ehrlich zugestehen, dass wir an dieser Doppelbelastung zum Beispiel bei der WM 2014 gescheitert sind. Ich persönlich habe den Fehler gemacht zu denken, dass ich meine duale Ausbildung mit BWL-Studium und Arbeit bei der Agenturgruppe thjnk, die Bundesliga und die Nationalmannschaft unter einen Hut bringen könnte. Vielen meiner Nationalteamkollegen ging es vermutlich ähnlich. Ich habe daraus gelernt und weiß jetzt, wie ich trainieren und wann ich mich zurücknehmen muss. Aber da ist jeder für sich selbst verantwortlich.

Ist das duale System, also die Verbindung von Leistungssport und Beruf, das in Deutschland als richtig angesehen wird, gescheitert? Der deutsche Hürdensprintmeister Silvio Schirrmeister hat seine Karriere kürzlich frustriert beendet und die duale Karriere als „die schrecklichste Kreatur, die der deutsche Sport hervorgebracht hat“ bezeichnet. Hat er recht?

Fuchs : Ich kann verstehen, dass viele Sportler unter der Doppelbelastung leiden. Ich habe das Glück, dass ich mit Michael Trautmann einen sehr verständnisvollen Chef habe und mich auch meine Uni stark unterstützt, sodass ich persönlich keine Probleme habe, Ausbildung und Sport zu vereinen. Zudem haben wir beim UHC mit Kais al Saadi einen Coach, der Verständnis dafür hat, wenn wir mal im Training kürzer treten müssen. Aber ich kenne genug Beispiele von Kollegen, die verzweifeln, weil ihre Unis auf Gleichberechtigung pochen und sich nicht flexibel zeigen, was beispielsweise das Nachholen von Klausuren betrifft. Da gibt es in Deutschland großen Nachholbedarf, weil die Wichtigkeit von Sport für die Gesellschaft noch nicht angemessen erkannt worden ist.

Viele andere Nationen machen es vor, dort werden Sportler vor allem finanziell wesentlich besser gefördert. Dafür setzen sie auch voll auf die Karte Sport, haben wenig Ausgleich dazu. Wären Sie bei besserer Bezahlung bereit, alles auf den Sport zu setzen?

Fuchs : Wir Hockeyspieler haben es immer als Vorteil gesehen, nicht wie andere Nationen monatelang aufeinander zu hocken und nur an das nächste Training zu denken. Ich weiß auch gar nicht, ob wir das könnten. Die Mentalität in Deutschland ist einfach anders als beispielsweise in den USA, wo Sportler einen viel höheren Stellenwert genießen. Dennoch sind es Fakten, dass das duale System zu einem wahnsinnigen Energieverlust führen kann, und dass wir uns mit mehr finanzieller Unterstützung intensiver um unseren Sport kümmern könnten. Dass wir das müssen, um mit den Nationen mitzuhalten, die sich rund um die Uhr auf Sport konzentrieren, haben WM und EM gezeigt.

Haben Sie als U23-Welthockeyspieler und Torjäger der deutschen Nationalmannschaft eigentlich persönliche Werbeverträge?

Fuchs : Nein. Wir haben alle einen Ausrüstervertrag mit Adidas. Aber darüber hinaus habe ich keine persönlichen Werbepartner.

Ein deutscher Leistungssportler verdient im Schnitt 626 Euro netto im Monat. In vielen anderen Nationen haben Olympiasieger für ihr Leben ausgesorgt. Ist das fair?

Fuchs : Anerkennung muss nicht immer durch finanzielle Mittel erfolgen. Wir haben 2012 die olympische Goldmedaille nicht geholt, weil wir auf die 15.000 Euro Prämie scharf waren, sondern weil wir diesen Titel wollten, und das geht vielen Sportlern vorrangig so. Und es gibt viele Sportler wie zum Beispiel Ruderer oder Schwimmer, die mindestens genauso viel leisten wie wir Hockeyspieler. Für die sind 626 Euro ein Witz, nicht mal eine Aufwandsentschädigung. Dennoch war es natürlich auch bei uns ein Thema, dass ein albanischer Olympiasieger eine halbe Million Euro bekommt und wir in Deutschland 15.000. Aber das ist das Resultat unseres Systems, in dem Randsportarten nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind.

Daran ist sicherlich auch die Fixierung der Deutschen auf den Fußball schuld. Wenn man die Summen sieht, die im Fußball bewegt werden, müssten Sie doch bisweilen verzweifeln angesichts des Missverhältnisses von Aufwand und Ertrag, das Sie unter dem Strich stehen haben.

Fuchs : Wir haben uns im Hockey damit abgefunden, dass wir eine Randsportart sind. Dennoch ist die Entwicklung bedenklich, dass sich in Deutschland alles auf den Fußball fokussiert. Das kann die anderen Sportarten nicht zufriedenstellen, deshalb wünschen wir uns alle eine breitere Aufmerksamkeit. Und das nicht nur von den Medien, sondern vor allem von den Menschen, die uns bei Großereignissen gern zusehen, deren Interesse aber im Alltag schnell abflaut.

Hätte es eine solche Nation, die die Vielfalt des Sports nicht schätzt, verdient, Olympische Spiele auszurichten?

Fuchs : Da muss ich zweigeteilt antworten. Zum einen glaube ich, dass es in Deutschland grundsätzlich eine hohe Sportbegeisterung gibt, das zeigt sich insbesondere in Hamburg immer wieder, wenn Events wie Marathon, Triathlon oder Cyclassics stattfinden und Hunderttausende an den Straßen stehen und anfeuern. Das Gute an Olympia ist ja, dass der Fußball dort kein Thema ist, sondern die Sportarten im Fokus stehen, die sonst nur am Rand stattfinden. Deshalb wäre es umso wichtiger, Olympia wieder nach Deutschland zu holen, um eine neue Begeisterung für die Vielfalt im Sport zu entfachen. Zum anderen gibt es für die Vergabe Olympischer Spiele eine Reihe an Kriterien. Wenn Sportbegeisterung allein zählen würde, müssten die Spiele wahrscheinlich immer in Australien oder England stattfinden. Wenn es nur um Geld ginge, würden sie womöglich im Nahen Osten stattfinden. Aber Deutschland erfüllt die Gesamtheit der Kriterien so gut, dass es keinen Zweifel gibt, dass wir die Spiele verdienen würden.

Mit welchem Argument würden Sie die Kritiker überzeugen, die gegen Hamburgs Bewerbung um die Ausrichtung der Spiele 2024 sind?

Fuchs : Ich kann das aus der Sicht des Athleten beurteilen. 2008 war ich in Peking als Zuschauer dabei, 2012 in London als Aktiver. Diese Atmosphäre, die in der Ausrichterstadt herrscht, ist mit nichts zu vergleichen, und ich kann nur allen Hamburgern wünschen, das auch mal erleben zu können. Die Euphorie, die daraus entstehen kann, ist riesengroß. Und ich glaube auch fest an die positiven Auswirkungen im wirtschaftlichen und infrastrukturellen Bereich.

2024 wären Sie 32 Jahre alt, für Hockeyspieler ein fast biblisches Alter. Wären Spiele in Hamburg für Sie der Anreiz, bis dahin weiterzumachen?

Fuchs : Ich habe zwar schon den Anspruch, mittelfristig beruflich durchzustarten. Aber wenn die Spiele 2024 wirklich in Hamburg wären, würde ich ernsthaft darüber nachdenken. Olympia in der eigenen Stadt als Athlet zu erleben, etwas Größeres gibt es nicht.

Wenn Sie sich entscheiden müssten, welchen Titel Sie zum Saisonende holen, was würden Sie wählen: Olympiagold oder Feldmeister mit dem UHC?

Fuchs : Zum Glück ist diese Frage rein hypothetisch. Aber ich denke, dass mir niemand im UHC es übel nimmt, wenn ich mich für Olympiagold entscheide. Davon träumt jeder, egal, ob es die erste oder die fünfte Goldmedaille ist. In London habe ich den Triumph wie in Trance erlebt. Ihn jetzt in Rio zu wiederholen und bewusst wahrnehmen zu können, wäre unfassbar schön.