Der Weltmeister überraschte auch seinen Bruder

Vitali war erster Gratulant und drückt Wladimir nun für Geburt der Tochter die Daumen

Hamburg. Seit mehr als 38 Jahren kennt er seinen Bruder nun, und dennoch ist Wladimir Klitschko immer noch in der Lage, den fünf Jahre älteren Vitali zu überraschen. „Ich kenne Wladimir als intelligenten Boxer, aber das war er heute nicht. Ich denke zwar, dass er auch mit taktischer Intelligenz gewonnen hätte, aber mit seiner Aggressivität hat er alle überrascht, auch mich“, sagte der frühere WBC-Weltmeister im Schwergewicht, nachdem sein Puls wieder auf Normalwerte zurückgegangen war. Im Ring war der 43-Jährige der erste Gratulant gewesen, elegant war er über die Seile gesprungen, obwohl seine körperliche Konstitution zu wünschen übrig lasse, wie er später versicherte. „Deshalb habe ich mir auch während des Kampfes nicht gewünscht, an Wladimirs Stelle zu sein“, sagte er.

Die Kämpfe, die Vitali Klitschko in seinem Leben nach der Karriere zu schlagen hat, sind gefährlicher als ein Duell im Seilgeviert. Als Bürgermeister von Kiew versucht er, die Hauptstadt der Ukraine als Ruhepol des vom Krieg im Osten gebeutelten Landes zu bewahren. Wie gut ihm die seltenen Ausflüge in das alte Leben tun, in seine Wahlheimat Hamburg, wo Ehefrau Natalie und die drei Kinder weiterhin leben, kann man ermessen, wenn man sieht, mit wie viel Freude er Weggefährten aus dem Boxen begrüßt. Ganz abschalten kann er vom gewalttätigen Alltag in der Ukraine allerdings nie. „Natürlich lässt mich das nie richtig los“, gab er zu. Am Sonnabend hatte er fünf im Hamburger Bundeswehrkrankenhaus untergebrachte Soldaten besucht, die im Krieg schwer verwundet worden waren. „Einer davon war wieder so fit, dass ich ihn zum Kampf einladen konnte. Die anderen haben Boxbekleidung von Wladimir bekommen“, sagte er.

Während Vitali am Sonntagmorgen nach Kiew zurückflog, bestieg Wladimir den ersten Flieger in die USA, um nach Nashville zu seiner Verlobten Hayden Panettiere zu eilen. Die 25-Jährige, die den Kampf gegen Kubrat Pulev live beim US-Sender HBO verfolgte und anschließend sofort mit Schwägerin Natalie telefonierte, ist hochschwanger, die erste gemeinsame Tochter soll am 1. Dezember zur Welt kommen. „Ich hoffe, dass sich die Kleine nicht allzu sehr beeilt“, sagte der Dreifachchampion, der die Geburt unbedingt miterleben möchte. Eine lange Babypause ist bislang nicht geplant. „Ich weiß noch nicht, wie ich mit der neuen Rolle klarkommen werde, aber ich möchte natürlich auch der beste Vater der Welt sein.“

Damit würde er seinen Bruder nicht überraschen. „Er hat ja bei meinen Kindern schon üben können“, sagte Vitali. Wann er seine Nichte das erste Mal in die Arme schließen kann, weiß er noch nicht. „Ich hoffe, dass wir es an Weihnachten schaffen, mit der gesamten Familie ein paar Tage zu verbringen.“ Es wird wohl an ihm selbst liegen, ob das funktioniert.