Fußball

Aufstiegshoffnungen: Der Höhenflug der Störche

Tim Siedschlag, Marlon Krause, Hauke Wahl und Mikkel Vendelbo (v.l.) feiern ein Tor für Holstein

Tim Siedschlag, Marlon Krause, Hauke Wahl und Mikkel Vendelbo (v.l.) feiern ein Tor für Holstein

Foto: Sascha Klahn / Bongarts/Getty Images

Holstein Kiel sorgt in der Handball-Stadt für Fußball-Euphorie: Berechtigte Hoffnungen auf den Zweitliga-Aufstieg.

Am Stadion von Holstein Kiel gibt es seit Kurzem im Fanshop eine Uhr. Limitierte Auflage, 129 Euro. Blaues Armband, weiße Zahlen, rote Zeiger. Es sind die Vereinsfarben der KSV, der Kieler Sportvereinigung Holstein von 1900. Hier am Holsteinstadion, einer der ältesten Fußballstätten Deutschlands, tickt die Uhr symbolisch für eine neue Zeitrechnung, die in zwei Wochen für den Verein beginnen könnte. Gewinnt der Drittligist an diesem Sonnabend (14 Uhr/NDR) sein Heimspiel gegen Fortuna Köln, steht er als Teilnehmer der Aufstiegsrelegation faktisch fest. Drei Spieltage vor Saisonende liegt das Team von Trainer Karsten Neitzel sogar nur einen Punkt hinter dem MSV Duisburg auf Platz zwei, der den direkten Aufstieg bedeuten würde. Nach 34 Jahren Abstinenz könnte Kiel in die Zweite Liga zurückkehren.

„Die Stadt ist euphorisiert“, sagt ein Mann, der die Erfolgsgeschichte vor einigen Jahren mit eingeleitet hat: Wolfgang Schwenke, ehemaliger Handball-Nationalspieler und 13 Jahre lang im Rückraum des THW Kiel aktiv. Seit 2009 ist er als Geschäftsführer der Störche das Gesicht des Höhenflugs. Er sitzt im ersten Stock des Nachwuchsleistungszentrums in Projensdorf im Norden der Stadt. Fährt man vom Stadion an der Christian-Albrechts-Universität vorbei zu Schwenkes Büro, sieht man an vielen Straßenecken große Plakate mit jubelnden Holstein-Spielern. „Im Puls der Stadt“, steht auf den Transparenten.

Tatsächlich hat Holstein in der Handballhochburg Kiel dem THW im Moment ein wenig die Show gestohlen. In wenigen Wochen werden die Handballer voraussichtlich ihre 20. Deutsche Meisterschaft feiern. Das Thema in der Ostseestadt ist derzeit aber die KSV. „Ich kann mir gut vorstellen, dass wir Profifußball in der Region Kiel nachhaltig etablieren, auch neben dem Handball“, sagt die THW-Legende Schwenke im Gespräch mit dem Abendblatt.

Bevor der 47-Jährige zu Holstein Kiel ging, war er Cheftrainer der Rhein-Neckar Löwen in der Handball-Bundesliga und eigentlich als Nachfolger von Uwe Schwenker als Geschäftsführer beim THW im Gespräch. Doch eine Offerte aus dem Aufsichtsrat lockte ihn schließlich zum viertklassigen Fußballclub Holstein. „Dass ich mal im Fußball lande, hätte ich nicht gedacht“, sagt Schwenke. „Aber die Mechanismen sind im Mannschaftssport die gleichen.“

Handballer Wolfgang Schwenke ist das Gesicht des Aufschwungs

Schwenke schaffte in seinen sechs Jahren neue Strukturen rund um den Verein. Er steigerte die Zahl der wirtschaftlichen Partner von 70 auf 230 und investierte rund sechs Millionen Euro in die Weiterentwicklung des 2005 entstandenen Nachwuchsleistungszentrums. Heute ist das Gelände mit der angeschlossenen Geschäftsstelle der Stolz des Vereins. Aus seinen Büroräumen kann Schwenke auf acht Fußballplätze blicken. Hier trainieren alle Nachwuchsmannschaften von der U9 bis zur U23 sowie das Profiteam. Ein Trainingstempel, der im deutschen Fußball zu den besten Adressen für die Ausbildung junger Fußballer zählt und der für den HSV bereits unter der Führung des ehemaligen Präsidenten Carl Jarchow als Vorbild für den geplanten Campus im Volkspark galt.

Gestandene Bundesligaspieler wie der Bremer Fin Bartels oder Schalkes Sidney Sam haben die Jugendabteilung von Holstein Kiel durchlaufen. „Wir wollen uns als Ausbildungsverein etablieren“, sagt Schwenke. Jüngstes Aushängeschild ist der 21-jährige Innenverteidiger Hauke Wahl, der vor zwei Jahren den Sprung von der U19 zur ersten Mannschaft schaffte und in dieser Saison zu den besten Spielern der Liga zählt. Wahl ist neben Torhüter Kenneth Kronholm einer der Garanten für die starke Defensivleistung. Mit 25 Gegentoren kassierte Kiel mit Abstand die wenigsten Gegentore der Liga.

Der Tabellenstand ist aber vor allem auch das Werk von Trainer Karsten Neitzel, 47. Nach dem Aufstieg in die Dritte Liga vor zwei Jahren übernahm er das Amt von Thorsten Gutzeit, der überraschend seinen Vertrag aufgelöst hatte. Nach einer schwierigen ersten Saison, an dessen Ende mit Mühe der Klassenerhalt gesichert wurde, formte Neitzel eine Mannschaft, die nun plötzlich um den Aufstieg mitspielt. „Das hätte ich der Mannschaft in der Form nicht zugetraut“, gibt Neitzel offen zu. Er ist ein markanter Typ mit einer prägnanten Stimme. Ein entschlossener, ehrgeiziger Mann, der aber auch locker sein kann. Zu Gesprächen mit den Kieler Journalisten erscheint er gerne in Socken und Badelatschen. Er kann sich in Fahrt reden, zitiert dann mal Ede Geyer („Wir trainieren wie im Dresdner Elsa-Fenske-Altersheim“), mal Bruno Labbadia („Die Trainer sind die Mülleimer“). Vor allem aber, und das scheint seine große Stärke zu sein, hören ihm seine Spieler zu.

„Wenn unser Trainer spricht, ist es in der Kabine ruhig“, sagt Kiels Kapitän Rafael Kazior. Der frühere St.-Pauli-Profi, der auch einige Jahre für die zweite Mannschaft des HSV spielte, beschreibt Neitzel als „akribischen Arbeiter“. Kazior ist auf dem Platz der verlängerte Arm seines Trainers. Der zen­trale Mittelfeldspieler schoss ge­mein-sam mit Marc Heider die meisten Tore. Nach der Saison macht der 32-Jährige allerdings nach fünf Jahren Schluss mit Holstein und wechselt in die zweite Mannschaft von Werder Bremen. „Das ist schon ein mulmiges Gefühl. Ich kenne hier jeden Quadratmeter“, sagt Kazior, der sich zu gerne mit einem Aufstieg verabschieden würde,

Gelingt Holstein Kiel der Aufstieg in die Zweite Liga, wartet auf Geschäftsführer Wolfgang Schwenke eine Menge Arbeit. Die Anforderungen der Deutschen Fußball Liga sind in Liga zwei deutlich größer. Ein Teil der 4,5 Millionen Euro Mehreinnahmen würde in die Bereiche Ticketing, Sicherheitswesen und die Medienabteilung fließen. Das 11.386 Zuschauer fassende Holstein-Stadion ist bereits auf 15.000 Plätze erweiterbar. „Das meiste Geld müssten wir aber in den Kader investieren, damit die Liga zu halten wäre“, sagt Schwenke.

Finanzielle Sorgen haben die Störche derzeit nicht. Mit der Lebensmittelkette Famila und der Citti-Gruppe hat Holstein Kiel zwei Großsponsoren im Rücken. Hermann Langness von der Bartels-Langness-Gruppe, einer der reichsten Deutschen, sowie Aufsichtsrat Gerhard Lütje, Inhaber der Citti-Gruppe, waren in der Vergangenheit immer wieder zu Finanzhilfen bereit, ohne sich in sportliche Entscheidungen einzumischen. „In der Zweiten Liga wären wir auch für andere Sponsoren in Schleswig-Holstein interessant“, sagt Schwenke. „Vor allem aber müssen wir die Ruhe bewahren. Der Verein ist emotional aufgeladen. Wir müssen unseren eigenen Weg gehen.“ Einen Wettkampf um wirtschaftliche Partner mit dem THW Kiel erwartet Schwenke indes nicht. „In der Stadt ist Platz für Fußball und Handball.“

Der Spielerkader müsste bei einem Aufstieg verstärkt werden

Sogar in der Berichterstattung über die Champions League spielte Kiel kürzlich ein Rolle. Es war zwar nur ein dreisekündiger Bildausschnitt, der vor zwei Wochen über den Bezahlsender Sky flimmerte. Viele Zuschauer des Viertelfinalrückspiels zwischen Real und Atletico Madrid dürfte dieser Ausschnitt aber gleichermaßen verblüfft und irritiert haben. Die Regie hatte in der Halbzeitpause kurz in das Produktionsstudio geblendet, als ein Mitarbeiter des Münchner Senders einen Schal mit der Aufschrift „Holstein“ in die Kamera hielt. Der Mitarbeiter war ein Fan des Drittligisten. Für einen Augenblick standen die Störche im Rampenlicht der europäischen Königsklasse.

Den Holstein-Schal gibt es wie die Armbanduhr im Fanshop am Stadion zu kaufen. Bis zur Champions League ist es am Kieler Westring zwar noch ein weiter Weg, aber schon mit dem Aufstieg in die Zweite Liga würde der deutsche Meister von 1912 in Schleswig-Holstein endlich wieder eine richtige Fußball-Marke setzen.