Interview mit Regina Halmich

„Ich habe mich nie über das Rampenlicht definiert“

An diesem Sonnabend bestreitet Profiboxerin Ina Menzer ihren Abschiedskampf. Regina Halmich, vor sechs Jahren zurückgetretene deutsche Box-Queen, spricht über den schweren Weg ins Leben nach der Karriere und ihre Ratschläge für Menzer.

Hamburg. Mit ihrem 32. Kampf beendet Ina Menzer an diesem Sonnabend in ihrer Heimatstadt Mönchengladbach ihre Profiboxkarriere. Die 32 Jahre alte Wahl-Hamburgerin, die 2004 beim Hamburger Universum-Stall begann und zwischen Oktober 2005 und Juli 2010 Weltmeisterin im Federgewicht war, trifft auf Goda Dailydaite aus Essen. Eurosport überträgt live von 21.30 Uhr an. Regina Halmich, 36, im November 2007 zurückgetretene Wegbereiterin des deutschen Frauenboxens, erklärt im Gespräch mit dem Abendblatt, was Menzer auf dem Weg in das Leben nach der Karriere erwartet.

Hamburger Abendblatt: Frau Halmich, Ihr Rücktritt ist mittlerweile fast sechs Jahre her. Hand aufs Herz: Wie häufig haben Sie diesen Schritt bereut?

Regina Halmich: Es mag Sie überraschen, aber ich habe ihn nie bereut, weil ich bis heute der festen Überzeugung bin, dass es der richtige Zeitpunkt war, um aufzuhören. Auch heute noch sprechen mich Menschen an und sagen mir, wie schade es ist, dass ich nicht mehr boxe. Aber ich sage dann: Es ist gut, wie es ist.

Wie schwierig war es, diesen Zeitpunkt zu finden? Und wie ist Ihnen das gelungen? Aus körperlichen Gründen hätten Sie ja nicht aufhören müssen.

Halmich: Ich hatte mir irgendwann das Ziel gesetzt, mit 30 das Boxen aufzugeben, weil ich das Gefühl hatte, dass ich alles erreicht hatte, was ich erreichen wollte, und es mir immer schwerer fiel, mich weiter zu motivieren. Als wir dann das Datum für den letzten Kampf finalisiert hatten, war ausreichend Zeit, an das Leben nach der Karriere zu denken. Ich hatte mich immer mit anderen Dingen beschäftigt, habe viel gelesen und hatte einige Ideen. Gemeinsam mit meinem Management habe ich dann einen Plan aufgestellt. Dennoch muss ich zugeben, dass mir zwei Dinge zugute kamen: Erstens habe ich im Boxen so gut verdient, dass ich gelassener an das neue Leben herangehen konnte. Ich hatte keine Existenzängste. Zweitens habe ich dank des Netzwerks, das mein Team aufgebaut hatte, so viele gute Angebote bekommen, dass ich mich seit dem Rücktritt keinen Tag gelangweilt habe. Diese beiden Dinge haben nicht alle Sportler, die aufhören.

Was war Ihre größte Sorge, wovor haben Sie sich in den Wochen vor dem Rücktritt am meisten gefürchtet?

Halmich: Das waren drei Dinge. Natürlich war es emotional hart, sich auf den Abschied vorzubereiten. Boxen war nie ein Beruf, sondern Berufung für mich, und wenn ein solches Kapitel, das man so sehr geliebt hat, endet, tut das immer weh. Dazu kam das Existenzielle, denn auch wenn ich gut verdient hatte, war der Respekt davor, dass ich vielleicht nie wieder etwas so gut können würde wie das Boxen, groß. Und dann war da die Angst, dass mir der Applaus, die Anerkennung in der Öffentlichkeit, fehlen könnte.

Dieser Schritt heraus aus dem Rampenlicht, der ist bei Sportlern wie Ihnen, die ihren Beruf vor Millionenpublikum ausgeübt haben, besonders schwierig. Wie lange hat es gedauert, bis Sie verkraftet hatten, dass die Zeit als Star vorbei war?

Halmich: Das Gute war, dass ich mich nie über das Rampenlicht definiert habe. Natürlich war die Anerkennung schön, denn dafür nimmt man ja die harte Arbeit, die wochenlange Schufterei in der Vorbereitung auf sich. Für diesen Moment, wo die Fans einem zujubeln, wenn man gewonnen hat. Aber ich bin sehr schnell damit klargekommen, dass das nicht mehr so ist. Wobei ich auch hier zugeben muss, dass ich noch immer jeden Tag irgendwo erkannt werde. Insofern war die Fallhöhe nicht so hoch. Aber ich habe dafür auch einiges getan. Es gibt andere Kollegen wie Sven Ottke, die haben sich aus eigenem Wunsch total zurückgezogen. Das ist völlig okay, man darf sich dann aber nicht wundern, wenn kein Interesse mehr da ist. Ich habe versucht, präsent zu bleiben, weil ich schon vor meinem Rücktritt wusste, dass ich mich nicht darauf ausruhen durfte, mal eine erfolgreiche Boxerin gewesen zu sein. Ich musste mich weiterentwickeln, das war ganz wichtig für mich.

Haben Sie sich deshalb auch vom Boxen gelöst? Weil Sie nicht darauf reduziert werden wollten?

Halmich: Boxen wird immer ein Teil meines Lebens sein, und es ist ja auch nicht so, dass ich nichts mehr damit zu tun habe. Ich lese jeden Tag im Internet, was es Neues gibt. Ich schaue alle Kämpfe, die übertragen werden, ich werde zum Glück auch noch zu den großen Kämpfen in Deutschland eingeladen, und ich halte Kontakt zu ehemaligen Kollegen. Dennoch war es für mich wichtig, andere Bereiche kennen zu lernen.

Was ist denn Ihre heutige Berufsbezeichnung?

Halmich: Ich bin selbstständig und habe verschiedene Projekte, die mir viel Spaß machen. Nach meinem Rücktritt hatte ich verschiedene Moderationsjobs im Fernsehen, was mir viel Spaß gemacht hat. Derzeit bin ich Fitnessexpertin bei Fitness First, Ende des Jahres startet in 80 Studios deutschlandweit mein zweites eigens erstelltes Trainingsprogramm, das erste läuft seit zwei Jahren. Für Adidas entwerfe ich eine neue Boxkollektion. Ich halte Vorträge bei Unternehmen und gebe Box- und Fitnesskurse im In- und Ausland. Ich habe wirklich so viel zu tun, dass jeder Monat anders ist, und das liebe ich. Ich kann sagen, dass ich in meinem neuen Leben wirklich sehr schnell angekommen bin. Dafür bin ich dankbar.

Im Fernsehen schauen auch viele Menschen zu, Lampenfieber gibt es da auch. War der Schritt zur Moderatorin ein wenig auch die Suche nach einem Ersatzkick? Oder was haben Sie nach dem Rücktritt am meisten vermisst?

Halmich: Es stimmt schon, diesen Adrenalinkick, den es mir gegeben hat, zu einem Boxkampf in den Ring zu marschieren, den habe ich nie wieder so erlebt. Das Moderieren im Fernsehen war auch aufregend, aber auf eine andere Art. Ich bin auch ein Achterbahn-Junkie, habe Fallschirmspringen ausprobiert, aber ich bin nicht rastlos und dauernd auf der Suche nach einem Ersatzkick. Ich habe gelernt, die kleineren Dinge mehr zu schätzen. Manchmal träume ich aber tatsächlich davon, noch einmal zu einem großen Kampf in eine Arena einzumarschieren.

Das hätten Sie doch bestimmt haben können. Wie viele Angebote für ein Comeback haben Sie bekommen?

Halmich: Ich hatte einige ernsthafte Angebote, aber ich habe niemals ernsthaft darüber nachgedacht. Mit meinem Rücktritt war das Boxen für mich abgehakt. Ich habe seitdem nie wieder Sparring gemacht, und ich ziehe die Handschuhe nur noch an, wenn ich im Training eine Übung vormachen muss. Ich halte mich aber weiterhin extrem fit, ich trainiere fünfmal die Woche und mit großem Ehrgeiz. Aber ich glaube, dass es mir gut getan hat, mich vom Wettkampfboxen zu lösen. Deshalb bin ich auch meinem Promoter Klaus-Peter Kohl dankbar, dass er sein Wort gehalten und mir nie wieder einen Kampf angeboten hat. Vielleicht wäre ich dann doch noch einmal schwach geworden.

Das Frauenboxen könnte Ihre Expertise sicherlich auch auf anderer Ebene brauchen. Als Sie anfingen, war es in der Nische, mittlerweile ist es dort wieder angekommen. Wäre es nicht an der Zeit, dass Sie sich als Managerin, Trainerin oder im Verband engagieren?

Halmich: Angebote dazu hat es einige gegeben, aber es hat nie gepasst. Aber ich schließe nicht aus, dass ich bald eine Aufgabe im Boxen übernehme. Als Managerin sehe ich mich nicht, ich habe einen wahnsinnigen Respekt vor der Arbeit, andere Menschen groß rauszubringen. Aber Trainerin oder ein Projekt im Verband, das traue ich mir zu. Und wenn Sportlerinnen mich um Rat fragen, gebe ich diesen gern.

Was ist denn aus Ihrer Sicht falsch gelaufen nach Ihrem Rücktritt, warum ist das Frauenboxen wieder praktisch bei Null?

Halmich: Es fehlt an der Vermarktung außerhalb des Rings. Ein Qualitätsproblem haben wir bestimmt nicht, Sportlerinnen wie Susi Kentikian, Christina Hammer oder auch Ina Menzer sind wirklich richtig gut. Aber sie finden abseits des Sports kaum statt, und dadurch ist eine große Lücke in der Popularität entstanden. Außerdem wird Boxen weniger übertragen als früher, aber das Problem haben die Männer ja auch. Der größte Fehler sind die Kampfansetzungen. Man müsste viel öfter zwei bekannte Boxer gegeneinander antreten lassen, das wäre für die Sender und die Fans interessanter. Aber vielleicht braucht es auch einfach nur Zeit und Geduld, um diese Talsohle zu durchschreiten.

Zum Abschluss: Was würden Sie Ina Menzer raten, damit ihr der Übergang in das neue Leben auch so gut gelingt wie Ihnen?

Halmich: Ich rate ihr, den letzten Kampf zu genießen und danach mit Offenheit und Elan die neuen Aufgaben anzugehen. Ich weiß, dass Ina auch kein Mensch ist, der die Dinge auf sich zukommen lässt. Deshalb bin ich mir sicher, dass sie einen Plan hat und den auch umsetzen wird. Ich wünsche ihr viel Erfolg und ebenso gute Angebote, wie ich sie hatte. Dann wird alles gut.