Interview

Hockey-Olympiasieger Moritz Fürste: Mein neues Leben

Arbeitsalltag: Moritz Fürste im Konferenzraum der Werbeagentur thjink, für die er als Direktor Sportmarketing tätig ist

Arbeitsalltag: Moritz Fürste im Konferenzraum der Werbeagentur thjink, für die er als Direktor Sportmarketing tätig ist

Foto: Klaus Bodig / HA / Klaus Bodig

Hockey-Olympiasieger Moritz Fürste geht mit Souveränität durch seine Lebensfelder und strebt jetzt auch noch eine Position im IOC an.

Hamburg.  Für den Hamburger Hockeyspieler Moritz Fürste, 30, hat sich im vergangenen Vierteljahr vieles dramatisch verändert. Anfang Mai heiratete der zweimalige Olympiasieger seine langjährige Freundin Stephanie. Vor etwas über einem Monat kam Tochter Emma auf die Welt, gleichzeitig stieg er als Direktor Sportmarketing bei der Hamburger Werbeagentur think ins Berufsleben ein. Und Hockey spielt er auch noch: Am kommenden Freitag beginnt die Europameisterschaft in London. 2016 in Rio strebt Fürste mit der Nationalmannschaft das dritte Olympiagold in Folge an und interessiert sich auch für einen Platz in der IOC-Athletenkommission. Im Abendblatt-Gespräch erzählt er von seinem neuen Leben zwischen Familie, Job und Leistungssport.

Hamburger Abendblatt: Herr Fürste, wie oft weckt Ihre kleine Tochter Sie in der Nacht?

Moritz Fürste: Gar nicht mehr. Die ersten zwei Wochen hatten wir noch Action. Aber inzwischen ist sie schon deutlich entspannter. Und vor allem (klopft auf Holz): Sie weint fast nie. Sie wird wach, macht einen kurzen Ton – bäh –, dann wird meine Frau wach, stillt sie, und sie pennt drei Stunden weiter. Das passiert zwei-, dreimal.

Wie haben Sie den Baby-Dienst eingeteilt?

Fürste: Es tut mir für Stephanie leid, aber ich schlafe meistens durch. Ich kann ohnehin nichts machen. Emma braucht nachts auch nach dem Stillen keine Betüdelung mehr. In den ersten drei Wochen haben wir uns noch abgewechselt, da habe ich mich nach dem Stillen gekümmert, damit Stephanie auch mal schläft, aber jetzt hat sich das total eingespielt. Aber natürlich wechsle ich Windeln.

Waren Sie bei der Geburt dabei?

Fürste: Ja!

Kann man das Glücksgefühl bei der Geburt vergleichen mit einem Olympiasieg?

Fürste: Das will ich nicht im Ansatz tun. Das hat gar nichts miteinander zu tun. Das eine ist Familie, das andere der Sport. Das eine ist eigenes Leben. Und das andere – Sport. Das sind völlig unterschiedliche Dimensionen.

Wie bereiten Sie sich jetzt auf die EM vor? Sie werden erstmals länger getrennt bleiben?

Fürste: Ursprünglich gab es tatsächlich die Idee, die Europameisterschaft eventuell nicht zu spielen. Ich hatte mit Bundestrainer Markus Weise vereinbart, dass das sozusagen meine Familie, also meine Frau und Emma, entscheiden. Jetzt hat Stephanie entschieden, sie schafft das. Meine Vorbereitung war etwas anders als sonst. Ich bin jetzt, fünf Wochen nach der DM, noch nicht wieder auf dem gleichen Level wie die anderen. Mir fehlen zwei Lehrgänge, mir fehlt schon ein wenig Spielpraxis.

Gab es einen Moment, wo Sie an Ihrer Entscheidung, die Olympischen Spiele in Rio spielen zu wollen, gezweifelt haben?

Fürste: Nein. Nie. Das war immer klar.

Jetzt sind Sie aber auch noch in den Beruf eingestiegen

Fürste: Absolut.

Ist das gleich Fulltime? Oder gibt es Vereinbarungen, die Ihren Leistungssport besonders berücksichtigen?

Fürste: Ich bin hier bewusst nicht in Vollzeit angestellt, obwohl ich im Moment fast Vollzeit arbeite. Wir wussten, dass es Richtung Rio Tage gibt, an denen man früher zum Training muss oder wegen des Trainings später kommt. Außerdem wird es viele Lehrgänge in diesem Rahmen geben, wo ich oft tagelang nicht da bin. Im Moment arbeite ich zwar deutlich mehr. Aber es wird halt bis Rio auch eine Phase kommen, in der ich weg bin. Für die EM nehme ich jetzt erst einmal Urlaub. Und im nächsten Jahr wird es ähnlich. Ich werde das alles zeitlich gut koordinieren können und bin ja auch unterwegs per Handy oder Mail erreichbar.

Sie haben also einen Arbeitgeber, der bereit ist, auf die Bedürfnisse eines Leistungssportlers Rücksicht zu nehmen.

Fürste: Das stimmt genau so. Dazu kommt: thjnk beschäftigt Leistungssportler, weil man erkannt hat, dass man sich auch einen gewissen Mehrwert in sein Unternehmen reinholt. Es ist damit eines der Paradebeispiele für ganz tolle Unterstützung für den Leistungssport. Das geht eben über die klassische Förderung hinaus. Die Sporthilfe ist super und überlebenswichtig. Aber thjnk macht hier etwas, was noch nachhaltiger ist. Die Sporthilfe ist gut mit ihren Partner- und Mentorenprogrammen. Aber hier ist es für mich die langfristigere Lösung. Dieses Commitment für einen Leistungssportler, der im nächsten Jahr tatsächlich recht viel fehlen wird, ist nicht selbstverständlich.

Müsste es so etwas noch viel mehr geben in der deutschen Wirtschaft?

Fürste: Ich würde mir wünschen, dass die Unternehmen, die es machen, mehr zur Sprache kommen. Dass Leute wie unsere Geschäftsführer mehr gehört werden. Dass sie über dieses Thema öfter referieren dürfen, mal eingeladen werden, mal erzählen können, warum sie es machen. In der Handelskammer zum Beispiel. Es gibt so viele Bereiche, in denen wichtige Entscheider zusammentreffen. Wenn sie dort erzählen dürften, warum sie es machen, wird man auch als nicht sportbegeisterter Mensch relativ schnell zu dem Schluss kommen, dass es offensichtlich Sinn macht. Weil die meisten Sportler all die Punkte, die in einem Bewerbungsprozedere wichtig sind, mit einem Fingerschnipsen erfüllen. Über social skills will ich gar nicht sprechen, aber was Durchsetzungsvermögen, Teamarbeit, Belastbarkeit angeht, bringen Spitzensportler in den meisten Fällen alles bereits mit. Das muss in Deutschland mehr zum Thema werden.

Sie sind ja gut mit anderen Spitzensportlern auch aus anderen Sportarten vernetzt. Wie sind deren Erfahrungen?

Fürste: Ich glaube, dass die meisten ihren Weg gut gehen. Das findet oft halt erst nach der Karriere statt oder schlimmer noch, es beendet die Karriere. Das kommt immer wieder vor, dass jemand mit 26, 27, 28 mit dem Sport aufhört, weil er sagt, er möchte den Berufseinstieg wagen. Wenn ich jetzt diese Unterstützung nicht hätte, müsste ich definitiv die Karriere beenden. Ich könnte beides nicht vereinen. Das müsste noch mehr thematisiert werden. Dass Unternehmen, die das machen, eine Plattform bekommen, wenn man den Spitzensport wirklich weiterbringen möchte. So etwas kann ja auch früher anfangen. Hockeynationalspieler Florian Fuchs vom UHC ist im Rahmen seines dualen Studiums auch bei uns im Team. Das sind die Beispiele, die wir in den Amateursportarten noch viel mehr brauchen.

Müsste der DOSB nicht auch intensiv dafür werben?

Fürste: Es wird vom DOSB und der Sporthilfe mit Patenprogrammen etc. schon einiges gemacht, es ist aber wichtig, dieses Thema flächendeckend immer weiter bewusst zu machen.

Was ist Ihre Aufgabe in der Agentur?

Fürste: Es sind verschiedene Bereiche: Ich gebe eine Art sportlicher Expertise, bei Bestandskunden, die das Thema Sport haben. Unsere Kundenliste ist ja recht lang und sehr spannend. Wenn da Themen in Bezug auf Sport kommen, werde ich mit ins Boot geholt, liefere Input. Darüber hinaus macht es mir wahnsinnig Spaß zu schauen, wo sich mögliche Synergien ergeben, um mit Leuten zusammenzuarbeiten, die ich in den letzten zehn Jahren meiner Hockeykarriere kennengelernt habe. Da haben sich schon in den ersten Wochen einige spannende Themen ergeben. Aber auch kreative Sachen, wie jetzt die „Skills for Rio“-Challenge, so etwas ist auch immer auf dem Zettel.

Sind Sie ein besonderes Talent in Sachen Zeitmanagement? Wie bekommen Sie das alles unter einen Hut?

Fürste: Stephanie und meine Mutter sagen das auch häufig. Aber ich empfinde ganz wenige Sachen als Stress. Ich teile mir meinen Tag so ein, dass ich möglichst kompakt Dinge erledigen kann. Das ist kein Hexenwerk, viele Menschen arbeiten noch viel mehr. Ich bin, glaube ich, gut darin, Dinge zu priorisieren. Und wenn ich mit einer Arbeit fertig bin und nichts liegt mehr auf dem Tisch, dann gehe ich halt nach Hause. Zugegebenermaßen ist es im Moment nicht ganz repräsentativ, weil keine Hockeybundesligasaison ist. Wenn ich später abends um 18.30 Uhr beim UHC sein muss und dann erst um 23.30 Uhr zu Hause bin, wird es eine andere Herausforderung.

Dass Sie ein Unterstützer der Hamburger Olympiabewerbung sind, ist bekannt. Sind Sie dort auch zukünftig eingebunden?

Fürste: Als Sportler spiele ich aktuell keine offizielle Rolle. Ich habe auch noch mit niemandem darüber gesprochen. Es ist im Augenblick ja auch etwas ruhiger. Wenn das wieder losgeht – klar, wäre ich gerne wieder dabei. Ich unterstütze es als Sportler nach wie vor, wo ich kann.

Der DOSB würde sich freuen, wenn Sie 2016 für die Wahl zur IOC-Athletenkommission kandidieren. Wollen Sie?

Fürste: Es gibt ja drei deutsche Kandidaten für die IOC-Athletenkommission, die intern zur Wahl stehen. Einer davon wird Ende September von der deutschen Athletenkommission vorgeschlagen und vom DOSB benannt. Ich bin neben der Fechterin Britta Heidemann und Ruderer Richard Schmidt einer von diesen Kandidaten. Die Gespräche sind alle schon gelaufen.

Sollten Sie der deutsche Kandidat werden, müssten Sie in Rio Wahlkampf betreiben. Wie geht das, wenn Sie gleichzeitig am Hockeyturnier teilnehmen?

Fürste: Ich würde keinen Wahlkampf in dem Sinne führen. Wenn der DOSB mich für den Richtigen hält, haben wir den Vorteil, dass wir eine Mannschaftssportart sind. Wir hätten 24 Teams vor Ort, in jedem Team sind 18 Spieler. Wenn die alle den Hockeyvertreter wählen würden, würde es schon fast reichen. Da pro Sportart nur ein Kandidat zugelassen ist, ist es nicht unrealistisch, fast alle Stimmen zu bekommen. Einfach, weil du als Hockeyspieler das Interesse hast, deinen Vertreter in die Athletenkommission zu bekommen. Jetzt schauen wir mal.

Was würden Sie denn erreichen oder ändern wollen?

Fürste: In erster Instanz heißt es erst einmal überhaupt die Möglichkeit zu haben, dort einen Fuß in die Tür zu bekommen. Wie das dann inhaltlich gefüllt wird, das wäre erst der nächste Schritt. Ich gehe jetzt nicht mit einem konkreten Programm in eine Wahlkampfkampagne rein. Es ist eher so, dass ich mir aus meinem Grundinteresse heraus vorstellen kann, an solchen Prozessen beteiligt zu sein.

Unterstützen Sie die Reform-Agenda 2020 von IOC-Präsident Thomas Bach?

Fürste: Ja. Und ich bin immer ein Fan davon gewesen, so mitzuwirken, wie ich es kann und für richtig halte. Ich unterhalte mich viel über das Thema, und wenn ich die Chance bekomme, nicht nur darüber zu reden, sondern intensiv eine Rolle zu spielen, dann versuche ich die wahrzunehmen. Ich müsste natürlich auch schauen, ob das eine Sache ist, die vom zeitlichen Aufwand her zu leisten ist.

Zum Schluss noch ein Blick auf die EM. Wie wichtig ist das Turnier für Sie? Die Nationalmannschaft hat die Rio-Qualifikation doch schon erreicht,

Fürste: Wir hatten das große Ziel, uns für Olympia zu qualifizieren. Das haben wir geschafft. Und jetzt steht halt eine Europameisterschaft an. Wenn wir zu einem Turnier fahren, dann wollen wir dieses Turnier gewinnen. Das ist so. Als Sportler definierst du keine Ranglisten für Wichtigkeiten, sondern das nächste Turnier ist für dich immer das wichtigste. Also jetzt die EM. Ich weiß jetzt noch, was ich für einen Jahrhunderthals hatte, als wir 2009 die EM gegen England verloren haben, obwohl wir ein Jahr vorher Olympiasieger waren. Aber das interessiert in diesem Moment niemanden mehr – vor allem die nicht, die auf dem Platz stehen.