Boxen

Graciano Rocchigiani: „Im Knast wird keiner besser“

Am Sonntag wird der ehemalige Box-Weltmeister Graciano Rocchigiani 50 Jahre alt. Ein Leben mit Titeln und Tiefschlägen

Berlin. Als Profiboxer wurde er Welt- und Europameister. Als Privatmensch hat Graciano Rocchigiani das komplette Spektrum zwischen Kumpel und Ekel ausgelebt. Gefängnisaufenthalte inbegriffen. Am Sonntag wird er 50 Jahre alt. Es könnte die Zeit für ihn kommen, das Leben nunmehr seriös anzugehen. Aber will er das? Und: Wollen wir das? Graciano Rocchigiani steht in seinem Personalausweis. Rocky nennen ihn die Leute, Graze seine „paar echten Freunde“.

Das Geburtstagskind hat seine Mitmenschen eingeteilt. Seine Meinung zum Leben teilt er nicht mit, sondern eher aus. Kompromisslos, nicht immer gerecht. Auch im Interview mit dem Abendblatt nimmt er kein Blatt vor dem Mund.

Hamburger Abendblatt: Herr Rocchigiani. Kein anderer Name ist mit Ihrer Boxerlaufbahn so eng verbunden wie der von Henry Maske. Der feiert seinen 50. am 6. Januar 2014. Was wünschen Sie ihm?

Graciano Rocchigiani: Allet Jute! Ich habe ihn in Leverkusen besucht. In seinem Büro. Wir hatten einen gemeinsamen längeren gemeinsam Termin. Er hat sich echt gefreut, ich mich auch. Er war total locker. Es gab Kaffee und Kuchen (lacht), fast wie bei alten Leuten. Ich respektiere ihn, er mich. Er hat sein Ding auch nach der Karriere gut durchgezogen. Das muss man ihm erst einmal nachmachen.

Er war mal so eine Art Feind.

Rocchigiani: Er war nie mein Feind. Wir waren Konkurrenten, es war eine völlig andere Zeit. Wessi gegen Ossi hieß das Thema und nüscht anderes. Wir haben gekämpft – Ende.

Das glauben Sie doch selbst nicht.

Rocchigiani: Na gut. Es hat Zeiten gegeben, da hat er mich angekotzt. Aber eigentlich war er nicht schuld daran. Er war er, und ich war ich. Den Rest haben andere besorgt. Wir beide haben bei dem ganzen Bohei mitgemacht. RTL hat die Sache ja auch gut angerührt. Henry war für das Profiboxen in Deutschland wichtig. Und für die ehemalige DDR war er sogar eine Galionsfigur wie Kati Witt. Respekt. Das heißt aber nicht, dass wir dicke Freunde sind oder werden. Er ist eben ein anderer Typ.

Zwischen Ihnen beiden steht der erste Kampf 1995 in Dortmund, als Sie sich betrogen gefühlt haben. Spielt das noch eine Rolle zwischen zwei 50-Jährigen?

Rocchigiani: Das hat nichts mit dem Alter zu tun. Die Geschichte beginnt ja nicht mit unserem Kampf. Ich sollte erst mal verarscht werden, für 300.000 Mark boxen. Ich habe gesagt, ich will eine Million. Ich habe die Kohle gekriegt und die Veranstalter sicher noch viel mehr. Dann bin ich mit dem Song von „Spiel mir das Lied von Tod“ in die Westfalenhalle in Dortmund einmarschiert. Alle dachten, ich sei bescheuert. Für mich ging es als Boxer aber um Leben oder Tod. Alle 13.000 Zuschauer waren gefühlt gegen mich. Was die nicht wussten, ich fand die Pfiffe geil, weil ich sicher war, am Ende bejubelt zu werden. Und so kam es ja auch.

Sie sehen sich immer noch als Sieger?

Rocchigiani: Henry war alle. Er hat sich an mich geklammert, an meinen Beinen festgehalten. Sie haben ihn die Ringtreppe runtergeführt. Das Urteil war Beschiss. Schade, dass es damals keine 15-Runden-Kämpfe mehr gab. Maskes Trainer Manfred Wolke hat gegenüber meinem Trainer Wolfgang Wilke zugegeben, dass das Urteil falsch war. Genauso falsch wie das Urteil, das er ein paar Wochen vorher in Las Vegas mit Axel Schulz gegen George Foreman erlebt hatte. Aber klar ist auch: Den zweiten Kampf hat Henry deutlich gewonnen. Er war wirklich gut.

Sie hatten da aber massive Rückenprobleme.

Rocchigiani: Das zählt nicht. Ich bin angetreten und habe verloren. Das war ein Fehler, aber es war mein Fehler. Wenn ich jetzt anfange darüber zu reden, komme ich rüber wie ein Jammerlappen. Und wie schon gesagt: Maske war gut in dem Kampf.

War das Ihre schlimmste Niederlage, und welcher war der schönste Sieg?

Rocchigiani: Mein größter Sieg war der erste WM-Sieg im März 1988 gegen Vincent Boulware. Damit hat sich mein Lebenstraum erfüllt. Weltmeister. Meine schlimmste Niederlage war die erste, 1994 gegen Chris Eubank in der Deutschlandhalle. So ein Scheißgefühl hatte ich nie wieder im Ring. Es war zum Heulen. Vor allem, weil ich auch da betrogen wurde.

Dann fehlt noch der Kampf 1996 in Hamburg gegen Dariusz Michalczewski.

Rocchigiani: Das war der Hammer. 25.000 Leute im Stadion vom FC St. Pauli. Megageill! Gute Stimmung und ich habe mich gut gefühlt. Und dann macht der Tiger einen auf sterbenden Schwan, und der Ringrichter fällt darauf rein, dreht völlig durch, gibt falsche Trennkommandos. Maske und der Tiger waren praktisch k.o. – Ende.

Eigentlich komisch, dass über diese drei Niederlagen mehr gesprochen wird als über ihre Siege.

Rocchigiani: Das waren ja keine Niederlagen.

Es gab auch, obwohl immer wieder angekündigt, kein drittes, kein Millionen-Duell mit Michalczewski. Haben Sie wirklich jemals daran geglaubt?

Rocchigiani: Mehr noch. Ich wollte ein Vierer-Turnier. Maske, Michalczewski, ein dritter Halbschwerer und ich. Ganz ehrlich, da haben alle Manager und das Fernsehen versagt. Was Dariusz angeht: Er hatte einfach eine große Schnauze, aber leider gekniffen. Trotzdem fand ich ihn eigentlich ganz in Ordnung. Er hat auch mal aufgemuckt, und man konnte mit ihm gut feiern.

Der 50. Geburtstag ist gefühlt so etwas wie die erste Halbzeit des Lebens. Was zwar nicht stimmt, dennoch, fürchten Sie sich vor der zweiten?

Rocchigiani: Nee. Ich bin zufrieden. Ich habe viel Gutes gehabt, und manchmal habe ich mich dadurch in die Scheiße geritten, weil ich übertrieben habe. Aber ich habe bisher ein schönes Leben gehabt. Und ich bereue nichts. Was ich nicht will, ist, irgendwann mal hilflos zu sein. Irgendwo rumzuliegen und nichts mehr machen zu können. Dann lieber Sterbehilfe oder Schlaftabletten.

Das ist hart.

Rocchigiani: Aber ehrlich.

Ihr Markenzeichen, Ehrlichkeit?

Rocchigiani: Ich sage, was ich denke. Manchem gefällt das, manchem nicht. Ich weiß, dass ich Leute schon verletzt habe. Bei denen es mir leidgetan hat, habe ich mich entschuldigt. Man macht eben Fehler. Aber Rumschleimer kann ich auf den Tod nicht ausstehen.

Sie sind frisch geschieden. Tut es Ihnen weh, dass Sie mit Ihrer Frau Christine nicht mehr zusammen sind?

Rocchigiani: Christine war klasse. Aber es hat am Ende nicht gepasst. Wir hatten eine gute Zeit, und die ist nun vorbei. Wir leben ja schon einige Jahre getrennt. Wenn wir uns sehen, haben wir immer noch Spaß miteinander.

Sie hat ein Buch geschrieben. Sehen Sie das als Abrechnung mit Ihnen?

Rocchigiani: Sie verarbeitet damit unsere gemeinsame Zeit. Bei den Sachen, die mit dem Sport zusammenhängen, hat sie mich sogar angerufen. Aber mehr interessiert mich daran auch nicht. Das ist Christines Bier.

Sind Sie ein Familienmensch?

Rocchigiani: Ja, aber nicht so, dass ich jeden Sonntag zum Kaffeetrinken komme. Mein Vater und meine Mutter haben ihr ganzes Leben verdammt hart gearbeitet. Meine Mutter hat dazu mich meinen Bruder Ralf und meine Schwester Claudia groß gezogen. Mein Vater war und ist mein Vorbild. Er hat Jahrzehnte auf dem Bau geschuftet. Er ist jetzt kaputt, aber ich bin froh, dass es beiden insgesamt gut geht. Ich finde, für Leute wie meine Eltern, könnte die Politik mehr machen.

Das klingt fast ein wenig nach schlechtem Gewissen

Rocchigiani: Ich war bestimmt nicht immer der Sohn, den sie sich gewünscht hatten.

Sie haben vor Jahren mal gesagt, Ihre Eltern sollten Sie nicht im Gefängnis besuchen

Rocchigiani: Es war genug, dass ich ihnen Kummer gemacht habe. Ich habe mich schwer geschämt.

Sind Sie im Knast ein besserer Mensch geworden?

Rocchigiani: Keiner wird im Knast besser.

Wird jemand wie Sie mit der Zeit oder mit den Erfahrungen bescheiden?

Rocchigiani: Ich will, dass es mir und meinen Leuten einigermaßen gut geht. Ein bisschen Geld zum Leben, und dann genügt das eigentlich schon. Ich habe in meinem Leben ja auch alles gehabt. Im Alter – ich weiß, das klingt jetzt komisch – wird man ein bisschen ruhiger. Ich brauche kein dickes Auto und keine Brillantuhr. Ich wäre natürlich nicht sauer, wenn ich beides hätte, aber wenn nicht, dann nicht. Drauf geschissen – (lacht) Entschuldigung.

Sie denken immer noch viel ans Boxen?

Rocchigiani: Ich habe fast mein ganzes Leben irgendwie mit Boxen zugebracht. Da kann ich nach 40 Jahren doch nicht so tun, als wäre mir alles egal.

Vitali Klitschko denkt derzeit statt ans Boxen vor allem an die Politik. Wäre das auch für Sie eine Alternative?

Rocchigiani (lacht): Nur in der Ukraine, da darf man sich im Parlament prügeln.

Was wünschen Sie sich zum 50.?

Rocchigiani: Das Leben geht ja weiter, hoffentlich noch lange. Und sonst Gesundheit für mich, meine Familie und meine Freunde. Und besonders meine Ruhe!

Erinnern Sie sich noch an ihre letzten offiziellen Worte als Profiboxer?

Rocchigiani: Klar: Ick hab immer jerne für Sie jeboxt!