Aus Osdorf in die NFL

Kasim Edebali steht als erster Hamburger vor dem Sprung in die US-amerikanische Football-Profiliga

Hamburg. Der Anruf aus der Heimat kommt Kasim Edebali gerade recht: „Mir war sowieso langweilig.“ Die Tage vor der Entscheidung können schon ein bisschen eintönig werden: immer nur trainieren, regenerieren, essen, schlafen. Und warten. Bis zum Wochenende geht das noch so weiter, dann weiß Edebali endlich, wohin die Reise geht. Nach Green Bay, Wisconsin, vielleicht? Oder nach San Diego, Kalifornien, ans andere Ende der Vereinigten Staaten? Ihm wäre alles recht: „Seit ich ein kleiner Junge war, wollte ich in der National Football League spielen.“

Dafür ist Edebali 2007 aus Osdorf weggezogen. Jetzt ist sein Lebenstraum kurz davor, konkret zu werden. Von diesem Donnerstag an dürfen sich die NFL-Teams bei der sogenannten Draft die Rechte an den besten Collegespielern sichern, und der einstige Verteidiger des Zweitligisten Hamburg Huskies ist einer von ihnen. Es ist ein nationales Ereignis. In der ersten Runde fiebern mindestens 25 Millionen US-Amerikaner jedes Jahr live vor dem Fernseher mit, wenn der Football-Nachwuchs wie auf einer Viehauktion unter den Besitzern aufgeteilt wird.

Wer Kasim Jonathan Edebali verpflichtet, weiß genau, was er bekommt. Die größte Profiliga der Welt hat alle wesentlichen Informationen über den 24 Jahre jungen Mann aus dem fernen Hamburg, Germany, zusammengestellt. Neben den Statistiken aus seiner Zeit am Boston College erfährt man, wie schnell er die 40 Yards sprintet (4,79 Sekunden), wie weit (2,92 Meter) und hoch (87,5 Zentimeter) er aus dem Stand springt, wie viele Wiederholungen er im Bankdrücken mit 102 Kilogramm schafft (19). Sogar seine Arm- und Handlänge wurde vermessen. Unter „Stärken“ ist vermerkt, dass er Spielzüge lesen kann und ein starker Tackler ist, unter „Schwächen“, dass er seine Hände stärker einsetzen müsste. Für seine Position des Defensive End an der Linie sei er mit 1,88 Meter zu klein, aber einen guten Außen-Linebacker könnte er abgeben. Zusammenfassend heißt es: „Spielintelligenz, Wettkampfgeist und Einsatz geben ihm eine Chance.“

Mehr ist es ja zunächst nicht. Jedem der 32 NFL-Teams sind nur 53 Aktive gestattet. Will Edebali einer von ihnen sein, muss er sich noch in zwei Trainingslagern durchsetzen. „Kasim kann es schaffen“, sagt Marico Gregersen, „ich kenne niemanden, der so auf seine Karriere fokussiert ist wie er.“ Gregersen, 37, ist Quarterback der Nationalmannschaft, bei den Huskies war er für Edebali das, was man einen Mentor nennt. Er hat mit ihm Sonderschichten im Training gemacht und ihn schon als Jugendlichen an die Herrenmannschaft herangeführt. Und er hat ihm auch geraten, für den Sport an eine Highschool zu wechseln.

Edebali überlegte nicht lange, auch wenn er die elfte Klasse dafür wiederholen musste: „Ich wusste damals sowieso nicht recht, was ich mit meinem Leben machen sollte.“ Nach der mittleren Reife an der Schule Kroonhorst habe er mehr aus Ratlosigkeit eine Handelsschule besucht. Bis ihm Björn Werner, sein Kollege im Nationalteam, eines Tages von einem Stipendium erzählte, für das er sich beworben hatte. Edebali bewarb sich ebenfalls, beide wurden angenommen. Werner, 23, hat den Sprung in die NFL bereits geschafft (siehe Kasten). „Das macht meinen Weg ein bisschen einfacher“, sagt Edebali, „er gibt mir viele Tipps.“ Werner sei ein Freund geworden, kürzlich haben sie in Florida zusammen Urlaub gemacht.

In seine Heimatstadt schafft es Edebali nur einmal im Jahr. Seine Mutter Nesrin, eine Deutschtürkin, verzweifle dann manchmal an ihm, weil er am liebsten sofort auf den Trainingsplatz will, um seine Freunde bei den Huskies wiederzutreffen: „Sie sind wie Brüder für mich. Dass die Jungs so hinter mir stehen, bedeutet mir viel.“ Seine Mutter und sie vermisse er am meisten drüben in Boston. Und ein ordentliches Marmeladenbrötchen zum Frühstück.

Aber natürlich hat Amerika Kasim Edebalis Leben vor allem bereichert. Er kann dort den Sport professionell betreiben, den er liebt, zuletzt hat er sich zwei Monate lang in einer NFL-Trainingseinrichtung in Atlanta fit gehalten. Er hat jetzt einen Bachelor-Abschluss in Kommunikationswissenschaft. Und er hat dort vor zwei Jahren seinen Vater kennengelernt, einen Afroamerikaner. Der hatte seinen Sohn im Fernsehen spielen sehen. Edebalis Halbgeschwister luden ihn daraufhin zu sich nach Los Angeles ein. Jetzt hat er auch eine Familie in den Staaten.

Marico Gregersen hat Edebali ein paarmal schon in Boston besucht. Er hat erlebt, wie bekannt sein einstiger Zögling schon ist, zumindest auf dem Campus. Vielleicht wird er bald ein richtiger Star sein und viel Geld verdienen – das minimale Einstiegsgehalt in der NFL beträgt 420.000 Dollar. Gregersen ist überzeugt, dass es Edebali nicht verändern würde: „Er wird immer der Kasim von nebenan bleiben.“