Spiel gegen Göppingen

Die Moral hat bei den HSV-Handballern gesiegt

| Lesedauer: 6 Minuten
Achim Leoni
Max-Henri
Herrmann wendete mit seinen Paraden in der Schlussphase die Niederlage
ab. Am Saisonende muss der Deutschfranzose den HSV verlassen

Max-Henri Herrmann wendete mit seinen Paraden in der Schlussphase die Niederlage ab. Am Saisonende muss der Deutschfranzose den HSV verlassen

Foto: imago/Dreisicht

Ohne Stammtorwart und Toptorjäger wendet die Truppe von Trainer Jens Häusler ein fast schon verlorenes Spiel noch zum Guten.

Hamburg.  Max-Henri Herrmann sah die Gefahr schon von Weitem auf sich zukommen. Er versuchte noch, sich aufzurappeln und in Deckung zu bringen, aber das war auf die Schnelle unmöglich aus dem Spagat heraus, der fast von einem Pfosten zum anderen reichte. Einen Augenblick später begrub eine HSV-Handballer-Lawine den Torhüter unter sich, und die gut 6000 Zuschauer in der O2 World, die ohnehin schon seit Minuten nicht mehr gesessen hatten, hüpften vor Glück.

Es war einer dieser Momente, in denen sich das Wort „ausgerechnet“ derart aufdrängt, dass jeder Versuch, es zu umschiffen, krampfhaft wäre, also bitte: Ausgerechnet Herrmann, dem der HSV vergangene Woche wissen ließ, dass sein Vertrag nicht verlängert wird und der nur spielte, weil sich Johannes Bitter am Freitag den kleinen Finger der rechten Hand ausgekugelt hatte, dieser Herrmann also sicherte mit besagtem Spagat in der Schlusssekunde den 30:29-Sieg gegen Frisch Auf Göppingen. Und er hielt damit die Hoffnung wach, dass diese bislang so widrige Saison noch ein glückliches Ende finden könnte für seine Mannschaft.

Als ihn seine Mitspieler aber aufforderten, nach dem Spiel als Solotänzer vor den HSV-Fans aufzutreten, zierte er sich. Held des Spiels, nein, als solcher wollte sich Herrmann hinterher nicht unbedingt feiern lassen. „Ich bin ja ein bisschen schwer ins Spiel gekommen“, gestand er später, „in der zweiten Halbzeit hat mich die Mannschaft dann sehr unterstützt.“ Neun von 37 Würfen hatte Herrmann abwehren können – bei einem Siebenmeter durfte Lennard Danielsen sein Bundesligadebüt geben. Das sind nicht allzu viele, aber es waren eben genug, um ein eigentlich schon verlorenes Spiel noch zum Guten zu wenden.

#Beim Stand von 26:29 gut drei Minuten vor Schluss hatte selbst HSV-Trainer Jens Häusler „nicht mehr die positivsten Gedanken“, und die Emotionsgeladenen unter den Hamburger Fans machten sich schon bereit, die Schiedsrichter Fabian Baumgart und Sascha Wild für die sich anbahnende Niederlage verantwortlich zu machen (es wäre in der Tat interessant zu erfahren, warum die Bundesliga zwei Göppinger Ländlesleute angesetzt hatte).

Diese Frage wurde glücklicherweise zweitrangig, als Herrmann den finalen Fernwurf von Göppingens Zarko Sesum weggrätschte. Dass er überhaupt diese auch als Hürdensitz bekannte Technik wählte, geschah intuitiv. Herrmann, 21, hatte nicht einmal wahrgenommen, welcher Göppinger den Wurf abgegeben hatte: „Es war die wahrscheinlichste Wurfvariante.“

Natürlich würde es dem Spiel nicht gerecht, wollte man es auf den einen Moment verkürzen. Dieser Handball-Ostersonntag hatte nicht den einen großen Helden, sondern viele kleine. Kentin Mahé zum Beispiel, der wieder bewies, dass er vielleicht nicht der klassische Spielmacher ist, aber genau deswegen ein auch für den Gegner schwer berechenbarer. Seine acht Tore waren nicht nur sportlich, sondern auch künstlerisch wertvoll.

Oder Torsten Jansen, der beim HSV nur noch als Trainer eine Zukunft hat und trotzdem auftrat, als stünde ein neuer Profivertrag auf dem Spiel. Oder Kevin Schmidt, der nur für zwei Siebenmeter aufs Feld durfte, diese aber buchstäblich eiskalt verwandelte, ungerührt anscheinend auch von seiner ungewissen Vertragssituation.

Der eigentliche Held aber war die Moral der Mannschaft. Ausnahmetorwart Bitter war ja nicht der Einzige, der kurzfristig ersetzt werden musste – er hofft, am heutigen Dienstag das Training wieder aufnehmen zu können. Es galt auch, den Schock der schweren Verletzung von Hans Lindberg zu verarbeiten, sportlich, mehr noch aber psychisch. Der Toptorjäger war am Mittwoch bei der 25:28-Niederlage in Berlin derart unglücklich mit dem Rücken auf den Fuß von Füchse-Torwart Silvio Heinevetter gefallen, dass er sich dabei an der Niere verletzte. Lindberg liegt noch immer in einer urologischen Station der Berliner Charité, und mit jedem Tag, jeder Stunde, gedeiht die Hoffnung, dass ihm eine Operation erspart bleibt.

„Wir sind in Gedanken alle bei ihm“, sagte Geschäftsführer Christian Fitzek. Einen Vorwurf an Heinevetter, wie er vereinzelt hinter vorgehaltener Hand zu hören war, wollte er wie auch andere HSV-Offizielle nicht erheben: „Bei der Aktion ist nicht einmal der Ansatz von Vorsatz zu erkennen.“

Wann Lindberg nach Hamburg reisen kann, könnte Ende der Woche absehbar sein. Als Spieler wird der Däne dem HSV in dieser Saison nicht mehr zur Verfügung stehen. Stefan Schröder übernahm Lindbergs Rolle auf Rechtsaußen mit der gewohnten Zuverlässigkeit, für die Siebenmeter ist nun offenbar Schmidt zuständig.

Man könnte trefflich darüber spekulieren, ob der HSV dieses Spiel auch in Bestbesetzung gewonnen hätte. Die sportliche Qualität der Mannschaft wäre höher gewesen, das schon, aber damit auch der Druck, diese letzte Chance auf einen der fünf Europapokalplätze wahrnehmen zu müssen. So aber durfte kaum noch jemand einen Sieg gegen Göppingen erwarten, schon gar nicht mehr drei Minuten vor dem Ende.

Es fällt schon auf, dass Häuslers Mannschaft vor allem dann ihr Potenzial entdeckt, wenn sie Außenseiter ist: gegen Kiel und die Rhein-Neckar Löwen, in Magdeburg, Melsungen und eben gegen Göppingen.

Am Sonnabend im Hinspiel des EHF-Pokal-Viertelfinales in Eskilstuna (Schweden) ist der HSV wieder Favorit. Mal sehen, wie er das verkraftet.

Tore, HSV Hamburg: Mahé 8, Pfahl 4, Jansen 4, Schröder 3, Toft Hansen 3, Hens 3, Simicu 2, Schmidt 2 (2 Siebenmeter), Flohr 1; Göppingen: Schiller 12 (5), Späth 4, Sesum 4, Kraus 3, Kneule 2, Lobedank 2, Nyokas 1, Halén 1. Schiedsrichter: Baumgart/Wild (Neuried/Offenburg). Zuschauer: 6616. Zeitstrafen: 5; 3. Disqualifikation: Beljanski (Göppingen) wegen groben Foulspiels (19.).

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