Fußball-WM der Frauen

Angerer: „Eigentlich bin ich zu alt für so was“

Nadine Angerer feiert mit Alexandra Popp (r.) und Dzsenifer Marozsan (l.) nach dem 6:5 gegen Frankreich den Einzug ins Halbfinale

Nadine Angerer feiert mit Alexandra Popp (r.) und Dzsenifer Marozsan (l.) nach dem 6:5 gegen Frankreich den Einzug ins Halbfinale

Foto: Carmen Jaspersen / dpa

Nationaltorhüterin Nadine Angerer parierte den entscheidenden Elfmeter bei der Frauen-WM. Jetzt kommt es zum Halbfinale gegen die USA.

Montreal. Manchmal hilft es, mit Nadine Angerer, 36, ein bisschen zu reden. Über das, was passiert ist. Und über das, was noch alles geschehen kann. Am Tag danach obliegt es Michael Fuchs, das aufgewühlte Innenleben der deutschen Nationaltorhüterin wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Meist geschieht das in der Vormittagseinheit nach einem Spiel. „Die gehört dann der ‚Natze‘ und mir“, erzählt der Torwarttrainer, der weiß: Worte sind dabei wichtiger als Taten. Der verbale Anteil ist größer als das aktive Tun.

Fuchs hat viel Erfahrung darin, wie einerseits bei der Elfmeterheldin des Viertelfinaldramas gegen Frankreich (6:5/1:1 nach 120 Minuten) die Entspannung eingeleitet und andererseits die Anspannung für das anstehende Halbfinale in der Nacht zum Mittwoch (1.00 Uhr MESZ/ARD) gegen die USA beibehalten wird. „Wir bekommen das gut hin und haben feste Rituale entwickelt“, erzählt der 45-Jährige, der im Hauptberuf an der Bertolt-Brecht-Schule in Nürnberg Englisch und Sport unterrichtet und sich für diese Frauen-WM wieder hat freistellen lassen.

Typischer Angerer-Spruch

Am Sonnabend haben die beiden auf dem Trainingsgelände des Stade de Soccer von Montreal lange zusammengesessen, um über die Erlebnisse im Olympiastadion zu sprechen. Über die Aufforderung der Bundestrainerin Silvia Neid, bitte zwei Elfmeter abzuwehren; über den mit dem Knie parierten Strafstoß von der letzten französischen Schützin, der 21 Jahre jungen Claire Lavogez; über den anschließenden Jubelsturm, dem auf der Pressekonferenz ein typischer Angerer-Spruch folgte: „Eigentlich bin ich zu alt für so was.“

Ihre Erklärung? „Ich hatte das Gefühl, dass sie Angst hat.“ Ihr Rezept? „Ich versuche lange stehen zu bleiben.“ Natürlich gab ihr der Vertrauensmann Tipps („Er heißt nicht nur so, er ist ein Torwarttrainer-Fuchs!“), aber letztlich habe er nur gesagt: „,Natze‘, verlasse dich auf deine Intuition. Ob ich einen halte, ist dann immer die Sache.“

Nun hat die 144-fache Nationaltorhüterin zum Karriereende doch noch altbekannte Qualitäten wiederholt. So wie 2007 in China, als die Brasilianerin Marta im WM-Finale vergab. Wie 2013 in Schweden, als die Norwegerinnen Trine Rønning und Solveig Gulbransen im Endspiel der Europameisterschaft verzweifelten. „Es ist Wahnsinn, wie sie sich fokussieren kann“, findet der Torwartcoach, den das Happy End im überdachten Betonmonstrum der frankophonen Millionenstadt mit der zur „Spielerin des Spiels“ gewählten Deutschen deshalb so mitnahm („Ich war auch total platt“), weil in der Vorbereitung nicht alles glattgegangen war.

Spätestens als Fuchs selbst im Trainingslager in der Schweiz einen Muskelfaserriss in der Wade erlitt, war klar, dass es eine Gratwanderung werden würde, die durch die vielen Pausen und Reisen beeinträchtigte Angerer wieder auf Höchstniveau zu trimmen. Die spontane Art der in kein Schema zu pressenden Sportlerin führt dazu, dass die Schwankungsbreite im Formaufbau mitunter größer ist. Runter und rauf – und dann im richtigen Moment ganz oben zu sein, das zieht sich durch ihre gesamte sportliche Vita. Und das ist nebenbei ja auch ihr Buchtitel („Im richtigen Moment“).

Der Fahrer dient als Double für die US-Torjägerin Alex Morgan

Angerers jahrelanger Mentor, der beim 1. FC Nürnberg mal für ein Jahr den heutigen Bundestorwarttrainer Andreas Köpke trainierte, tut nun alles dafür, damit die Einstimmung auf die nächste Herausforderung passt. „Es wird nicht einfacher“, sagt die in den USA bei den Portland Thorns angestellte Angerer eingedenk des Halbfinalgegners. Mit einigen US-Nationalspielerinnen hat sie zusammengespielt. „Sie kennen mich, aber ich kenne sie auch.“ Für Fuchs ist die Spielvorbereitung deshalb vergleichbar „mit einer Prüfung, bei der man sich noch mal den ganzen Stoff durchliest.“ Im konkreten Fall stand am Sonntag als Punkt eins im Training Flankenschlagen an, weil die recht einseitige amerikanische Angriffsvariante ja vorzugsweise lange Flugbälle in den Strafraum auf Wuchtbrumme Abby Wambach vorsieht. Ersatztorhüterin Almuth Schult, die Angerer nach dieser WM beerben darf, stellte dabei die US-Stürmerinnen nach. Punkt zwei betraf die Qualität von Tausendsassa Alex Morgan, gerne auch aus spitzem Winkel ansatzlos scharf zu schießen – Fahrer Ümit Dogan, ein sehr passabler Kicker, mimte dafür das Double.

Und dann gibt es ja noch jemand, auf den bei diesem Duell zwangsläufig geblickt wird. Angerers Gegenüber Hope­ Solo, ebenso ein Charakterkopf zwischen den Pfosten, nur völlig unterschiedlich. Fuchs will bei der in diverse Skandale verwickelten US-Ikone nur die sportliche Leistung bewerten – und die ist bislang wie bei Angerer über jeden Zweifel erhaben.

„Ich habe Respekt, wie sich beide Torhüterinnen in ihrem Alter in dieses Turnier gearbeitet haben“ sagt Fuchs: „Wir sehen die Teams mit den beiden besten Torhüterinnen.“ Bislang jedenfalls. Denn Fuchs weiß: „Beim Torwart ist es doch so: Es kann bis zum Schluss in jede Richtung gehen.“