Erster Matchball für Sebastian Vettel

Der Formel-1-Weltmeister siegt auch in Südkorea und kann am nächsten Sonntag seinen vierten Titel holen. Der Fahrer des Rennens ist Nico Hülkenberg

Yeongam. Sebastian Vettels erster Griff im Warteraum vor der Siegerehrung beim Großen Preis von Südkorea ging zur bereitgestellten Wasserflasche. Der überlegene Sieger des Formel-1-Rennens in Yeongam erklärte er den beiden hinter ihm platzierten Lotus-Piloten Kimi Räikkönen und Romain Grosjean seinen großen Durst: „Mit meinen Reserven an Bord stimmte irgendetwas nicht. Ich konnte während des ganzen Rennens nichts trinken.“ Das war das einzige Problem des Weltmeisters an diesem Nachmittag.

Der 26-Jährige hatte als Trainingsschnellster auch den besten Start erwischt und bereits nach der ersten Runde mehr als zwei Sekunden Vorsprung vor dem Rest des Feldes herausgefahren. Anders als in den vergangenen Rennen konnte er den Abstand jedoch nicht deutlich ausbauen; dafür waren Grosjean und anfangs auch Mercedes-Pilot Lewis Hamilton zu schnell. In Gefahr bringen konnten ihn die Verfolger trotzdem zu keinem Zeitpunkt. „Alles in allem ist es fantastisch gelaufen“, konstatierte Vettel nach seinem vierten Sieg hintereinander. „Wir haben jede Menge Spaß bei der Arbeit und schaffen es jedes Rennwochenende, das Auto genau richtig einzustellen.“ Während er vorne einsam Führungsrunde an Führungsrunde reihte, fand das Spektakel wieder einmal hinter ihm statt.

So ging nach einer Kollision mit Adrian Sutil zum Beispiel Mark Webbers Red-Bull-Bolide in Flammen auf und brannte beinahe eine Minute lang lichterloh. Erst dann waren Sicherheitskräfte mit Feuerlöschern herbeigeeilt. Zu dem Zeitpunkt war allerdings auch schon ein Feuerwehrauto auf die Strecke gebogen und irritierte die Rennfahrer. Wenig später explodierte der linke Vorderreifen von Sergio Perez’ McLaren und weckte unschöne Erinnerungen an das Gummi-Drama in Silverstone, das heftige Sicherheitsdiskussionen ausgelöst hatte. Diesmal war jedoch ein Fahrfehler des Mexikaners die Ursache für den Schaden.

All das stand jedoch im Schatten von Nico Hülkenberg, der im Sauber das Rennen seines Lebens fuhr. Zwar war er schon im vergangenen Jahr einmal als Vierter über den Zielstrich gefahren, auch die Poleposition 2010 in São Paulo sichert ihm einen prominenten Platz in den Geschichtsbüchern. Doch der vierte Rang in Südkorea verblüffte selbst den Rheinländer so nachhaltig, dass er auch Stunden nach dem Rennen noch immer nach den richtigen Worten suchte. „Es war mit Sicherheit ein kleines Meisterstück“, sagte er mit einer Mischung aus Stolz und Ratlosigkeit. „Ich hatte schon viele Rennen mit anderen Autos im Rückspiegel, aber heute war es besonders nervig und viel.“

Namentlich waren es Webber und die beiden früheren Weltmeister Hamilton und Alonso, die dem Sauber-Mann zusetzten. Doch der 26-Jährige verteidigte seine Position bis zum letzten Meter. „Ich wusste, dass ich aus Kurve eins gut herauskommen muss“, stöhnte er. „Es war sehr anstrengend, aber wir wurden belohnt.“ Neben der fettesten Punktausbeute in dieser Saison war es für Hülkenberg vor allem ein Husarenstreich zum rechten Zeitpunkt.

Denn der Deutsche gehört zum guten halben Dutzend jener Formel-1-Piloten, die noch nicht wissen, ob und wo in der nächsten Saison in der Königsklasse Platz für sie ist. Hülkenbergs Situation ist komfortabel, sowohl Lotus, als auch McLaren und Force India sollen Interesse an einer Verpflichtung haben. Bis vor Kurzem gehörte auch Ferrari zum Kreis der Kandidaten. Doch dann entschieden sich die Italiener für den Finnen Räikkönen, die Absage kam per SMS. Am Sonntag mussten die Ferrari-Bosse erleben, wie Hülkenberg ihren vermeintlichen Nummer-eins-Fahrer 50 Runden lang zur Weißglut trieb.

Dennoch sagt der GP2-Champion von 2009, dass er „keinerlei Zeitdruck“ verspüre. Bereits in Monza betrieb er mit Rang fünf vorzügliche Eigenwerbung, seit Räikkönens Wechsel zu Ferrari bekannt wurde, gilt er als Top-Favorit auf dessen Nachfolge bei Lotus. Allerdings teilt Hülkenberg das Problem vieler talentierter Rennfahrer: Er gehört zu den fähigsten Piloten, doch ohne einen potenten Sponsor im Rücken wird es schwierig, ein Formel-1-Cockpit zu bekommen. Vor drei Jahren musste er Williams trotz starker Leistungen verlassen, weil der Venezolaner Pastor Maldonado mit den Petromillionen des größten Erdöl-Exporteurs seines Heimatlandes im Rücken in die Formel1 drängte.

Hülkenberg hat keinen solch potenten Partner. Er muss mit Ergebnissen überzeugen, um den Absprung vom darbenden Sauber-Team zu schaffen. Die Schweizer sind mit den Gehaltszahlungen im Rückstand, und um das Auto weiterzuentwickeln, fehlt das Geld.

In Suzuka wird das Rampenlicht aber wieder auf Sebastian Vettel gerichtet sein. Vettel könnte mit einem Sieg bereits im fünftletzten Grand Prix der Saison den WM-Titel perfekt machen – es wäre der vierte in Folge. Allerdings dürfte Alonso dann maximal Neunter werden. Bevor Vettel am Sonntag die Strecke verließ, versicherte er artig: „Ich versuche, nicht darüber nachzudenken und mich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Es sind noch einige Punkte zu vergeben.“ Immerhin ergänzte er nach kurzem Zögern: „Wir sind nah dran, das gebe ich ja zu.“