Im Moment stehe der 23-Mann-Kader nicht, bei der Nominierung am 8. Mai werde er „dem einen oder anderen Spieler wehtun“ müssen.

Stuttgart. Joachim Löw hat 100 Tage vor Beginn der Fußball-WM einen eindringlichen Appell an die Nationalspieler gerichtet. „Die Uhr tickt. Die Spieler müssen sich individuell optimieren“, sagte der Bundestrainer am Montag in Stuttgart, wo sich das DFB-Team auf das Länderspiel am Mittwoch (20.45 Uhr/Liveticker auf abendblatt.de) gegen Chile vorbereitet.

Der 54-Jährige gab zu bedenken, dass zahlreiche feste Größen Fitness- und Formdefizite hätten. „Auf dem Papier haben wir eine Top-Mannschaft, aber die Wahrheit sieht nicht so schön aus im Moment“, mahnte Löw. Im Moment stehe der 23-Mann-Kader nicht, bei der Nominierung am 8. Mai werde er „dem einen oder anderen Spieler wehtun“ müssen.

Zwei Tage vor dem letzten Bundesliga-Spieltag wird Löw aller Voraussicht nach zunächst einen erweiterten Kader von 25 bis 28 Spielern berufen, der dann Ende des Trainingslagers in Südtirol (21. bis 31. Mai) auf die 23 WM-Teilnehmer zusammengestrichen wird.

„Das hängt auch vom gesundheitlichen Zustand unserer WM-Kandidaten ab und natürlich auch davon, ob Nationalspieler im Champions-League-Finale am 24. Mai in Lissabon beschäftigt sind“, sagte Löw am Montag in Stuttgart, „eine endgültige Entscheidung ist noch nicht gefallen.“

Wo das Aufgebot bekannt gegeben wird, steht ebenfalls noch nicht fest. Dagegen ist klar, dass die deutsche U20-Nationalmannschaft sozusagen als ständiger Testspielgegner der DFB-Auswahl mit ins Trainingslager nach St. Leonhard ins Passeiertal reisen wird. „Das war eine Idee von Hansi Flick, die ich gerne aufgenommen habe. So können wir alle zwei Tage in Testspielen Situationen gegen unsere Gegner simulieren“, sagte Löw und lobte damit seinen Assistenten und künftigen DFB-Sportdirektor.

Das Team muss derweil ohne Lars Bender in das WM-Jahr starten. Der Mittelfeldspieler von Bayer Leverkusen fällt wegen einer Muskelverhärtung für das Testspiel aus. Hoffnung hat Bundestrainer Joachim Löw dagegen noch, dass der angeschlagene Torjäger Miroslav Klose nach einer intensiven Behandlung durch die DFB-Ärzte fit wird. Löw kündigte an, dass Kapitän Philipp Lahm im Mittelfeld zum Einsatz kommen wird. Zudem plant er, dass der Dortmunder Kevin Großkreutz nach dem Ausfall von Lars Bender auf der rechten Abwehrseite beginnt.

Fragezeichen hinter Klose - Florenz beschwört Geduld mit Gomez

Als wären die Personal-Probleme von Bundestrainer Joachim Löw nicht groß genug: Auch hinter dem Einsatz von Deutschlands Rekordtorjäger Miroslav Klose im Länderspiel gegen Chile steht ein großes Fragezeichen. Wegen einer Beckenprellung und Bauchmuskel-Beschwerden fehlte der 35-Jährige am Sonntag im Punktspiel seines Klubs Lazio Rom beim AC Florenz (1:0).

„Er zeigte sich jedoch optimistisch, nach ein, zwei Tagen Behandlung doch zur Verfügung zu stehen“, berichtete Löw nach einem Telefonat mit dem 130-maligen Nationalspieler. Dessen Blessur resultiert aus dem Europa-League-Duell am vergangenen Donnerstag gegen den bulgarischen Meister Ludogorez Rasgrad.

„Wegen der Schmerzen konnte er gegen Florenz nicht eingesetzt werden“, berichtete Lazios Sportdirektor Igli Tare. Klose reiste aber dennoch zum Treffpunkt des Nationalteams, um sich einer Untersuchung und Behandlung bei DFB-Teamarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt zu unterziehen.

Wegen Kloses Abwesenheit kam es in Italiens Serie A nicht zum erwarteten Wiedersehen und Duell der deutschen Nationalstürmer. Mario Gomez, der nach fünfmonatiger Pause wegen einer Knieverletzung ab der 57. Minute erst zum dritten Punktspiel-Einsatz kam und deshalb noch nicht für das Länderspiel nominiert wurde, konnte die siebte Saisonniederlage seines Teams nicht abwenden. In den letzten fünf Liga-Begegnungen konnte Florenz lediglich vier Punkte sammeln. Das Tor des Tages erzielte Lorik Cana (5.).

„Gomez wird eingesetzt, um seine Erfahrung in den Dienst der Mannschaft zu stellen, ist aber nie wirklich gefährlich“, kommentierte die Sporttages-Zeitung Gazzetta dello Sport. „Mit seiner Arbeit bleibt Gomez eher im Schatten, sie ist für die Mannschaft jedoch wichtig“, resümierte Tuttosport.

Rückendeckung erhielt Gomez von seinem Klubchef Andrea Della Valle. „Seine Form wird besser, man muss Geduld haben“, betonte der Fiorentina-Präsident.

Lazio konnte dank des Sieges gegen Florenz wichtige Punkte im Kampf um die Europa-League-Plätze sammeln. „Ich trainiere eine fantastische Mannschaft, die noch weiter wachsen kann. Wir haben den Sieg gegen Florenz voll verdient“, meinte Lazios Coach Edoardo Reja.

Vor Beginn des Spiels war es zu einem außergewöhnlichen Protest der Fiorentina-Fans gegen die Schiedsrichter gekommen. Weil ihrer Ansicht nach ihre Mannschaft zu oft benachteiligt werde, blieb die Fan-Kurve des AC Florenz in den ersten zehn Spielminuten leer.

100 Tage bis zur WM: Brasilien hat nichts aus Fehlern gelernt

Einen Tritt in den Allerwertesten, wie er vor zwei Jahren gefordert hatte, wollte Jérôme Valcke dem WM-Gastgeber Brasilien nicht geben. „Fragen Sie mich nach der Weltmeisterschaft noch einmal“, sagte der Fifa-Generalsekretär vieldeutig.

Der Fußball-Weltverband kann 100 Tage vor dem Eröffnungsspiel am 12. Juni zwischen Brasilien und Kroatien seine Verärgerung über den schleppenden Gang der Vorbereitungen kaum verbergen. Was beim Confed Cup vor einem Jahr duldbar und lehrreich war, sollte diesmal besser laufen.

„Es ist eine Herausforderung. Wir müssen Lösungen finden“, gestand der „WM-General“. Die Brasilianer, die am Dienstag das symbolische Datum mit gelbgrünem Lichtspiel an Stadien und Wahrzeichen der zwölf WM-Städte feiern, kämpfen mit den gleichen Problemfeldern wie beim „Festival der Champions“.

Angefangen bei den Stadien. Bei der WM-Generalprobe hatten nur zwei der sechs Arenen die Fertigstellungsfrist eingehalten. Das Maracanã wurde gar erst 13 Tage vor Turnierstart eröffnet. Für die übrigen sechs WM-Stadien galt das Datum 31. Dezember 2013. Doch nur in der Arena das Dunas (Natal) und im Beira-Rio (Porto Alegre) rollt der Ball.

Die Arena da Amazônia in Manaus, deren Bau von drei tödlichen Unfällen überschattet wurde, öffnet am Sonntag ihre Tore. In der Arena Pantanal von Cuiabá müssen noch Sitzschalen montiert werden, ehe am 2. April Stadtklub Mixto den berühmten FC Santos zum Pokalduell empfängt.

Curitiba hätte um ein Haar die Rote Karte von der Fifa bekommen. Die Sicherung der weiteren Finanzierung sowie die Aufstockung des Arbeitspersonals von 980 auf 1500 rettete die Arena da Baixada. Neue Frist ist der 15. Mai.

In der Arena São Paulo sind die Schäden eines Baukran-Einsturzes im vergangenen November, der zwei Tote forderte, noch nicht behoben. Zudem läuft die Montierung der Sitze auf Hochtouren. Valcke gab am Samstag eine Fristverschiebung auf den 15. Mai für den Schauplatz des WM-Auftakts bekannt. Vom Baukonzern Odebrecht kam postwendend ein Dementi: Der 15. April als Fertigstellungstermin werde eingehalten.

Nächstes Sorgenkind: die temporären Bauten für Medien und Sponsoren. Das Internetportal UOL berichtete, dass zwei Drittel der WM-Städte nicht einmal die öffentlichen Ausschreibungen dafür gemacht hätten.

Bei der Verkehrsinfrastruktur haben die Brasilianer den Kampf gegen die Uhr schon verloren. Was für den urbanen Transport noch fertig wird, geht ohne große Testphase in den Betrieb, wie die modernisierte Metrostation am Maracanã-Stadion. Und auch der Ausbau der Flughäfen wird über das Endturnier hinaus andauern.

„Die Verbesserungen an den Flughäfen sind wichtig für Brasilien, nicht für die Fifa“, relativierte Sportminister Aldo Rebelo und ergänzte: „Wenn sie nicht bis zur WM fertig werden, werden sie halt danach fertig.“

Die Fifa legt ihr Augenmerk eh auf die Stadien. Und da machen auch die IT-Systeme für Medien Sorgen. Valcke: „Ohne IT und ohne Telefonkommunikation in den Stadien werden alle sagen, wir sind die schlechtesten Organisatoren, und es war das schlechteste Event.“

Die Countdown-Uhr tickt. Der WM-Gastgeber bräuchte wirklich den „Tritt in den Hintern“, wie Valcke vor zwei Jahren gefordert hatte. Nach dem Turnier macht es keinen Sinn mehr.