Interview

Brähmer hat mit Boxhandschuhen etwas Besonderes vor

Profiboxer Jürgen Brähmer und sein Trainer Karsten Röwer

Profiboxer Jürgen Brähmer und sein Trainer Karsten Röwer

Foto: Boris Streubel / Bongarts/Getty Images

Der 36-jährige Boxer Jürgen Brähmer tritt am Sonnabend zur Titelverteidigung im Halbschwergewicht gegen den Kölner Konni Konrad an.

Hamburg. Für seinen 49. Profikampf hat sich Jürgen Brähmer nichts anderes als einen deutlichen Sieg vorgenommen. An diesem Sonnabend (22.30 Uhr/Sat.1 live) verteidigt der 36 Jahre alte Profiboxer aus dem Berliner Sauerland-Team in Dresden seinen WBA-WM-Titel im Halbschwergewicht gegen den Kölner Konni Konrad. Mit seinen Boxhandschuhen hat er anschließend etwas Besonderes vor.

Hamburger Abendblatt: Herr Brähmer, Konni Konrad war lange bei der Kölner Stadtreinigung beschäftigt. Er hat angekündigt, nach dem Kampf den WM-Gürtel zu seiner alten Arbeitsstätte mitzunehmen und damit seine frühere Tour zu fahren. Steht Ihr Gürtel für so etwas zur Verfügung?

Jürgen Brähmer: Ich denke nicht, dass ich Konni meinen Gürtel für so etwas leihen würde. Nicht, dass er noch dreckig wird! Und er würde mir doch zu sehr fehlen. Vielleicht kann Konni ja irgendwo einen Gürtel kaufen.

Werden wir etwas ernster. Sie gehen als klarer Favorit in den Kampf, nicht wenige sehen das Duell als Fehlansetzung. Wie schwer fällt es Ihnen, sich angesichts dessen zu motivieren?

Brähmer: Das fällt mir überhaupt nicht schwer, weil ich Konnis Kämpfe studiert habe und ihn auch noch aus früheren gemeinsamen Zeiten bei Universum kenne. Er hat schon bewiesen, dass er das Zeug für Überraschungen hat. Außerdem ist es für ihn die Chance seines Lebens, entsprechend wird er sich vorbereitet haben. Ich habe mich aber auch bestens vorbereitet, denn ich nehme niemals einen Gegner auf die leichte Schulter.

Konrad hat angekündigt, dass er in der Form seines Lebens ist. Was kann der beste Konni Konrad aller Zeiten denn gegen Sie ausrichten, welche seiner Stärken fürchten Sie besonders?

Brähmer: Ich hoffe, dass es der beste Konni ist, den es je gab, denn das muss so sein, wenn es ein guter Kampf werden soll. Über seine Stärken werde ich nicht reden, sondern seine Schwächen im Ring aufdecken. Was für ihn spricht, ist sein Mut. Er hat den Kampf sofort angenommen und nicht wie so manch anderer, mit dem wir verhandelt haben, gekniffen.

Sie spielen auf die großen Namen in Ihrer Gewichtsklasse an. Seit Monaten wird davon geredet, dass Sie im Spätherbst Ihrer Karriere noch zwei, drei richtig große Kämpfe machen sollen. Nun ist es wieder ein nicht einmal in Deutschland bekannter Gegner. Wie sehr nervt Sie das?

Brähmer: Ich lasse es mittlerweile an mir abperlen, weil mich das Hinterhergerenne den letzten Nerv kostet. Wir hatten mit dem Waliser Nathan Cleverly schon einen Vorvertrag, selbst das Finanzielle war geklärt, dann hat er einen Rückzieher gemacht. Wir haben mit WBC-Champion Adonis Stevenson über eine Titelvereinigung verhandelt, ich wäre gern nach Kanada gegangen, um dort zu kämpfen. Aber er hat parallel einen anderen Deal abgeschlossen. Da frage ich mich: Wollen die wirklich ernsthaft gegen mich antreten, oder ist das nur eine Scheinverhandlung, um sich für andere Kämpfe zu positionieren?

Immerhin sollen Sie, einen Sieg gegen Konrad vorausgesetzt, am 5. November in Monaco gegen den unbesiegten Südafrikaner Thomas Oosthuizen antreten. Ist das ein Wunschkampf?

Brähmer: Wer sagt denn, dass das so ist? Es wurde schon über so viele Kämpfe geredet, die dann nicht kamen. Deshalb bin ich gut beraten, mich zunächst nur auf Konni Konrad zu konzentrieren. Was danach kommt, werden wir dann sehen.

Unbestritten der derzeit beste Halbschwergewichtler ist Sergej Kovalev, Weltmeister von IBF und WBO und bei der WBA über Ihnen als Superchampion geführt. Gehen Sie dem mit Absicht aus dem Weg?

Brähmer: Überhaupt nicht, auch an Kovalev haben wir ein Angebot gemacht. Aber es muss letztlich alles passen, wenn man so einen Kampf macht. Beide Boxer wollen eine ordentliche Börse verdienen. Wenn das finanziell nicht machbar ist, dann kommt der Kampf eben nicht. Meine Motivation ist mittlerweile auch eine andere. Ich genieße einfach, dass ich den Sport, den ich liebe, noch so ausleben kann. Natürlich suche ich auch den Kick, der mich noch einmal extrem pusht. Aber ich bin sehr zufrieden damit, wie es momentan läuft. Alles, was jetzt noch kommt, sehe ich als Bonus.

Ganz andere Sorgen hat derzeit Ihr Stallkollege Denis Boytsov, der seit Anfang Mai nach einem mysteriösen Unfall im Koma liegt. Er wird nie wieder boxen, sein Leben lang auf Pflege angewiesen sein. Nun wollen Sie eine Hilfsaktion starten.

Brähmer: Ja, wir werden die Handschuhe, die ich im Kampf gegen Konni tragen werde, zugunsten von Denis’ Familie versteigern. Die Schauspielerin Melanie Müller, die dafür extra von Leipzig nach Berlin gekommen ist, und ich haben die Handschuhe signiert. Jetzt hoffen wir, dass eine große Summe zusammenkommt.

Haben Sie Boytsov schon am Krankenbett besucht?

Brähmer: Nein, das tue ich nicht, weil ich weiß, dass ich es nicht ertragen könnte, ihn so zu sehen. Wissen Sie, ich kenne Denis, seit er 2004 in Hamburg zum Universum-Stall kam. Ich habe fast alle seine Kämpfe gesehen und mit ihm gefiebert, habe ihn für eins der größten Talente im Schwergewicht gehalten. Jetzt wiegt er noch 70 Kilogramm, und enge Freunde, die bei ihm waren, haben mir erzählt, dass es kaum auszuhalten ist. Deshalb besuche ich ihn nicht. Aber ich tue, was ich kann, um ihm zu helfen.

Boytsovs Frau ist kürzlich Mutter geworden. Können Sie als junger Vater zweier Kinder sich besonders in ihre Lage versetzen, ein Kind großziehen und einen Ehemann ein Leben lang pflegen zu müssen?

Brähmer: Dazu muss man kein Vater sein, um sich in so etwas hineinzuversetzen. Das ist eine Situation, in der niemand stecken möchte. Das Einzige, was wir jetzt tun können, ist, die Familie finanziell zu unterstützen. Ich finde es bemerkenswert, wie viele Leute Anteil nehmen. Dass zum Beispiel ein Mann wie der Hamburger Promoter Erol Ceylan, der mit Denis nie geschäftlich verbunden war, bei der Finanzierung der Wohnung hilft, ist großartig. Dass dagegen ehemalige Stallkollegen wie die Klitschkos oder der frühere Universum-Chef Klaus-Peter Kohl, denen eine Spende wirklich nicht weh tun würde, gar nichts machen, finde ich sehr, sehr traurig. Aber wundern tut es mich nicht.

Einige zögern wohl, weil die Umstände des Unfalls unklar sind.

Brähmer: Na und? Selbst wenn Denis Schuld an dem Unfall trägt, wäre das ein Fehler, der ein ganzes Leben ruiniert hat. Es steht doch außer Frage, dass er ein ganz feiner Kerl ist, der jetzt unsere Hilfe braucht, völlig unabhängig davon, wie es zu der Verletzung kam. Deshalb hoffe ich sehr, dass sich die, die bislang nichts getan haben und es könnten, endlich besinnen.