Ruder-WM

Johannesen spricht nach Silber von „unfairen Bedingungen“

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Wie schon 2013 muss sich der Deutschland-Achter hinter Großbritannien mit WM-Silber begnügen. Der Hamburger Ruderer Eric Johannesen schimpft über „unfaire Bedingungen“ bei dem Wettbewerb.

Amsterdam. Eric Johannesen war kaum zu beruhigen. „Das war einer Weltmeisterschaft nicht würdig“, schimpfte der Hamburger Ruderer vor laufender Kamera. Wenige Minuten war das Finale im Achter bei der Ruder-WM in der niederländischen Hauptstadt Amsterdam gerade beendet. Der große Favorit Deutschland, das in dieser Saison noch ungeschlagene Flaggschiff des Deutschen Ruderverbandes (DRV), musste sich wie schon im Vorjahr Großbritannien geschlagen geben. Kaum war die Siegerehrung zu Ende, entlud sich der Frust. „Das ist unverständlich, die Fairnesskommission hätte reagieren müssen, aber das kennt man ja“, sagte Johannesen weiter.

Was war passiert, dass der sonst so besonnene Johannesen, 26, so schäumte? Der Weltverband Fisa hatte das DRV-Paradeboot als Vorlaufschnellste wie in diesen Fällen üblich auf die vermeintlich beste Mittelbahn drei gesetzt. Doch auf dieser Bahn herrschten offenbar die deutlich schlechteren Windbedingungen. Nach Einschätzung vieler Beobachter profitierten die auf Bahn fünf gesetzten und noch im Vorlauf von den Deutschen deutlich besiegten Briten vom stärkeren Schiebewind. Damit fand die tagelange Diskussion über die windanfällige Regattastrecke ihren Höhepunkt. Die deutlichsten Worte fand Johannesen. „So kann es nicht weitergehen. Die Athleten sind die Leidtragenden“, klagte der Student vom Ruder-Club Bergedorf. Kopfschüttelnd fügte er hinzu: „Die Engländer haben sich bei uns entschuldigt – wegen der unfairen Bedingungen.“

Johannesen hatte noch vor dem Rennen angekündigt, man könne auch mit einer Silbermedaille gut leben, vorausgesetzt, die Leistung stimme. Doch an diesem Sonntag spendete die Silbermedaille keinen Trost. Die Entscheidung der Fisa sorgte beim Team um Schlagmann Felix Wimberger noch Stunden nach dem WM-Showdown für Unmut. „Hier wurde eine Woche lang gepennt. Diese Niederlage tut mehr weh als im vorigen Jahr“, klagte Steuermann Martin Sauer. Zum Leidwesen der Olympiasieger erklang bei der Siegerehrung wie schon vor zwölf Monaten in Südkorea die britische Nationalhymne. Und wie schon im Vorjahr fuhr das junge DRV-Team auch nicht sein bestes Rennen. „Wir sind nicht gut reingekommen. Es ist enttäuschend, aber das müssen wir jetzt wegstecken“, sagte Olympiasieger Andreas Kuffner aus Berlin.

Nach dem ersten Viertel lag der Deutschland-Achter zwar noch knapp in Front, doch im Mittelteil zogen die Briten entscheidend davon. Der fulminante Schlussspurt brachte den Deutschen immerhin noch Rang zwei vor Polen ein, konnte den Erfolg des Titelverteidigers aber nicht verhindern. Trotzig kündigte Johannesen eine Revanche an: „Im nächsten Jahr werden wir allen zeigen, wie stark wir wirklich sind.“ Spätestens 2016 will die Crew wieder in Bestform sein. Das Team um Trainer Ralf Holtmeyer hat sein Training ohnehin schon ganz auf die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro in zwei Jahren ausgerichtet.

Die erste Saisonniederlage des Achters brachte den DRV um eine bessere Gesamtbilanz. Mit einmal Gold, einmal Silber und einmal Bronze fiel zwar die Ausbeute schlechter als in Südkorea (1-2-2) aus. Immerhin auf den Frauen-Vierer war Verlass: Der Crew um Schlagfrau Lisa Schmidla war am Sonnabend eine erfolgreiche Titelverteidigung gelungen. Für Bronze sorgte der Männer-Doppelvierer. „Da ist noch Luft nach oben“, sagte DRV-Präsident Siegfried Kaidel über das bescheidene Abschneiden der Flotte.

Der Traum vom Edelmetall erwies sich für Marcel Hacker als Wunschdenken. Dem nach seinem Halbfinalsieg als Mitfavorit gehandelten 37 Jahre alten Magdeburger ging im Einer-Finale die Puste aus. Der Abstand zum Sieger Ondrej Synek (Tschechien) betrug fast 15 Sekunden. Hacker machte aus seiner Enttäuschung keinen Hehl: „Von meinen Zielen war ich heute weit entfernt.“

Dagegen präsentierte sich der Frauen-Doppelvierer zum richtigen Zeitpunkt in Topform. Mit schwarz-rot-goldenen Römerhelmen posierte die Crew auf dem Siegersteg für die Fotografen und feierte ihren Erfolg. Im Ziel betrug der Vorsprung mehr als eine Bootslänge. Dass die Triumphfahrt auch noch mit Weltbestzeit (6:06:84 Minuten) gelang, sorgte für zusätzlichen Stolz. „Diese Zeit muss jetzt erst einmal jemand knacken“, sagte Schmidla, „das hat richtig Spaß gemacht“.

Die Bronzemedaille des Männer-Doppelvierers kam für viele überraschend. Nach einem durch gesundheitliche Probleme verursachten, monatelangen Auf und Ab meldete sich das Team rechtzeitig zum Saisonhöhepunkt zurück. In einem starken Finish verteidigten Schlagmann Philipp Wende und seine Mitstreiter Rang drei: „Damit können wir nach diesem Saisonverlauf zufrieden sein“, befand Wende.

Bei aller Freude über die gute Medaillenbilanz gab die geringe Anzahl der Finalteilnahmen jedoch zu denken. Nur sieben Boote der 14 olympischen Klassen waren in den Endläufen vertreten. So wenig waren es zuletzt bei der historischen Olympiapleite von Peking im Jahr 2008, als der DRV erstmals seit 52 Jahren ohne Gold geblieben war. DRV-Chefcoach Marcus Schwarzrock sieht dennoch Anzeichen für einen Aufwärtstrend „In einigen Klassen waren wir nah dran. Mit etwas mehr Glück sind wieder ganz schnell neun oder zehn Boote in den Finals.“

Die Abschlussfeier am Sonntagabend in Amsterdam ließ sich das gesamte Team auf jeden Fall nicht nehmen. Und auch Eric Johannesen hatte sich schon wieder ein wenig beruhigt. Am Montag fährt er mit seiner Freundin per Auto zurück nach Hamburg. Am Dienstag geht sein Praktikum bei einem Versicherungsmakler weiter. Spätestens dann wird Johannesen wieder an andere Sachen denken können.