Das nächste Ziel: Olympia-Qualifikation

Nach der Viertelfinal-Niederlage gegen Katar müssen die deutschen Handballer mindestens WM-Siebter werden, um 2016 in Rio dabei sein zu können

Doha. Die Nacht war kurz und gruselig. Mit tiefen Augenrändern schlurften die deutschen Handballer um Kapitän Uwe Gensheimer am Donnerstag durch die Lobby des vornehmen Teamhotels in Doha. Das schmerzhafte Viertelfinalaus gegen WM-Gastgeber Katar hatte seine Spuren hinterlassen, die Euphorie war in Ernüchterung umgeschlagen. „Ich konnte nicht einschlafen“, erzählte Youngster Paul Drux, 19, mit noch immer verquollenen Augen. Auch Gensheimer, 28, gestand: „Ich bin dauernd wieder aufgewacht und mir spukten ständig ein paar dieser kritischen Situationen im Kopf herum.“

Immer wieder liefen die Szenen der unnötigen 24:26-Pleite gegen Katar, die dem Pay-TV-Sender Sky mit 560.000 Zuschauern eine Rekordquote bescherte, vor dem geistigen Auge der Spieler ab. Als es drauf ankam, zahlte das neu formierte Team, das mit seinen frechen Auftritten in der Vorrunde und im Achtelfinale noch begeistert hatte, Lehrgeld – und beraubte sich mit seiner schlechtesten Turnierleistung jeglicher Medaillenträume.

„Das ist doch normal nach solch einem Spiel, dass sich jeder versteckt und eingräbt und sich Gedanken macht“, sagte Oliver Roggisch. Der Teammanager wollte sich aber nicht mehr lang mit dem Ausscheiden beschäftigen und lenkte den Fokus auf die Platzierungsspiele um die Ränge fünf bis acht. „Wir spielen nicht um irgendeinen Blumentopf. Wir haben jetzt noch zwei Endspiele um die Olympia-Quali. Das ist ein Riesenziel“, sagte Roggisch.

Um im Frühjahr 2016 an einem der drei Qualifikationsturniere für die Sommerspiele in Rio teilzunehmen, muss das deutsche Team mindestens den siebten Platz belegen. Erster Gegner am Freitag (14 Uhr/Sky live) ist der zweimalige Olympiasieger Kroatien. „Ganz wichtig ist, dass die Olympia-Quali noch möglich ist. Es ist für den DOSB ein Primärziel, dass wir das deutsche Handball-Team in Rio dabei haben“, sagte Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).

Bundestrainer Dagur Sigurdsson ging am Donnerstagmorgen eine Runde laufen. Beim Joggen an Dohas Strandpromenade Corniche lud der Isländer seine Akkus auf. Aufkommende Diskussionen um einige fragwürdige Pfiffe der mazedonischen Schiedsrichter vor allem in der zweiten Halbzeit, als die Deutschen Tor um Tor aufholten, erstickte er im Keim und konzentrierte sich auf das Wesentliche. „Es ist, wie es ist. Wir sollten nicht allzu viel darüber diskutieren, das erzeugt nur negative Gedanken“, sagte der 41-Jährige: „Wir müssen gegen Kroatien gut spielen, um eine Chance zu haben, und sehr, sehr gut spielen, um zu gewinnen. Das ist ab sofort unsere Aufgabe.“ Ob Linkshänder Steffen Weinhold gegen das kroatische Star-Ensemble um Welthandballer Domagoj Duvnjak auflaufen kann, steht noch nicht fest. Der Rückraumspieler des THW Kiel und fünf Jahre lang des HSV plagt sich mit einer Adduktorenzerrung im rechten Oberschenkel aus dem Katarspiel. Die Ärzte und Physios geben „volle Pulle“ für seine Genesung, sagte Sigurdsson: „Es sieht gut aus.“

In der Verbandsspitze deklarierte man die beiden ausstehenden WM-Partien zum „Final-Four-Turnier“ um die Olympischen Spiele. „Das ist Aufgabe und Zielsetzung genug, um das Turnier positiv abzuschließen“, sagte der Berliner Verbandsvizepräsident Bob Hanning. Die WM sei aber schon jetzt für die Entwicklung des jungen Teams „unendlich wertvoll“. Viele Dinge „laufen viel besser als gedacht“. Die Mannschaft habe es geschafft, „Deutschland für den Handball zu begeistern. Wir sind auf einem tollen Weg – das dürfen wir mit vollem Stolz alle hier behaupten.“

Auch der frühere Bundestrainer Heiner Brand und der ehemalige Welthandballer Daniel Stephan zogen ein positives Turnierfazit. „Das gibt uns sehr, sehr viel Mut für die Zukunft“, sagte Brand. Man solle das Ausscheiden „nicht dramatisieren, sondern das Positive mitnehmen. Es gibt keinen Grund des Tadels“. Stephan, Europameister von 2004, sieht die Auftritte von Katar ausdrücklich als Schritt nach vorn. „Wir haben uns Respekt wiedergeholt. Die Handballwelt guckt wieder auf Deutschland. Das Turnier war ein Fingerzeig, dass mit Deutschland wieder zu rechnen ist.“ Er glaube nicht, „dass die Niederlage gegen Katar einen Knacks gibt, sondern eher, dass uns das beflügelt, um beim nächsten Großereignis noch erfolgreicher zu sein.“

Bei der Europameisterschaft im Januar 2016 in Polen „müssen wir angreifen“, sagte Stephan. Angreifen muss das deutsche Team zunächst gegen Kroatien. Sollte die Nationalmannschaft beide ausstehenden Spiele verlieren, am Sonnabend würde um Platz sieben geworfen, wäre der nächste schwere Kater programmiert.

Die siegreichen Katari feierten unterdessen ihren historischen Erfolg, als erstes Team Asiens das Halbfinale einer WM erreicht zu haben. „Ich fühle mich wie in einem Traum. Ein Traum, der immer weitergeht“, sagte Katars spanischer Trainer Valero Rivera. All die Häme und all die Kritik, die in den vergangenen Tagen und Wochen über seine zusammengekaufte Mannschaft hereingebrochen war, sei nach dem Sieg gegen Deutschland vergessen. Angeblich soll nach diesem Erfolg jedem Spieler eine lebenslange Rente zustehen.

Im Halbfinale am heutigen Freitag (16.30 Uhr) gegen Polen kann das Team um den ehemaligen HSV-Profi Zarko Markovic wieder mit der Unterstützung der Zuschauer rechnen. Gegen die deutsche Mannschaft war die Halle erstmals vollbesetzt, weil die Organisatoren Einheimischen auch ohne Eintrittskarte Zugang gewährten. Dass dafür etwa 30 deutsche Fans mit Tickets draußen bleiben mussten, sei eine bedauerliche Panne gewesen, hieß es am Donnerstag entschuldigend.