Hamburg

Große Stimmung, kleines Drama bei der Triathlon-WM

Die vielen lautstarken Zuschauer sorgten in der „Rathausmarkt-Arena“ beim World Triathlon an beiden Tagen für olympiareife Stimmung

Die vielen lautstarken Zuschauer sorgten in der „Rathausmarkt-Arena“ beim World Triathlon an beiden Tagen für olympiareife Stimmung

Foto: Witters

Die deutsche Staffel verpasste eine Medaille wegen einer Zeitstrafe. Am Sonnabend gab es einen Zuschauerrekord.

Hamburg.  Da stand er, wenige Meter vor dem Ziel, wollte wieder los, wollte ins Ziel stürmen, wollte die Bronzemedaille für das deutsche Team sichern, die es doch eigentlich schon gewonnen hatte. Aber dieser Kampfrichter, der ließ ihn einfach nicht los. Der hatte seinen Arm auf die Schulter von Gregor Buchholz gelegt und hielt den Saarbrücker Schlussläufer zurück, drei Sekunden, fünf, acht – dann passierte der Brite Vincent Louis – zehn. Dann endlich durfte Buchholz ins Ziel laufen. Als Vierter.

Es war ein dramatisches Ende für die deutsche Staffel bei der Team-Sprint-WM im Triathlon über 4 x 300 Meter Schwimmen, 6,6 Kilometer Radfahren und 1,6 Kilometer Laufen am Sonntag, die Frankreich vor Australien gewann. Und Schuld an der verpassten Medaille hatte der Helmgurt von Rebecca Robisch. „Ich hatte den Gurt kurz nach dem Schwimmen schon aufgesetzt und bereits geschlossen, aber als ich dann aufs Rad wollte, sprang er wieder auf“, erzählte die 27-Jährige, „und da hatte ich das Rad schon über die Wechsellinie geschoben.“ Und das gibt zehn Sekunden Strafe für das Team, da sind die Regeln knallhart, auch wenn die Offiziellen lange brauchten, um zu einem Urteil zu gelangen.

Den guten Auftritt von Laura Lindemann, Justus Nieschlag, Robisch und Buchholz in der Staffel konnte dieses Missgeschick kaum trüben. „Wir haben vielleicht keinen Superstar dabei, aber wir sind alle solide Athleten“, sagte der unglückliche Schlussläufer Buchholz, der mit der Bürde der Zehn-Sekunden-Strafe auf sein abschließendes Teilstück geschickt wurde, die er erst kurz vor dem Ziel und am Ende der Laufstrecke abbrummen konnte. „Es gab nur die Möglichkeit zu versuchen, mich von Platz vier so weit wie möglich abzusetzen, die Flucht nach vorn. Leider hat es nicht ganz gereicht“.

Trotz des regnerischen und kühlen Wetters waren die Zuschauerränge auf dem Rathausmarkt am Sonntag gut gefüllt, auf der Strecke aber gab es naturgemäß Lücken. 120.000 Zuschauer sollen es dennoch gewesen sein, dabei natürlich auch zahlreiche Angehörige der Jedermann-Sportler. Am sonnigen und warmen Sonnabend wurden sogar 150.000 Zuschauer insgesamt gezählt, Veranstalter Christian Tötzke regis­trierte damit einen Rekord: „Noch nie war ein einzelner Tag besser besucht, seit wir mit dem Triathlon vor 14 Jahren begonnen haben.“

Es war ein Bilderbuchtag für den Sport und natürlich auch wieder beste Werbung für Hamburg und seine Olympiapläne. „Das Publikum ist wirklich ohrenbetäubend“, sagte Laura Lindemann, die erstmals in der Hansestadt am Start war: „Es war viel schöner als alle Rennen, die ich zuvor gemacht habe.“ Auch Marisol Casado, die Präsidentin der Internationalen Triathlon Union, war sehr angetan (Text unten).

Die vier deutschen Staffelstarter hatten sich am Sonnabend mit ihrer Leistung im Einzel über 750 Meter Schwimmen, 20 km Radfahren und 5 km Laufen qualifiziert. Dabei konnte vor allem die erst 19 Jahre alte Lindemann positiv überraschen, die das Rennen in 57:48 Minuten auf Platz sieben beendete und sich damit in der Weltspitze anmeldete. „Es war sehr hart, aber es lief für mich nach Plan“, sagte die Potsdamerin, „so eine Top-Ten-Platzierung stärkt natürlich das Selbstvertrauen, und ich wollte unbedingt einen Platz in der Staffel erreichen.“

Zu den vorolympischen Spielen in zwei Wochen in Rio, wo es bereits um die ersten Olympiatickets geht, darf die Juniorenweltmeisterin trotzdem noch nicht mitreisen. „Wir wollen sie nicht verheizen“, sagte der deutsche Cheftrainer Ralf Ebli. Auch Bundestrainer Dan Lorang war mit den Ergebnissen bei den Damen zufrieden: „Laura hat eine starke Leistung gezeigt, das war für das Trainerteam aber keine Überraschung, auch Rebecca hat überzeugt.“

Unbesiegbar war wieder einmal die einsame Dominatorin der WM-Serie: Gwen Jorgenson aus den USA, die in 57:08 ihren elften Saisonsieg in Folge feierte. Die 29-Jährige musste sich allerdings bis auf die Zielgerade der hartnäckigen Attacken von Vicky Holland (Großbritannien) erwehren, die sie erst im Schlussspurt abhängen konnte. „Vicky hat ziemlich gedrückt, ich konnte sie neben mir spüren“, sagte die Weltmeisterin, „ich wusste, dass es ein enger Kampf bis zum Schluss wird.“ Dritte wurde die Britin Non Stanford.

Ebenso glücklich wie die junge Potsdamerin strahlte anschließend nach dem Männerrennen Justus Nieschlag, der als Zehnter bester Deutscher wurde. Nach 52:52 Minuten kam der junge Mann aus Lehrte ins Ziel. „Ich bin hochzufrieden. Das Schwimmen hat sehr gut geklappt, aber das Radfahren war brutal“, sagte er. Der Franzose Vincent Louis (53:10) siegte schließlich vor den Spaniern Javier Gomez und Mario Mola. Buchholz wurde 18. Steffen Justus (Saarbrücken) als 27. und Maximilian Schwetz aus Erlangen) komplettierten das deutsche Ergebnis. „Wir haben mit der Top-Ten-Platzierung unsere Zielstellung erreicht“, sagte Bundestrainer Lorang, „Justus ist in der erweiterten Weltspitze angekommen.“

„Es hat wieder viel Spaß gemacht in Hamburg“, lobte der Hildesheimer, der in der Staffel sogar in Führung liegend an Rebecca Robisch übergeben hat. Nur Schlussläufer Gregor Buchholz hatte am Ende eines geglückten Wochenendes Grund zur Klage: „Ich bin mir sicher, ich wurde länger als zehn Sekunden vom Kampfgericht aufgehalten – na, wahrscheinlich nicht.“